"Wir gratulieren zu Ihrer Bereitschaft und Ihrem Mut, Neues erlernen zu wollen. Wir freuen uns auf Ihr Kommen – wir brauchen Sie!" Mit diesen Vorschusslorbeeren begrüßte der Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit, Dr. Herbert Anderl, die 40 neuen Mitarbeiter an ihrem ersten Arbeitstag in der Wiener Polizeiakademie.
Angespannt wie Taferlklassler lauschten die freiwilligen Probanden dem honorigen Hofrat zu Schulbeginn im Festsaal der Polizeischule. Elf Frauen und 29 Männer, die nach jahrelanger Arbeit bei der Post nun freiwillig – viele haben keinen fixen Job mehr – zu "Assistenzpolizisten" umgeschult werden und für mehr Sicherheit im Land sorgen sollen. Insgesamt haben etwa 600 Postler oder Telekom- Bedienstete signalisiert, zur Polizei umsteigen zu wollen.
"Als Hilfs- Sheriff oder Polizist zweiter Klasse fühlen wir uns aber bestimmt nicht“, erklärt der 38- jährige Gerhard U. aus Korneuburg. Er wird vom Postamt zur Polizeiinspektion wechseln. Einerseits, um seinen Job zu sichern, andererseits will der Familienvater seiner vierjährigen Tochter Leonie eine sichere Zukunft garantieren. Denn über eines sind sich die 40 "Neu- Polizisten" einig: Mit ihrer Tätigkeit wollen sie einen Beitrag zur Bekämpfung der Kriminalität leisten.
Natürlich bedeutet der Job- Wechsel für die meisten auch Wehmut. So wie Vinzenz P. (54), der 35 Jahre lang in einem Wiener Postamt arbeitete, waren viele Postler Säulen der Gesellschaft: Als Briefträger mit Herz galten sie für Alleinstehende oft als einzige Brücke zur Außenwelt. Gleichzeitig bedeutet die Umschulung zum Polizisten für manche auch eine neue Chance. So gibt die Wienerin Leonore S. offen zu, "dass sie das Nichtstun zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten hat".
Ein ganz anderer Hintergrund wiederum hat die 40- jährige Oberösterreicherin Margot F. bewogen, sich zur Polizei zu melden. Vor elf Jahren hat sie in einem Postamt bei Eferding am eigenen Leib leidvoll miterlebt, was es heißt, Überfallsopfer zu sein. "Ein Räuber hat mir damals das Messer an die Kehle gesetzt und die Kassa ausgeraubt", erinnert sie sich. In Todesangst hat sie dem brutalen Verbrecher damals 38.000 Schilling ausgehändigt.
"Seither zucke ich immer noch zusammen, wenn Postkunden hastig reagieren oder schnelle Bewegungen mit den Armen machen", gibt die Familienmutter zu. Jetzt will sie in Wels bei der Polizei im Hintergrund arbeiten und so mithelfen, dass wieder mehr Uniformierte auf den Straßen zu sehen sind.
Auch wenn der Jobwechsel für die Postler wie ein Sprung ins kalte Wasser ist, so glauben sie daran, sich auch im neuen Umfeld durchsetzen zu können. "Schließlich beginnen wir ja nicht bei null", meldet sich ein Wiener Briefträger. Durch jahrzehntelange Kundenbetreuung, EDV- Arbeiten, Telefondienste, etc. verfügen die künftigen Polizei- Mitarbeiter über wertvolle Erfahrungen für die Ermittlungen. Seitens der Polizei wiederum sieht man die neue Situation pragmatisch. "Es handelt sich vorerst um einen zweimonatigen Probebetrieb", stellt Oberst Rudolf Gollia klar.
Noch Dienstagnachmittag wurde bei einem "Post- Polizei- Gipfel" um die Finanzierung dieses Entlastungspakets gefeilscht. Damit die "Sicherheitspost" rasch abgeht – und der Anschluss nicht im Schneckenpost- Tempo verpasst wird.
Der Aufgabenbereich, den die Postler als neue Mitarbeiter des Innenministeriums übernehmen, beschränkt sich übrigens ausschließlich auf Verwaltungsarbeiten. Das heißt, keine Uniformen und auch kein Dienst mit der Waffe. Trotzdem sollen die neuen "Exekutivassistenten" durch ihre Arbeit im technischen Bereich, in der Administration, bei der Auswertung von Anrufdaten oder Datenbanken mithelfen, die Bürotätigkeiten der Exekutive zu verringern. "Weniger Verwaltungstätigkeit bedeutet für unsere Polizisten mehr Zeit zur Kriminalitätsbekämpfung auf der Straße", lautet dazu die Erklärung von Innenministerin Fekter.
Zudem sollen Synergien genutzt werden, das heißt z.B., dass Posttechniker, die über EDV- Fachwissen verfügen, für Kommunikationsaufgaben etc. eingesetzt werden. Mentoren, sprich erfahrene Polizisten, übernehmen die Einschulung: Die zwei Monate dauernde Ausbildung umfasst sowohl theoretische Themen wie rechtliche Fragen, interne Verwaltung, Kanzleiordnung, Schriftverkehr, etc. als auch "praktische Einweisung in administrative Aufgaben" in den Inspektoraten.