Di, 19. Juni 2018

Nestroy-Premiere

05.03.2018 10:01

Was das liebe Geld aus Menschen macht

Die Vorfreude auf Nestroys „Der Zerrissene“ war groß. Die Posse mit Gesang fühlt ja einem aktuellen Weltthema auf den Zahn: Gelangweilter Millionär bringt mit einer komischen Idee etwas Schwung in seine Leben. Die Inszenierung im Linzer Schauspielhaus findet langsam zu Konturen, am Ende aber ist man zufrieden.

Was Geld aus dem Menschen macht! Der reiche Herr von Lips hat eine Party im Haus und trotzdem weiß er nicht, wie er weiterleben soll. Seine „Krankheit“ heißt Langeweile. Als er beschließt, die Erstbeste zu heiraten, kommen die Lacher und Pointen endlich etwas in Gang. Nestroys Possen lassen Charakterköpfe aufeinander los, die unverblümt Einfalt, Sturheit, herzensgute Jungfräulichkeit oder eiskalte Verluderung personifizieren.

Fehlender Mut
Der Mut, diese Schablonen und ihre Sager geschickt zu takten, weil das Publikum genau das sehen will, fehlt der Inszenierung von Markus Völlenklee. Der gebürtige Innsbrucker findet zwar zwischen Bühnensprache und Dialekt eine gute Balance, er zeigt Gespür bei der Modernisierung, was sich vor allem in den Kostümen (Angelika Rieck) ausdrückt. Doch die meisten Figuren lassen ihre innerste Überzeugung vermissen, dass ihr Blick auf die Welt der einzig richtige ist. Das dämpft das Komödiantische. Jan Nikolaus Cerha als Kapitalist Lips nimmt man die Langweile und Zerrissenheit nicht ab. Erst nach der Pause, als man ihn leider in eine nichtssagende Jogginghose steckt, zeigt er Spielfreude, so dass die Lieb‘ erwacht. Konturenlos die drei Freunde, der Cowboy nur platte Attitüden. Gunda Schanderer als Heiratsschwindlerin hat wenig kriminelle Energie.

Grandiose Couplets
Julian Sigl als Schlosser Gluthammer lässt viel Nestroy spüren, auch Christina Polzer als rechtschaffenes Mädel holt sich viele Sympathien. Horst Heiss als Krautkopf spielt hier auch noch mit. Grandios die Couplets, die Komponist David Wagner um Seitenhiebe auf die Kürzung der Kulturgelder, die Donaubrücken-Lücke, die Burschenpartien und den Swap pfiffig erweitert. Großer Applaus! Auf jeden Fall und trotzdem sehenswert!

Elisabeth Rathenböck,  Kronen Zeitung

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