Angst vor "Sheriff"

Polizeichef terrorisierte Vorstadt von Madrid

Ausland
15.05.2008 07:49
Sie nennen ihn den "Sheriff". Den Spitznamen hat sich Gines Jimenez aber nicht etwa wegen seines entschiedenen Kampfes gegen Kriminelle verdient: Der Polizeichef der Madrider Vorstadt Coslada ist nach den jetzt bekanntgewordenen Ermittlungen vielmehr selbst ein Gangster, der in bester Mafiamanier mehr als 20 Jahre lang unter den 83.000 Einwohnern Angst und Schrecken verbreitete. Diverse Delikte werden ihm zur Last gelegt, darunter der Handel mit beschlagnahmten Drogen und Erpressung von Lokalbesitzern und Prostituierten.

Die Erpressung von Schutzgeldern und andere dunkle Geschäfte sollen ihm ein Vermögen eingebracht haben. Mit der Festnahme des 52-Jährigen und fast 30 seiner Beamten wurde nun einer der bisher schlimmsten Fälle von Polizeikorruption in der Geschichte Spaniens aufgedeckt. Die örtlichen Behörden wollen von nichts gewusst haben.

"Entweder du zahlst oder du musst dicht machen." In abgehörten Telefonaten tauchte dieser Satz immer wieder auf. Zu hören bekamen ihn zahllose Besitzer von Lokalen, Diskotheken oder Bordellen, von denen Jimenez Geld verlangte. Bis zu 5.000 Euro im Monat sollen es nach Aussage von Betroffenen gewesen sein. Wer sich widersetzte, dem wurde unter fadenscheinigen Vorwänden die Lizenz entzogen. Oder die Inhaber wurden so lange mit Alkoholtests unter den Gästen oder Durchsuchungsaktionen drangsaliert, bis die Kunden schließlich ausblieben und das Lokal pleiteging. Nicht selten seien die Opfer von Jimenez Schlägertruppe auch verprügelt worden. Anderen wurde das Auto ohne Grund abgeschleppt, oder sie erhielten pausenlos Strafzettel.

"Der Block" ging auch auf Einwanderer los
Wenn der "Pate von Coslada" selbst Lust zum Feiern hatte, und dies soll häufig der Fall gewesen sein, tat er das in großem Stil. "Er kam stets mit einem Dutzend seiner Leute", erzählte ein Gastwirt. "Wir mussten immer den besten Gin und den teuersten Whisky ausschenken und durften erst schließen, wenn sie es sagten." Bezahlt habe Jimenez die Zeche freilich nie. Auf Einwanderer hatten es der Polizeichef und seine muskelbepackten Handlanger, die meisten von ihnen junge Absolventen der Polizeiakademie, besonders abgesehen. Stolz nannten sie sich "Der Block". "Es war nicht viel anders als unter der Ceausescu-Diktatur", berichtete ein rumänischer Immigrant.

Drogenhandel und Erpressung von Prostituierten
Dem "Sheriff" und seinen Leuten wird auch zur Last gelegt, mit beschlagnahmten Drogen wie Haschisch und Kokain gehandelt und sich mit Prostituierten vergnügt zu haben, die nur gegen "Gratisdienste" ihrem Gewerbe nachgehen konnten. Die Aussage einer von ihnen wurde Jimenez schließlich zum Verhängnis: Die Kriminalpolizei war in der acht Kilometer von Madrid entfernten Kleinstadt eigentlich einem Zuhälterring auf der Spur, doch was die Frau über den Polizeichef zu erzählen wusste, lenkte die Ermittlungen in eine andere Richtung.

Bürgermeister: "Alles nur Gerüchte"
Das Schlimme ist, alle in Coslada scheinen es gewusst zu haben - nur die Stadtoberen angeblich nicht. "Wir sind nicht eingeschritten, weil uns keine Anzeigen gegen Jimenez vorlagen. Alles waren nur Gerüchte", verteidigt sich Bürgermeister Angel Viveros. Die Opposition fordert den Rücktritt des Sozialisten, aber auch sein konservativer Vorgänger blieb tatenlos. Dass es keine Anzeigen gab, scheint auch nicht zu stimmen. Es gab sie, aber Jimenez, der alles bestreitet, soll Spitzel bei Gericht gehabt haben. Die Kläger konnten somit ausfindig gemacht und eingeschüchtert werden - bis sie die Anzeige zurückzogen. Andere schwiegen aus Angst ohnehin. Und das seit mehr als 20 Jahren.

"Zustände wie in einer Bananenrepublik"
Die Zeitung "El País" schrieb von "Zuständen wie in einer Bananenrepublik". Das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen sei angesichts dieser unglaublichen Polizeiwillkür schwer erschüttert. Als die Festnahme des "Sheriffs" bekanntwurde, war die Erleichterung überall zu spüren. "Wir fühlen uns erlöst wie nach dem Tod von Diktator Franco 1975", sagte ein Lokalbesitzer.

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