Angst & Schrecken

Neue Grippe versetzt die Briten in Panik

Ausland
22.07.2009 13:54
Ein Niesen in der Londoner U-Bahn: Mehrere Menschen bedecken sofort Mund und Nase oder ducken sich reflexartig weg. Andere meiden den öffentlichen Nahverkehr komplett. Niemand will sich hier anstecken - es könnte ja die Neue Grippe sein. In Großbritannien grassiert das Virus so schlimm wie in keinem anderen europäischen Land. Die britischen Medien sind in eine regelrechte Hysterie verfallen, Wirtschaft und Tourismus befürchten harte Zeiten. Wissenschaftler wollen Schulen schließen lassen und einige Krankenhäuser arbeiten bereits am Rande ihrer Kapazität.

Im Vereinigten Königreich gibt es derzeit offiziell über 11.000 Fälle von Neuer Grippe. Nach inoffiziellen Schätzungen sind es allerdings gar 55.000 - Tendenz steigend. Etwa 30 Menschen sind bereits gestorben. In wie vielen Fällen das Influenza-Virus A (H1N1) allerdings der einzige Grund für den Tod war, ist nicht bekannt. Die meisten Opfer litten auch unter anderen Krankheiten. 

Elternverband rät Frauen: Auf Schwangerschaft "verzichten"
Für Angst sorgte zuletzt der Tod einer Frau, die kurz zuvor ein Baby zur Welt gebracht hatte. Nun herrscht Chaos wegen der Ratschläge für Schwangere. Die Gesundheitsbehörde warnte, dass sich schwangere Frauen von Menschenmassen fernhalten und auf nicht notwendige Reisen verzichten sollten. Der Elternverband National Childbirth Trust riet sogar, dass Frauen erst gar nicht schwanger werden sollten, solange die Grippe grassiert. Ärzte nannten das jedoch "Panikmache".

Ausgerechnet in der Ferienzeit wollen Fluggesellschaften nun auch noch Reisende nicht mehr mitnehmen, die Anzeichen von Grippe - wie etwa Fieber - zeigen. British Airways erklärte, dass Ärzteteams zurate gezogen werden könnten, wenn Reisende nicht fit für den Flug schienen. Im Notfall würde man den Passagieren auch gegen deren Willen die Reise verbieten.   

Touristin im Spital: "Ein bisschen wie im Katastrophenfilm"
Aber auch die, die ins Land kommen, sind verunsichert. "Es ist schon ein komisches Gefühl", sagt Antje S., eine Berliner Touristin in London. Sie sei wegen eines Notfalls ins Krankenhaus gegangen. "Dort kamen mir Leute mit Mundschutz entgegen. Das war ein bisschen wie im Katastrophenfilm."

Der sowieso schon schwer kriselnden britischen Wirtschaft kommt die Neue Grippe besonders ungelegen - zu viele Beschäftigte könnten wegen Krankheit ausfallen. Ökonomen der Wirtschaftsprüfung Ernst & Young erklärten, dass die Wirtschaft in diesem Jahr durch den Ausbruch der Grippe um 7,5 Prozent schrumpfen könnte - das wäre der größte Rückgang seit der Großen Depression in den 30er-Jahren.

Flughäfen in London als Hauptdrehkreuz für die ganze Welt
Grund für die unverhältnismäßig schnelle Ausbreitung der Krankheit im Land ist unter anderem, dass Großbritannien mit seinen Großflughäfen in London ein Hauptdrehkreuz für die ganze Welt ist. Von hier aus konnte die Krankheit, die in Mexiko und den USA ausbrach, schnell "eingeschleppt" werden.

Die Krankenhäuser müssen nun mit einem Massenansturm besorgter Bürger klarkommen. Douglas Russell, Medizindirektor des Gesundheitsservices in Tower Hamlets - dem am stärksten betroffenen Bezirk in London - sprach von einem "erheblichen zusätzlichen Druck". Mitarbeiter würden Überstunden schieben und Urlaube streichen. Anderswo klagten Patienten, nur eine dürftige Behandlung zu bekommen. Das Personal schreie Patienten aus Angst vor Ansteckung Anweisungen durch die Tür zu.

Schutzvorkehrung im Gottesdienst: Händeschütteln verboten
Besonders kurios: Angesichts der Ausbreitung der Grippe sieht sich auch die anglikanische Kirche zu Schutzvorkehrungen im Gottesdienst gezwungen. Die Mitglieder einer Gemeinde in Southwark südöstlich von London seien aufgefordert worden, sich zum Friedensgruß lieber zu umarmen als sich die Hand zu reichen, berichtete die Zeitung "Financial Times" am Mittwoch.

Die Regierung versucht unterdessen, die Masse zu beschwichtigen. Medikamente stünden für die Hälfte der Bevölkerung bereit, eine Impfung sei für kommenden Monat zu erwarten. Impfstoff für bis zu 30 Millionen Menschen könnte dann bis Ende des Jahres bereitstehen. Gesundheitsminister Andy Burnham betonte: "Es ist wirklich wichtig, dass alles im rechten Licht betrachtet wird. Das ist ein mildes Virus, das Tausende schon hatten, die sich schnell erholt haben." Die Menschen sollten den Sommer genießen. "Das Leben geht weiter."

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