Afghanistan-Wahl

Beide Lager sehen sich als Sieger

Ausland
21.08.2009 09:55
Die Stimmenauszählung nach den Präsidenten- und Provinzratswahlen in Afghanistan ist nach Angaben der Wahlkommission in Kabul beendet. Voraussichtlich 40 bis 50 Prozent der Wahlberechtigten hätten sich an dem Urnengang vom Donnerstag beteiligt, teilte die Kommission am Freitag mit. Sowohl das Lager von Präsident Hamid Karzai (Bild) als auch das seines stärksten Widersachers, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, beanspruchten den Wahlsieg für sich. Karzai liege nach bisherigen Informationen "weit vorn", sagte der Chef seines Wahlkampfteams, Din Mohammed. Abdullahs Sprecher Fazil Sansharaki wiederum sprach seinerseits von Teilresultaten, nach denen Karzais Herausforderer über 60 Prozent, der Amtsinhaber jedoch nur 30 habe.

Karzais Wahlkampfmanager erklärte in Kabul: "Unsere Zahlen zeigen, dass wir genügend Stimmen haben, um zu gewinnen, ein zweiter Wahlgang ist damit nicht nötig." Ein Sprecher Abdullahs wies dies als "Propaganda" zurück und sagte, nach ersten Auszählungen liege vielmehr der Herausforderer in Führung. Aus dem Lager von Abdullah hieß es außerdem, es gebe Berichte über Wahlbetrug in einigen südlichen Provinzen des Landes, wo Karzai vermutlich viele Stimmen bekam.

Außer über ihren Präsidenten hatten die Afghanen auch über 420 Mandate in den 34 Provinzparlamenten zu entscheiden. Die vorläufigen Wahlergebnisse sollen kommende Woche verkündet werden, die offiziellen Endergebnisse erst am  17. September. Sollte keiner der Bewerber um das Präsidentenamt die absolute Mehrheit erreichen, kommt es nach derzeitiger Planung Anfang Oktober zu einer Stichwahl zwischen den beiden stimmenstärksten.

Urnengang von Gewalt überschattet
Die Wahlen waren von zahlreichen Anschlägen und Gefechten überschattet, nach offiziellen Angaben sollen insgesamt mehr als 50 Menschen getötet worden sein. Innenminister Mohammad Hanif Atmar sagte nach Schließung der Wahllokale, neun Polizisten und neun Zivilisten seien bei gewaltsamen Zwischenfällen ums Leben gekommen. 14 Polizisten und 13 Unbeteiligte seien verletzt worden. Im Norden des Landes wurde von Aufständischen sogar eine Stadt gestürmt und die Öffnung der Wahllokale verhindert. Abgesichert wurde die Wahl von rund 175.000 afghanischen Sicherheitskräften sowie mehr als 100.000 ausländischen Soldaten.

Allein bei den Kämpfen in der von Aufständischen gestürmten Stadt Baghlan seien 22 Rebellen sowie ein Distrikt-Polizeichef getötet worden, sagte der regionale Polizeichef Mohammed Kabir Andarabi. Die Aufständischen waren demnach aus mehreren Richtungen in die Stadt vorgedrungen, um die Öffnung der Wahllokale zu verhindern.

Bei einer Schießerei nahe einer Polizeistation im Osten der Hauptstadt Kabul wurden zwei Aufständische von afghanischen Sicherheitskräften erschossen, wie ein Polizeisprecher sagte. Sie hätten sich mit Komplizen in einem Haus verschanzt und das Feuer auf die Beamten eröffnet. Ein Angreifer wurde nach Polizeiangaben festgenommen, nach einem weiteren wurde gesucht.

Rakete auf Wahllokal abgefeuert
Auch an zahlreichen anderen Orten des Landes kam es zu gewaltsamen Zwischenfällen. Im nordafghanischen Standort Kunduz der deutschen Bundeswehr schlug eine Rakete in einem Wahllokal ein. Eine zweite Rakete sei hinter der Schule detoniert, die als Wahllokal genutzt wird, sagte der Sprecher des Provinzgouverneurs, Mahboobullah Sayedi. 

Aus Sicherheitskreisen in Lashkar Gar hieß es, in der Hauptstadt der südafghanischen Provinz Helmand seien zwei Menschen beim Einschlag einer Rakete verletzt worden. Der Gouverneur von Kandahar, Tooryalai Wesa, bestätigte bei seiner Stimmabgabe einen Raketenangriff in Kandahar, bei dem es aber keine Opfer gegeben habe. In der Provinz Takhar teilte die Polizei mit, zwei Selbstmordattentäter seien festgenommen worden, als sie versucht hätten, in ein Wahllokal einzudringen. In der Nähe des Polizeihauptquartiers sei ein Sprengsatz detoniert, der eine Wand zum Einsturz gebracht habe. Opfer habe es nicht gegeben.

Karzai: "Ein guter Tag" für Afghanistan
Insgesamt seien in 15 der 34 afghanischen Provinzen Angriffe und Anschläge verübt worden, sagte Amtsinhaber Hamid Karzai in der Hauptstadt Kabul kurz nach Schließung der Wahllokale, alles in allem seien 73 gewaltsame Zwischenfälle verzeichnet worden. "Die Afghanen haben Raketen, Bomben und Einschüchterungen aber getrotzt und sind wählen gegangen", so Karzai weiter. "Das ist großartig." Es sei ein "guter Tag für das Land" gewesen.

Weltweites Lob für den Mut der Afghanen
Die USA lobten den Mut jener Afghanen, die trotz der Anschlagsdrohungen der radikalislamischen Taliban an den Wahlen teilgenommen haben. "Viele Menschen haben Drohungen mit Gewalt und Terror getrotzt, um ihre Meinung über die künftige Regierung für das Volk Afghanistans kundzutun", sagte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Robert Gibbs, am Donnerstag in Washington.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte der Website der Allianz zufolge, die Wahl sei unter Sicherheitsaspekten ein "Erfolg" gewesen. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat Afghanistans Wähler für ihren Mut gelobt, trotz blutiger Terrorattacken und massiver Taliban-Drohungen den Weg in die Wahllokale gewagt zu haben. "Durch Ausübung ihres verfassungsrechtlich gewährten Wahlrechts hat die afghanische Bevölkerung erneut ihr Sehnen nach Stabilität und Entwicklung ihres Landes demonstriert", stellte Ban am Donnerstagabend fest.

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