Diese Aussage weckt öffentliches Misstrauen, sind in der Türkei doch schon öfter Christen von nationalistischen Eiferern angegriffen worden, die sich später auf geistige Umnachtung herausreden wollten - so wie der Jugendliche, der vor vier Jahren den katholischen Priester Andrea Santoro in Trabzon ermordete. Im Fall von Padovese sprechen die Schilderungen von Familie und Freunden des Bischofs allerdings tatsächlich eher für eine menschliche Tragödie.
"Wie Vater und Sohn waren sie", beschreibt ein christlicher Bekannter in Iskenderun das Verhältnis zwischen Padovese und dem 26- jährigen Murat Altun, der seit viereinhalb Jahren als Fahrer und Leibwächter für den Bischof arbeitete. Der junge Mann stammt aus einer katholischen Familie, die seit Jahrzehnten im Dienste der Kirche steht, ist selbst aber Moslem. Der Vater wurde nach 20- jährigen Diensten vor einigen Jahren pensioniert, und auch die Geschwister arbeiten für die Gemeinde.
Seit Padovese im Jahr 2004 nach Iskenderun versetzt wurde, entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Familien. Wenn die Verwandten des Bischofs aus Mailand zu Besuch kamen, wohnten sie in Iskenderun bei der Familie Altun, wie Padoveses Bruder Sandro im türkischen Fernsehen erzählte. Umgekehrt wurde Murat Altun stets als Familienfreund bei ihnen untergebracht, wenn er Padovese mit dem Auto nach Italien fuhr - zuletzt in diesem Frühjahr, als die Vulkanasche über Europa den Bischof am Fliegen hinderte.
Dass der junge Mann psychische Probleme hatte, war dem Bischof bekannt. Padovese habe sogar die Kosten für seine Behandlung übernommen, erzählt sein Bruder. Zuletzt war Murat Altun drei Tage lang stationär auf der psychiatrischen Station des staatlichen Krankenhauses behandelt und erst am vergangenen Sonntag entlassen worden. Wenn Padovese ohne ihn auf Reisen war, erkundigte er sich nach Angaben seiner Familie stets telefonisch, ob Murat auch seine Medikamente genommen habe.
Bedroht gefühlt habe sich der Bischof aber weder von ihm noch von sonst jemandem, sagen Sandro Padovese und seine Frau Liliana. Deshalb habe er von sich aus auf den polizeilichen Personenschutz verzichtet, den ihm die türkischen Behörden zugeteilt hatten. Doch an diesem Donnerstag zückte Murat Altun im Vorgarten der bischöflichen Wohnung plötzlich ein Küchenmesser und stach auf seinen väterlichen Freund und Gönner ein, bis der sich nicht mehr regte.
Ob es ein Zufall sei, dass Altun gerade eine Woche zuvor psychiatrisch behandelt wurde, oder ob der junge Mann sich damit einen strafrechtlichen Freifahrtschein zur Ermordung des Bischofs besorgt habe, fragte sich nicht nur die Tageszeitung "Zaman" am Freitag. Der Leibwächter könnte ja von dritter Seite aufgewiegelt oder mit dem Mord beauftragt worden sein. Bei den Vermittlungen werde kein Verdacht ausgeklammert, versprachen die Behörden.