Der Blick wandert unstet zwischen dem Feld und der Uhr auf der Anzeigentafel hin und her. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, der Blutdruck stößt in ungeahnte Dimensionen vor und der Herzschlag legt noch einen letzten Gang zu. Die Stimme ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst, als das so sehnlichst erhoffte, aber nicht mehr erwartete Siegestor in der Nachspielzeit fällt.
Die Anspannung entlädt sich auf der Tribüne wie ein Orkan. Wildfremde, vom gesehenen schwer gezeichnete, Fans fallen sich im Jubel in die Arme. Genau diese Bandbreite an Emotionen - von der grenzenlosen Anspannung oder Enttäuschung bis zur ekstatischen Euphorie - erlebt ein Fußballfan in jedem Spiel. In "Fifa 12" soll das nun nach dem Motto "Love Football – Play Football" auch vor dem Fernseher spür- und erlebbar werden.
Neue Steuerung der Defensive
Wesentlichste Neuerung des diesjährigen "Fifa"-Ablegers ist jedoch, dass EA Sports die Steuerung der Verteidigung komplett umgekrempelt hat. In einem Tutorial wird diese in einzelnen kurzen Einheiten dem Spieler näher gebracht. Die anfängliche Skepsis sinkt nach den ersten Übungen, doch erst im Spiel wird sich weisen, ob dieser fast schon radikale Schnitt die richtige Entscheidung war. Leider bietet das Tutorial nicht die Möglichkeit, auch die restlichen Steuerungsmöglichkeiten vorgestellt zu bekommen. Scheinbar geht man bei EA Sports davon aus, dass es sowieso niemanden mehr gibt, der nicht schon einmal ein "Fifa" gespielt hat.
Nachdem die eigene Lieblingsmannschaft ausgewählt wurde, geht es auch schon zu den ersten Bewährungsproben aufs Spielfeld. Das geänderte Defensivverhalten zwingt zu einer ganz neuen, realistischeren Spielstrategie. Beim Attackieren ist nun das richtige Timing gefragt. Noch wichtiger aber ist ein gutes Stellungsspiel, um Pass- sowie Laufwege dichtzumachen. Damit dies nicht ein unmögliches Unterfangen wird, bietet die Steuerung genau das notwendige Rüstzeug: So kann einfach per Tastendruck der Gegenspieler mit gleichbleibendem Abstand begleitet werden. Den richtigen Moment abgewartet, wird er dann attackiert oder gedoppelt, um ihm den Ball abzuluchsen.
Nach einigen Spielen lässt sich sagen, dass diese Änderung ein Schritt in die richtige Richtung war. Eingefleischte "Fifa"-Spieler werden allerdings anfangs etwas daran zu knabbern haben, denn mit dem in den letzten Teilen angelernten Verhalten folgt höchstens ein peinliches Debakel. Der Schlüssel zum Erfolg ist einmal mehr, wie im wahren Fußballerleben, ausgiebiges Training.
Spiel der Kräfte
Damit die Defensive nicht übermächtig wird, hat auch die Offensive entsprechend zugelegt. Dies betrifft insbesondere die individuelle Stärke der einzelnen Spieler. Ein Messi dribbelt auch in "Fifa 12" mit etwas Übung ein paar Verteidiger spielend aus. Großen Einfluss hat hier die neue Player-Impact-Engine. Diese berücksichtigt die körperlichen Voraussetzungen der Kicker. So setzt es einen kleineren Außenverteidiger schon mal unsanft auf den Hosenboden, wenn er auf einen bulligen Mittelspieler trifft.
Alles in allem wirkt das Spiel nun noch authentischer, da es abwechslungsreicher und wesentlich variabler ist. Ein Vergleich mit "PES 2012" endet mit einer Pattsituation: Beide Spiel-Engines haben ihre Vorzüge, ohne aber der anderen entscheidend überlegen zu sein.
Kampf um die Tabellenspitze im "Football Club"
Beim Spielumfang hat sich "Fifa" noch nie lumpen lassen. Von Turnieren über "Ultimate Team", "Be a Pro" und "Live Season" bis hin zum stark verbesserten Karrieremodus steht wiederum alles zur Verfügung, was das Fußballherz begehrt. Leider hat es nicht ganz zu einer intuitiven Menüführung gereicht, die bei dieser Vielfalt an Möglichkeiten das Leben wesentlich erleichtert hätte.
Neu ist der "Football Club": Alle eingefahrenen Ergebnisse und Erfolge fließen in die Bewertung des anfangs ausgewählten Lieblingsteams mit ein. Die Daten aller Spieler ergeben dann in einer Tabelle die entsprechende Platzierung. Dieses Feature hat ungeahntes Suchtpotential für alle Fans, schließlich will ja niemand, dass der Stadtrivale vor dem eigenen Verein platziert ist.
Fast alle Team vertreten
Lizenzseitig ist sowieso, so scheint es, bald ganz Europa erfasst. In England stehen die Teams sogar bis zur vierten (!) Leistungsstufe zur Auswahl bereit. In diesem Punkt ist "Fifa 12" dem Konkurrenten "PES 12" (siehe Infobox) trotz dessen Champions-League- und Europa-League-Lizenz meilenweit voraus.
Beim Vergleich der Barca-Teams in "Fifa 12" und "PES 12" zeigt der EA-Sports-Titel leichte grafische Vorteile. Diese weiten sich bei der durchaus beeindruckenden akustischen Stadionatmosphäre noch aus. Wer möchte, kann in "Fifa 12" auch wieder Schlachtgesänge aus anderen Quellen integrieren.
Fazit: "Fifa 12" wartet mit einer fast ungewohnt gravierenden Änderung auf. Das Risiko, die Defensive massiv umzustellen, hat sich aber gelohnt: Die Spielbarkeit wurde weiter gesteigert. Gemeinsam mit dem riesigen Spielumfang und der gelungenen Präsentation ist "Fifa 12" einen Kauf daher auf jeden Fall wert. Ob nun "Fifa 12" oder "PES 2012" der bessere Titel ist, scheint hauptsächlich Geschmacksache zu sein. Letztendlich hat "Fifa 12" am letzen Abdruck, praktisch in der Nachspielzeit, die Nase hauchdünn vorn.
Plattform: PS3 (getestet), Xbox360, PC, Wii, PSP, PS2
Publisher: EA
krone.at- Wertung: 9/10
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