So, 23. September 2018

Wahlkampf witzig

17.10.2008 19:40

McCain heuert Klempner Joe an

Der US-Wahlkampf ist manchmal schmutzig - zuweilen aber auch sehr witzig. Am Freitag sahen die Amerikaner erstaunliche Bilder ihrer Präsidentschaftskandidaten, die bei den großen TV-Sendern rauf und runter liefen. Da gestand Barack Obama in Anspielung darauf, dass ihn manche Anhänger wie einen Messias verehrten: "Ich bin nicht, wie manche meinen, in einem Stall geboren, sondern auf dem Stern Krypton", wo, wie Amerikaner wissen, Superman herstammt. Von dort sei er zur Erde entsandt worden, "um den Planeten zu retten". Und Herausforderer John McCain von den Republikanern "feuerte" sein Wahlkampfteam, um den Installateur Joe anzuheuern.

Als seine "größte Schwäche" bezeichnete Obama, "dass ich so großartig bin" - womit der elegant im Smoking und mit weißer Fliege gekleidete Demokrat auch seinen Konkurrenten John McCain zum prustenden Lachen brachte.

McCain heuert Klemptner Joe an
Der 72 Jahre alte Senator stand Obama an diesem Donnerstagabend auf dem Galadinner in New York in Sachen Selbstironie kaum nach: "Ich habe heute Morgen alle meine führenden Berater gefeuert. Ihre Aufgaben habe ich an einen Mann namens "Joe the Plumber" übertragen". Damit spielte McCain auf den inzwischen zur Berühmtheit aufgestiegenen Joe, einen Installateur aus Ohio, an. Joe Wurzelbacher, der vergangene Woche Obama sorgenvoll nach neuen Steuern befragt hatte, war beim TV-Duell am Vorabend stellvertretend für den US- Normalbürger sagenhafte 26 mal von den Kontrahenten bemüht worden - "öfter als der Irakkrieg", wie Comedy-Star Jon Stewart ironisch anmerkte.

Florett des Humors
Bei dem traditionellen Al-Smith-Dinner im Ballsaal des mondänen Waldorf-Astoria-Hotels allerdings fochten McCain und Obama nicht wie am Vorabend mit dem Säbel des Wahlkampfs, sondern mit dem Florett des Humors - ohne heikle Themen zu meiden. Sein "Freund" Obama habe sicher nichts dagegen gehabt, dass er ihn bei der zweiten TV-Debatte despektierlich "that one" ("der da") genannt habe, meinte der Republikaner. Schließlich habe auch Obama "einen Kosenamen für mich: George Bush". Der schwarze Senator antwortete, sein Vorname Barack heiße ohnehin auf Swahili, der Sprache Kenias und seines Vaters, "that one". Seinen Mittelnamen "Hussein" habe er allerdings "von jemandem erhalten, der nicht daran dachte, dass ich mich einmal um die Präsidentschaft bewerben würde".

Einen Tag nach ihrer letzten und heftigsten TV-Debatte konkurrierten Obama und McCain vor mehreren hundert Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur vor allem darin, bissig und ironisch sich selbst und den Gegner ins Visier zu nehmen. Bei dem 63. Spendendinner, bei dem 3,9 Millionen Dollar (2,9 Millionen Euro) für benachteiligte Kinder gesammelt wurden, saßen Obama und McCain am Ehrentisch - lediglich voneinander getrennt durch Gastgeber Kardinal Egan, dem in festlichem Purpur gekleideten Erzbischof von New York.

McCain erfreut über Clinton
Der Donnerstag war der New-York-Tag McCains - in der Hochburg des linken und liberalen Amerikas provozierte er geschickt sein Publikum: Er werde das "Gefühl nicht los", dass selbst hier einige Gäste für ihn seien: "Ich bin erfreut Sie heute Abend hier zu sehen, Hillary", sagte McCain, um sich dann zur laut lachenden Senatorin Clinton zu wenden. Und dann bereitete McCain seinem Konkurrenten mit sichtlichem Vergnügen an seiner eigenen kleinen Gemeinheit das Podium: Die Gäste erwarteten jetzt "die lustigsten 15 Minuten ihres Lebens". Obama wisse ja, dass alles andere "den Abend verderben, den Gastgeber beleidigen und vielleicht auch den Verlust einiger Schlüsselstaaten mit sich bringen würde. Senator Obama, das Mikrofon gehört Ihnen!". Obama ging lachend auf die Bühne, um ebenso souverän wie sein Konkurrent das Publikum zu amüsieren.

"Bin ich nicht wichtig genug?"
McCain war zuvor bei Talkmaster David Lettermann gewesen, den der Republikaner vor ein paar Wochen überraschend - und angeblich wegen der Finanzkrise - versetzt hatte. "Bin ich nicht wichtig genug?", fragte der TV-Star scheinheilig empört. "Soll ich die Wahrheit sagen?", frage McCain mit ernstem Gesicht. "Ich habe versagt. Das war's." Solch ein unerwartet-krasses Geständnis, wenn auch nur augenzwinkernd gespielt, entwaffnete nicht nur den lachenden Lettermann und das jubelnde Publikum. Wer in den USA die Lacher auf seine Seite bekommt, hat auch im Wahlkampf wichtige Punkte gemacht.

Die Sendungen "Saturday Night Live" (SNL) und die "Jon Stewart Show" spielen seit langem eine außergewöhnlich wichtige Rolle in der US-Politik. "SNL", das über zehn Millionen Zuschauer hat, mokierte sich schon früh über die "Obamania" vieler US-Medien - und machte sich mit beißendem Spott über Hillary Clintons Steifheit und Ehrgeiz lustig. Selbstverständlich ehrten Obama und Clinton SNL mit langen Auftritten in verschiedenen Sendungen.

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