"Arctic Sea"

Experten: Alles deutet auf Waffenschmuggel hin

Ausland
19.08.2009 22:51
Im mysteriösen Fall des wochenlang verschwundenen Frachters "Arctic Sea" deutet nach Expertenansicht alles auf Waffenschmuggel hin. Die "merkwürdige Geschichte" um das mit Holz beladene Schiff könne eigentlich nur mit illegalem Waffenhandel erklärt werden, sagte der estnische EU-Referent für Piraterie, Tarmo Kouts, der in Tallinn erscheinenden Zeitung "Postimees". Auch der Leiter des russischen Zentrums für Militärplanungen, Anatoli Zyganok, hält einen Militärtransport für wahrscheinlich. "Ich denke, es geht um Rüstungsgüter", sagte der Oberst der Moskauer Zeitung "Gaseta". Am Mittwoch zeigten erste Bilder der Besatzungsmitglieder, wie diese zur Einvernahme gebracht wurden (siehe Bild).

Russlands NATO-Botschafter Dmitri Rogosin warnte unterdessen vor Spekulationen um das nach offiziellen Angaben mit Holz beladene Schiff. Statt sich Gedanken über eine angeblich geheime Fracht und die Rolle des russischen Militärs in dem Fall zu machen, sollte die internationale Staatengemeinschaft lieber rasch ein Programm gegen die ausufernde Piraterie entwerfen, sagte Rogosin nach Angaben der Agentur Interfax.

Raketen unter Stämmen versteckt?
Nach Darstellung des estnischen Admirals Kouts eignen sich Holztransporte am besten für den Schmuggel von Waffen, da etwa Raketen unter den Stämmen gut zu verstecken seien. Laut offiziellen russischen Angaben sollte die mit Holz beladene "Arctic Sea", die Entführer am 24. Juli in der Ostsee in ihre Gewalt gebracht hatten, am 4. August an der algerischen Küste anlegen. Algerien ist ein Großkunde für russische Waffenlieferungen.

Bestzung wird noch einvernommen
Die Vernehmungen der gefassten Seeräuber und der befreiten Besatzung dauerten an, teilte Moskaus Verteidigungsministerium mit. Nach Angaben der Zeitung "Rossijskaja Gaseta" flog eine russische Regierungsmaschine mit Ermittlern zur kapverdischen Insel Sal. In der Nähe der Insel war die Besatzung in der Nacht auf Montag befreit worden. Die genaue Position des Schiffes wurde noch immer nicht bekanntgegeben.

Eine Chronologie des mysteriösen Verschwindens der "Arctic Sea" findest du in der Infobox!

Russland hatte großen Aufwand betrieben
Russland hatte mit Kriegsschiffen der Schwarzmeerflotte und laut Medien auch mit im Kampf gegen somalische Piraten erprobten Militärkräften die "Arctic Sea" befreien lassen. Dieser "ungeheure Aufwand der Russen" sei nur damit zu erklären, dass an Bord des Schiffs wohl Waffen geschmuggelt worden sind, sagte Kouts. Die "heiße Ware" sei bei Kontrollen auf hoher See eigentlich nicht zu entdecken. "Dafür müsste man das Schiff in einen Hafen steuern und den Frachtraum komplett leeren", sagte der estnische Admiral.

Der russische Experte Zyganok führte aus, dass die Besatzung kaum darüber informiert gewesen sein dürfte, welche Fracht noch an Bord war. Angehörige der russischen Seeleute hatten beklagt, dass sie auch Tage nach der Befreiung der "Arctic Sea" noch keinen Kontakt zu ihren Verwandten gehabt hätten. Laut russischen Medien stehen die befreiten Seeleute noch immer unter der Kontrolle des russischen Geheimdienstes.

Falsche Informationen verbreitet
Die russische Schwarzmeerflotte hatte das Schiff mit den 15 russischen Seeleuten an Bord am Montag in der Nähe des westafrikanischen Inselstaats Kap Verde befreit. Indes erklärte der russische NATO-Botschafter Dmitri Rogozin, dass die Öffentlichkeit rund um die Kaperung des Schiffes via Medien gezielt mit falschen Informationen versorgt wurde. Dies sei geschehen, um die Ausrichtung der Militäraktion nicht zu verraten.

Die Entführer aus Russland, Lettland und Estland hatten den Frachter laut Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow bereits am 24. Juli in der Ostsee in ihre Gewalt gebracht. Die Männer hätten sich in einem Schlauchboot dem Schiff genähert und unter dem Vorwand, in Seenot zu sein, die "Arctic Sea"-Besatzung um Hilfe gebeten. Nach dem Überfall seien alle Navigationsgeräte und die Bordtechnik abgestellt worden, sagte Serdjukow. Er erklärte damit den fehlenden Funkkontakt und das wochenlange Rätselraten um den Verbleib des Schiffs.

Moskau: Täuschungsaktion "ein voller Erfolg"
In den Medien waren in den letzten Tagen und Wochen Berichte über Sichtungen und Positionsmeldungen des mysteriösen Schiffes in der Biskaya-Bucht, in Nordspanien, bei Gibraltar und vor den Kapverdischen Inseln aufgetaucht. Die Aktion sei daher "ein voller Erfolg" gewesen, sagte Moskaus NATO-Botschafter Rogozin in einem Interview mit der Wirtschaftsnachrichtenagentur Prime-Tass. Vertreter der finnischen Polizei räumten ebenfalls ein, die Medien bezüglich der Position des Schiffes und dessen Verfolgung zumindest in falschem Glauben gelassen zu haben. Informationen seien "zum Schutz der Besatzung" geheim gehalten worden, sagte Ermittlungsleiter Markku Ranta-aho gegenüber der finnischen Tageszeitung "Helsingin Sanomat". 

Ermittlungen wegen schwerer Erpressung laufen
Ein weiterer Sprecher der finnischen Polizei, Jan-Olof Nyström, sagte, die Behörden hätten Informationen "aus taktischen Gründen" zurückgehalten. "Das Schiff war nicht so schrecklich verschwunden, wie viele geglaubt haben", so Nyström. Es seien "viele fantasievolle" Angaben über die "Arctic Sea" gemacht worden. Nyström erneuerte gleichzeitig die Angabe der finnischen Polizei, es habe sehr wohl Gefahr für Leben und Gesundheit der Besatzung bestanden. Es werde wegen schwerer Erpressung ermittelt.

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