Mi, 22. August 2018

Großes Interview:

07.03.2018 09:00

Wird das Leben in Tirols Bergen zur Gefahr?

Gesperrte Straßen, evakuierte Häuser – riesige Felsbrocken. Zunehmend dominierten Hangrutsche und Felsstürze die Schlagzeilen der jüngsten Vergangenheit. Wird das Phänomen Felssturz tatsächlich mehr? Und das Leben in den Alpen folglich zur Gefahr? Landesgeologe Gunther Heißel stand Rede und Antwort.

Herr Heißel, man bekommt man den Eindruck, der Tiroler lebt gefährlich. Schmelzender Permafrost und stürzende Felsen. Werden diese Naturereignisse tatsächlich mehr?
Ja, vom schmelzenden Kitt der Berge liest man in der Tat immer öfter. Ich würde es fast eine Modeerscheinung unter Forschern nennen. Aber hier kann ich ganz klar Entwarnung geben: Es stimmt zwar, dass Permafrost schmilzt, aber das betrifft in Tirol keine Infrastruktur, sondern Gebiete oberhalb von 2000 Metern. Thema ist es also bei Alpenvereinshäusern, Klettersteigen und Skigebieten, aber wenn der Permafrost in die Planung mit einbezogen wird, ist es auch da kein Problem.

Wie sieht es denn mit den Felsstürzen aus?
Berge sind für menschliche Begriffe sehr alt – und im Alter wird es ja bekanntlich nicht besser. Regen, Schnee und Sonne wirken seit Ewigkeiten auf sie ein, das führt natürlich zu Veränderungen. Gestein dehnt sich bei Wärme aus und zieht sich bei Kälte zusammen, so entstehen Risse. Sammelt sich in diesen Rissen Wasser, das friert und wieder auftaut, kommt es zu Sprengungen.

Das heißt, die Berge werden zunehmend brüchiger?
Sie verändern sich und schwankende Temperaturen setzen ihnen zu. Ob es heute mehr Felsstürze gibt als früher, ist schwer zu sagen. Erstens gibt es wenige Aufzeichnungen, die man zum Vergleich heranziehen könnte. Zweitens ist Tirol so besiedelt wie nie zuvor. Wenn vor ein paar Jahren irgendwo ein Felsen herunter stürzte ist, ist das niemandem aufgefallen. Heute fällt der in einen Siedlungsraum. Deshalb wird auch mehr berichtet. Das ist gut, weil es die Bevölkerung sensibilisiert und man gegensteuern kann. Aber in den Mittelpunkt gestellt, wirkt es so als ob es mehr wird.

Inwieweit setzt denn der Mensch den Bergen zu?
Die Ansprüche an die Natur steigen. Es wurde mancherorts sicherlich auch an Stellen gebaut, wo man nicht bauen hätte sollen. Der Mensch kann aber genauso gut zu einer Besserung beitragen – zum Beispiel indem interdisziplinär zusammengearbeitet wird, um die Waldfunktion zu erhalten. Die beeinflusst nämlich das Klima und in weiterer Folge Erosionen, Lawinen, Muren und dergleichen. Und das funktioniert nur wenn Meteorologen, Forscher und Forster, Geologen und die Politik zusammen arbeiten.

Also trügt der Schein der steigenden Gefahr?
Das kann man nicht wirklich sagen. Aber: Weniger wird es bestimmt auch nicht. Deshalb ist es wichtig, dass man so gut wie möglich zusammenarbeitet, Bewusstseinsbildung betreibt und sich bessere Entwässerungsmodelle einfallen lässt. Die haben in der Vergangenheit nämlich zu wenig Beachtung bekommen, dabei ist Wasser ein maßgeblicher Faktor, wenn es um Felsstürze geht.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter

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