15.10.2009 10:58 |

Bittere Realität

Menschenhandel gibt es auch bei uns - Ermittler berichtet

Eine zehnjährige Bulgarin wird an Zieheltern verkauft. Das Paar vermietet das Mädchen sechs Jahre lang für sexuelle Zwecke an türkische Männer, oft sind es mehrere Kunden pro Tag. Gefügig gemacht wird das Kind durch Folter, mit Zigaretten werden versteckte Körperteile verbrannt. Wichtige Attribute der "Ware" wie Gesicht oder Dekollete bleiben unversehrt. Was sich wie eine Filmgeschichte anhört, ist bittere Realität - auch in Österreich.

Das Schicksal der jungen Bulgarin beschreibt den schlimmsten Fall von Menschenhandel, mit dem Gerald Tatzgern, Leiter des Büros für Menschenhandel- und Schleppereibekämpfung im Bundeskriminalamt, in den vergangenen Jahren zu tun hatte.

Wie aus Opfern Kriminelle gemacht werden
Am Sonntag soll der europäische Tag gegen Menschenhandel eine Sensibilisierung für den schwer durchleuchtbaren Kriminalitätszweig bewirken. Ein Trend, der eine starke Zunahme verzeichnet: Der Missbrauch junger Männer und Burschen für Einbrüche und Straftaten. 17-Jährige, zum Beispiel aus Moldawien, werden für eine Schleppung in den goldenen Westen angeworben, berichtet Tatzgern. Für den Transport müssen sie "bezahlen". Ihre Schuld begleichen sie durch Diebstähle und andere Delikte, für die sie von organisierten Banden ausgebildet werden.

"Sie werden so lange ausgenutzt, bis sie die Polizei erwischt. Als Minderjährige kommen sie meist mit einer Anzeige davon und nicht in U-Haft", erklärte der BK-Mitarbeiter. Im schlimmsten Fall werden sie abgeschoben und für die Täter unbrauchbar. Kommt einer der Burschen aufgrund der Beweislage doch in Haft, steht er nicht als Menschenhandels-Opfer, sondern als mehrfacher Einbrecher da. Die Organisation der Banden geht laut Tatzgern sogar so weit, dass ein reger Austausch bezüglich der Einsatzländer stattfindet. Wer einmal in Österreich angezeigt wird, wechselt das Gebiet und wird beispielsweise nach Deutschland geschickt.

Das Hauptproblem: Bei dieser Vorgehensweise lassen sich Betroffene kaum identifizieren und werden selbst zu Kriminellen. "Die Täter arbeiten genau mit der Rechtslage", so Tatzgern. Schon bei der Anwerbung werde geschickt vorgegangen: Damit Menschenhandel vorliegt, muss Ausbeutung ersichtlich sein. Wenn das Opfer selbst einen Vorteil aus einem Verhalten ziehe und auch nur eine geringe Summe selbst behalten dürfe, sei der Nachweis schwierig. Auf diese Gratwanderung werde auch beim Betteln geachtet.

"Du hast ja freiwillig mitgemacht"
Schwierig sei auch, dass sich Betroffene häufig selbst nicht als Opfer wahrnehmen. Meist komme es zu Beginn nicht zum Zwang. Die Menschenhändler locken Kinder und Erwachsene vielmehr in eine Art Teufelskreis und machen sie selbst zu Schuldigen, bis sie erpressbar sind.

Diese Methode funktioniert laut dem BK-Mitarbeiter nicht nur bei rekrutierten Einbrechern, sondern auch bei Prostitution: Frauen in ausweglosen Situationen werden zunächst als Putzpersonal beschäftigt, dann vorsichtig gebeten, eine Barkeeperin zu vertreten, und mit Geld geködert. Danach folgt ein harmloser Einsatz als Animationsdame und schlussendlich ein Treffen mit einem "netten Mann". Der Vorwurf, der den labilen Opfer in weiterer Folge bleibt: "Du hast ja freiwillig mitgemacht."

Die Verschleppung oder der Verkauf von Frauen sei in Österreich selten, Schicksale wie jene der jungen Bulgarin zum Glück eine Ausnahme, so Tatzgern. Aber auch Ausnahmen passieren.

Österreich wird "unfruchtbarer Boden" für Bettel-Mafia
Auch bei Bettelei läuft die Manipulation ähnlich wie bei Straftaten oder Sexarbeit: Den Opfern wird gewissermaßen ein "Job" versprochen, dann werden sie für bestimmte Zeiten auf die Straße gesetzt und müssen Geld "verdienen", erklärte Tatzgern. "Ihnen bleibt ein gewisser Geldbetrag übrig und sie sehen sich nicht als Opfer." Bis 2006 setzten die Banden vor allem rumänische und bulgarische Kinder ein. In Kooperation mit der Wiener Organisation "Drehscheibe" wurden diese langfristig betreut und in Krisenzentren in die Heimat zurückgebracht. "Dadurch, dass die Kinder von der Straße weggenommen und für die Täter unerreichbar wurden, ist Österreich unfruchtbarer Boden für die Kinderhändler", so Tatzgern.

So sieht es auch "Drehscheibe"-Leiter Norbert Ceipek: "Menschenhändler sind sehr wohl darauf bedacht, die Kinder möglichst lange auf der Straße zu haben. Man muss ihnen diese einfache Art des Geldverdienens vermasseln. Wenn man dieses Tor ein bisschen schließt, haben wir eine Chance." Die Zahl der betreuten minderjährigen Opfer habe jedenfalls deutlich abgenommen: Nach rund 700 Klienten im Jahr 2005 und mehr als je 300 in den beiden Folgejahren, wurden 2008 knapp 100 versorgt. Im ersten Halbjahr 2009 waren es rund 30 Mädchen und Burschen.

Teufelskreis durch Mangel an Hilfszentren
Auch die von der Polizei beobachtete Verwendung als Straftäter ist dem Sozialarbeiter nicht unbekannt: "Es gibt zum Beispiel Kinder, die sehr klein und dünn sind. Sie werden 'verwendet', um bei Fensterspalten hineinzuklettern." Hilfe suchen sich nur wenige Mädchen und Burschen: "Die Hemmschwelle ist sehr hoch. Einerseits aus Angst vor den Schleppern, die Furcht vor einer Gefängnisstrafe schüren und drohen, sie werden die Geschwister genauso behandeln oder die Eltern umbringen", erzählte Ceipek. Bis auf die "Drehscheibe" in Wien gebe es in keinem Bundesland Unterstützungsmöglichkeit, kritisierte er. Die Folge: Nach einem Aufgriff fallen die Betroffenen zurück in die Hände der Menschenhändler.

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