Trauer um Literaten
Alexander Solschenizyn in Moskau beigesetzt
Bereits in den Morgenstunden hatten sich viele Menschen in der großen Kathedrale des Klosters am offenen Sarg von Solschenizyn verabschiedet. Anschließend trug eine militärische Ehrengarde den Leichnam zu Grabe, Würdenträger der russisch-orthodoxen Kirche leiteten die Zeremonie mit Trauergesängen.
"Er war eine unsere stärksten Persönlichkeiten, ein einzigartiger Mensch", sagte der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow vor der Zeremonie über den Verstorbenen. Die landesweit live im Fernsehen übertragene Beerdigung glich einem Staatsbegräbnis. Zahlreiche Kränze wurden an Solschenizyns Grab niedergelegt, darunter auch von der Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich für die Rechte ehemaliger Häftlinge der kommunistischen Arbeitslager einsetzt.
Verbrechen Stalins angeklagt
"Als er noch lebte, tat der Staat nichts für ihn", kritisierte ein Anhänger Solschenizyns, der zu dem Kloster gekommen war, um sich von dem Schriftsteller zu verabschieden. "Jetzt, da er tot ist, wollen sie ihn für sich vereinnahmen." Solschenizyn hatte die kommunistischen Verbrechen unter Sowjetdiktator Josef Stalin in seinen Büchern angeklagt. Er war am Sonntag im Alter von 89 Jahren in seinem Moskauer Haus gestorben.
Als Solschenizyns Hauptwerk gilt der dreibändige Dokumentarroman "Archipel Gulag" (1973), in dem er mit Tausenden von Beispielen den stalinistischen Terror in der Sowjetunion darstellt. Den Terror hatte Solschenizyn in neun Jahren Straflager und Verbannung selbst zu spüren bekommen und bereits 1962 in seinem ersten Werk "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" geschildert. Als ihm 1970 der Nobelpreis verliehen wurde, verweigerte ihm das Sowjet-Regime aber die Ausreise zur Preisübergabe.
1974 nach Deutschland "abgeschoben"
Solschenizyn schloss sich einer Gruppe Bürgerrechtlern an, wurde 1974 verhaftet, ausgebürgert und in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Aufnahme fand er hier zunächst beim Schriftsteller Heinrich Böll, später zog er in die Schweiz. 1976 zog mit seiner Familie auf eine Farm nahe der Kleinstadt Cavendish im US-Staat Vermont.
Großer Mahner, Moralist und Prophet
Im Westen war Solschenizyn in den Folgejahren die Rolle des Mahners, Moralisten und Propheten zugewachsen, der in Vorträgen und Interviews immer wieder eindringlich vor übertriebener politischer Konzessionsbereitschaft gegenüber der Sowjetunion warnte. Sein religiös motivierter moralischer Rigorismus, mit dem er auch die westlichen Demokratien kritisch bewertete, fand gleichermaßen Anklang und Ablehnung.
Rückkehr nach Russland unter Jelzin
Solschenizyn kehrte 1994 nach Russland zurück. Dort kritisierte er fehlgeleitete Reformen und den Mangel an Demokratie unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Als Mahner für ein Russland auf der Grundlage von Gemeinsinn und orthodoxem Glauben fand Solschenizyn aber immer weniger Gehör. Wiederholt forderte der Schriftsteller, Russland dürfe die westliche Demokratie "nicht ohne Verstand nachäffen", sondern müsse sich mehr um das "moralische Wohlergehen" des eigenen Volkes kümmern.
Trotz Krankheit aktiv bis zum Schluss
Bei der Verleihung des Staatspreises, der höchsten Auszeichnung Russlands, im Juni 2007 war der frühere Regimekritiker schwer vom Alter gezeichnet. Seine Dankesrede ließ er im Kreml über eine Videobotschaft einspielen. Bis zu seinem Tod habe der Schriftsteller aber trotz langer Krankheit aktiv gearbeitet, sagte sein Sohn Stepan der Agentur Itar-Tass. Solschenizyn arbeitete unter anderem an der Herausgabe seines Gesamtwerkes in 30 Bänden, die bis 2010 im Moskauer Verlag Wremja erscheinen sollen.
Positive Einstellung zu Putin
Über die Politik des Präsidenten Wladimir Putin, der inzwischen Regierungschef ist, und das Erstarken der russisch-orthodoxen Kirche in seinem Land hatte sich Solschenizyn in den vergangenen Jahren immer wieder positiv geäußert. Er unterstützte auch die umstrittene Tschetschenien-Politik seines Landes.
Antisemitische Schatten
Seit seinen letzten Schriften zur Geschichte des Judentums in Russland und der früheren Sowjetunion ist er allerdings umstritten, weil er russischen Juden auf Grundlage dürftiger Quellen eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur gegeben hatte. Stalin selbst hatte bei "Säuberungsaktionen" in den 1930er-Jahren viele Juden töten lassen. Auch während seines Exils in den USA hatten Kritiker Solschenizyn eine antisemitische Haltung vorgeworfen. Der Präsident der Akademie der Wissenschaften Russlands, Juri Ossipow, hatte Solschenizyn jedoch im vergangenen Jahr als einen der "größten Historiker und Philologen" des 20. Jahrhunderts gewürdigt.
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