Erstmals seit dem Auftauchen von Vorwürfen rund um Ermittlungspannen in der Entführungscausa meldete sich die 19-Jährige in einer Fernsehsendung öffentlich zu Wort. Wie berichtet, sollen bereits vor Jahren konkrete Hinweise auf den Entführer Wolfgang Priklopil, seinen weißen Kastenwagen und sogar seine Wohnadresse bei der Polizei eingelangt sein.
"Ich dachte, das wäre das Natürlichste der Welt, dass man einfach sucht, mit Spürhunden. Und dass man gerade das dann eben nicht gemacht hat, als man diese Kastenwägen untersucht hat, das ist schon irgendwie sonderbar", meinte Kampusch gegenüber Christoph Feurstein.
"Glauben an die Justiz verloren"
Auf die haarsträubenden Fehler der Ermittler angesprochen, sagte Kampusch im Interview: "Ich habe meinen Glauben an die Justiz dieses Landes verloren." Dass auch noch versucht wurde, diese Pannen zu vertuschen, sei "schon sehr, sehr arg", so die 19-Jährige wörtlich. (Die Kritik an der heimischen Justiz nahm das Entführungsopfer mittlerweile wieder zurück. Es tue Kampusch leid, es sei hier in der Interviewsituation ein Versprecher passiert, es sei natürlich die Exekutive gemeint gewesen.)
Vom persönlichen Aspekt gesehen sei es ein "Wahnsinn" und "unmöglich", kritisierte Kampusch den Umgang mit ihrem Fall seitens der Politik. "Wenn man schon einen Fehler begeht, sollte man versuchen, ihn wiedergutzumachen und daraus zu lernen." Kein Verständnis habe sie daher auch für die Vorwürfe, das Ansehen der verstorbenen Innenminister Liese Prokop (ÖVP) werde beschmutzt: "Neutral betrachtet ist diese Ansicht absolut fehl am Platz. Sie war damals Ministerin, egal ob sie jetzt tot ist oder in 20 Jahren gestorben wäre."
"Es sind schon die Leute zur Verantwortung zu ziehen, die diesem Hinweis nicht nachgegangen sind", forderte sie in der Sendung "Die Akte Kampusch - Eine Chronik des Versagens". "Es ist ja klar, dass ein Krimineller nicht die Wahrheit über sein Verbrechen erzählt."
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Von Ausflügen mit Entführer erzählt
Auch an die Zeit ihrer Entführung erinnerte sich Natascha Kampusch im Gespräch mit Feurstein zurück: "Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich bald freikomme", erzählte sie. Das jetzige Ereignis habe auch Blockaden gelöst, sich "extra reinzusteigen" wäre allerdings falsch.
Gemeinsame Ausflüge mit ihrem Peiniger während der Gefangenschaft verglich das Entführungsopfer mit Reisen in ein fremdes Land mit unverständlicher Sprache, unbekannter Kultur und einer "Kalaschnikow, die auf ihr Herz zielt". Das Auftauschen der Polizei habe ihr Kidnapper sogar erwähnt, über die Fahndung allerdings nicht viel gesprochen. "Aus Angst, es könnte mir nützen zu fliehen", so Kampusch.
Im "Krone"-Gespräch hat TV-Journalist Christoph Feurstein über seine Eindrücke von Natascha Kampusch nach dem Gespräch berichtet: "Sie hat auf mich sehr selbstbewusst gewirkt. Natürlich ist sie über die aktuellen Vorwürfe verärgert. Gleichzeitig möchte sie sich aber nicht allzu viele Gedanken zu dem Thema machen, was alles hätte sein oder nicht sein können. Ich glaube, dass sich Natascha Kampusch bei der ganzen Sache jetzt einfach in nichts hineinsteigern will."
Kommission prüft mögliche Ermittlungspannen
Unter dem Vorsitz von Ludwig Adamovich hat sich am Montag die so genannte "Kampusch-Kommission" konstituiert (Video in der Infobox), die die Frage nach Fehlern bei den Ermittlungen klären soll. Besonders heikle Punkte sollen bevorzugt behandelt werden. Adamovich kündigte nach der ersten Arbeitssitzung an, Zwischenberichte zu veröffentlichen.
Knapp eineinhalb Stunden hat die erste Sitzung der Evaluierungskommission am Montag gedauert. Der ehemalige Verfassungsgerichtshofspräsident Adamovich betonte, dass es sich bei den vorgezogenen Themen vor allem um jene handeln soll, die "in den letzten Tagen im Licht der Öffentlichkeit gestanden sind".
Neben den Ermittlungen selbst sollen auch die Abläufe zwischen den einzelnen Behörden Gegenstand der Untersuchung sein, neben BKA und Ministerium etwa auch die Generaldirektion für öffentliche Sicherheit.
Bericht an Platter erst in vier Monaten
166 Ordner sind laut Adamovich derzeit zu bearbeiten. Den Zeitplan von vier Monaten bis zu einem Bericht an Innenminister Günther Platter hält der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofes (VfGH) für realistisch. Es gelte allerdings, Prioritäten zu setzen. In der Frage eines Untersuchungsausschusses zur politischen Verantwortung der Causa wollte Adamovich erneut nicht Stellung beziehen. Dies sei ausschließlich Sache des Parlaments.
Den Vorschlag des Grünen Sicherheitssprechers Peter Pilz, Herwig Haidinger zum Vorsitzenden der Kommission zu machen, hält Adamovich für einen "offensichtlich pointierten Vorschlag", angemessen sei die Idee jedoch nicht. Wann die Kommission ihre nächste Sitzung abhält, ist vorerst noch nicht klar.
"Unabhängig und weisungsfrei"
Die dem Innenministerium angehörenden Kommissionsmitglieder werden für ihre Tätigkeit "unabhängig und weisungsfrei" gestellt, versprach Innenminister Günther Platter (ÖVP) am Sonntagabend in einer Aussendung.
"Alle Anschuldigungen und Vorwürfe müssen lückenlos aufgeklärt werden", formulierte der Innenminister die Aufgabenstellung für die Kommission, die nach den Enthüllungen des ehemaligen Kripo-Chefs Herwig Haidinger zu Ermittlungspannen im Fall Kampusch und parteipolitischer Einflussnahme auf die Polizeitätigkeit eingesetzt wurde. Das Innenministerium betont jedoch, dass eine Evaluierung des Falls Kampusch immer schon geplant gewesen sei.
Missethon bestätigt Verheimlichung
Am Freitag hatte ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon indirekt bestätigt, dass das Innenministerium den Hinweisen auf Ermittlungsfehler im Entführungsfall Kampusch im Wahljahr 2006 bewusst nicht nachgegangen ist. Im Ö1-"Morgenjournal" sagte er: "Liese Prokop hat klug entschieden." Er meinte damit die Entscheidung der damaligen ÖVP-Innenministerin, die Panne, die unter ihrem SPÖ-Vorgänger Karl Schlögl passiert sei, erst nach der Wahl aufklären zu lassen. Im Nachhinein fühlt er sich jedoch missverstanden.
Für ihn sei immer klar gewesen, dass die Evaluierung des Falles Kampusch erst nach Abschluss der Ermittlungen beginnen könne, beteuerte er am Freitag. In dem Interview, das Wellen schlägt, hatte sich Missethon auf den nunmehr aufgetauchten E-Mail-Verkehr zwischen Herwig Haidinger und einem Mitarbeiter Prokops bezogen. Es sei aber nie gesagt worden, dass es keine Evaluierung gibt. "Wenn das nicht schon im September passieren hat müssen, in der heißesten Phase des Nationalratswahlkampfs, dann verstehe ich das, aber das Ziel war immer, dass eine Evaluierung stattfindet", sagte Missthon.
Priklopil hatte kein Alibi
Am Donnerstag war bekannt geworden, dass Wolfgang Priklopil kein Alibi hatte, obwohl SOKO-Chef Nikolaus Koch im Jahr 2006 das Gegenteil behauptete. Im Zuge der Suche nach einem weißen Kastenwagen, in dem das damals zehnjährige Mädchen verschleppt worden war, stießen die Ermittler recht schnell auf den Namen Priklopil. Zwei Beamte des Sicherheitsbüros suchten ihn laut Akt vom 6. April in dessen Haus in Strasshof auf, wobei sie ihn auch zum Tatzeitpunkt befragten: Wie aus dem Polizeiakt hervorgeht, gab er an, "am 2.3.1998 den ganzen Tag zu Hause gewesen zu sein. Er war alleine und kann daher kein bestätigtes Alibi anbieten." 2006, nach dem Auftauchen von Natascha Kampusch, verwehrten sich Prokop und Koch gegen Schlamperei-Vorwürfe. Koch behauptete damals, Priklopil habe ein Alibi vorgewiesen.
Haidinger sprach schon 2006 von "Vertuschung"
Der ehemalige Leiter des Bundeskriminalamtes, Herwig Haidinger, der vergangene Woche die Bombe platzen ließ und die Ermittlungspannen aufdeckte, hatte bereits am 28. August 2006 in einem Mail an Bernhard Treibenreif, der im Innenministerium für die Bundespolizei zuständig ist, von einem "allfälligen Amtshaftungsanspruch des Opfers" Natascha Kampusch gesprochen. In einem weiteren Mail vom 31. August 2006 been sei. Es habe sich für ihn der "Eindruck verstärkt, dass hier 'etwas vertuscht' werden sollte". Treibenreif schrieb in einer späteren Email, er versuche, "die Sache ohne größere Eklats abzuschließen".
Anonymem Hinweis nicht nachgegangen
Laut dem Akt, der vom Grünen Sicherheitssprecher Peter Pilz veröffentlicht wurde, handelt es sich bei dem Tipp auf den Aufenthaltsort des Entführers Wolfgang Priklopil um einen anonymen telefonischen Hinweis eines Hundeführers der Wiener Polizei am 14. April 1998, nur eineinhalb Monate nach dem Verschwinden der damals Zehnjährigen. Dabei wurde unter anderem geschildert, dass es sich bei dem Mann um einen möglicherweise bewaffneten "Eigenbrötler" mit Kontaktproblemen und einem Hang zu "Kindern" im Bezug auf seine Sexualität handle. Auch der weiße Kastenwagen mit dunklen Scheiben, das Entführungsauto, wurde erwähnt.
Den genauen Wortlaut des Aktes findest du in der Infobox.
Foto: ORF/Pichlkostner
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