Open-World-Spektakel

Großartige Hacker-Spielwiese: “Watch Dogs” im Test

Spiele
27.05.2014 09:00

Ein halbes Jahr nach dem ursprünglich angepeilten Termin ist es endlich da: Ubisofts Hacker-Epos "Watch Dogs". Mit einer riesigen offenen Spielwelt, einer spannenden Handlung rund um den traumatisierten Profi-Hacker Aiden Pearce und vielen neuartigen Features, die man in dieser Form noch nirgends gesehen hat, soll das Game einen bleibenden Eindruck bei den Spielern hinterlassen. Und das tut es, wie krone.at nach einem ausführlichen Test bestätigen kann.

Ubisofts "Watch Dogs" macht dem Spieler schon in den ersten Spielstunden klar: Aiden Pearce, der Protagonist des Hacker-Games, ist ein gebrochener Mann, der auf Rache aus ist. Der Grund: Nach einem missglückten Cyber-Einbruch zog sich Aiden den Zorn seiner Auftraggeber zu. Sie setzten einen Auftragsmörder auf den Hacker an - töteten jedoch nicht ihn, sondern seine kleine Nichte.

Rachefeldzug durch die "Smart City"
Traumatisiert setzt Aiden fortan alles daran, den Rest seiner Familie vor Unheil zu schützen und die Drahtzieher hinter dem Mord an seiner Nichte zu finden. Zimperlich geht er dabei nicht vor. Im frei begehbaren Nachbau der US-Metropole Chicago arbeitet sich der Hacker zu Fuß, per Auto oder mit dem Boot schwer bewaffnet durch eine Vielzahl von Aufträgen, die nach und nach Licht in das Rätsel um den Tod der Nichte bringen - und neue Fragen aufwerfen.

Interessant macht den Rachefeldzug der Umstand, dass die in einer nahen Zukunft angesiedelte "Watch Dogs"-Interpretation der US-Großstadt sich als "Smart City" versteht. Überall stehen Überwachungskameras herum, gesteuert vom zentralen Stadt-Betriebssystem ctOS. Zusätzlich gibt’s computergesteuerte Ampeln, Brücken, ans Stadt-Netzwerk angeschlossene Verteilerkästen und ctOS-Überwachungstürme. Kurzum: Für einen Hacker wie Aiden Pearce hält die Spielwelt von "Watch Dogs" eine Vielzahl manipulierbarer Gegenstände bereit.

Äußerst abwechslungsreiche Aufträge
Die Hauptkampagne rund um Aidens dunkle Vergangenheit und die familiäre Tragödie ist allerdings nur ein Teilaspekt von "Watch Dogs". Das Open-World-Game erschlägt Spieler fast mit den vielen Möglichkeiten, die sich in der weitläufigen, offenen Spielwelt ergeben. Zusätzlich zu den Hauptaufträgen gibt es eine Vielzahl kleiner Jobs und Aktivitäten, die Geld und Erfahrung bringen.

Einen Teil der Aufträge erhält Aiden durch den Scan von Passanten. Als Profi-Hacker hat er nämlich Zugriff auf das ctOS-System, das so gut wie alles in Chicago steuert und Infos über jeden einzelnen Bürger der Stadt enthält. Das Jahreseinkommen, etwaige Vorstrafen, Krankheiten und mitunter sogar eigentümliche sexuelle Vorlieben - zu jedem Bürger, den man mit dem Handy ins Visier nimmt, hat das Spiel ein paar Infos parat.

Smartphone führt zu Aufträgen
Bei manch einem Passanten gibt es zusätzlich zu den Infos eine Sicherheitslücke, über die ein paar Dollar vom Bankkonto stibitzt werden. Bei anderen können MP3s abgestaubt werden, die Aiden fortan im Autoradio hören darf. Wieder andere führen auf ihren Smartphones Gespräche, die Aiden abhören kann. Beim Mithören erkennt er dann beispielsweise, dass die Person ein Verbrechen plant - und kann es verhindern, bevor es passiert.

Zusätzlich gibt's neben den Hauptmissionen, welche die Story vorantreiben, überall in der Stadt Mini-Missionen. Mal gilt es, ein wertvolles Auto zu besorgen und bei einem moralisch flexiblen "Sammler" abzuliefern. Zwischendrin erwarten Aiden Augmented-Reality-Games, bei denen er mit dem Handy bewaffnet virtuelle Ziele in der Stadt verfolgt. Autorennen sind ebenfalls möglich, außerdem sind in der ganzen Stadt ctOS-Überwachungstürme verstreut, die Aiden hacken muss, um noch mehr Kontrolle über die Infrastruktur zu erhalten.

Wahl zwischen Waffengewalt oder Hacker-Tools
Bei vielen Aufträgen gilt: Wie genau sie erledigt werden, bleibt dem Spieler überlassen. Manches Mal hilft Waffengewalt - Aiden hat Zugriff auf ein stattliches Arsenal, von der Pistole bis zum Scharfschützengewehr -, bei anderen Gelegenheiten können Aufträge mit Hacker-Fähigkeiten gelöst werden, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Und oft führen beide Wege zum Ziel und es obliegt dem Spieler, sich für eine Variante zu entscheiden.

Besonders unterhaltsam, weil bislang noch in keinem Spiel gesehen, waren im Test die Hacking-Einlagen. Dabei übernimmt Aiden üblicherweise die Kontrolle über ein mit ctOS verbundenes Gerät wie eine Überwachungskamera - und arbeitet sich hackend von einer Kamera zur nächsten vor, scannt dabei Wachmänner nach Zugangscodes, öffnet Türen, lässt Verteilerkästen explodieren und übernimmt Computer. In selbigen gilt es dann, Schalterrätsel zu erledigen und zum Objekt der Begierde vorzudringen, um es fachgerecht zu hacken. Nach getaner Arbeit kommt es manchmal zum Alarm, was in einer wilden Verfolgungsjagd resultiert, bei der Aiden die Cops abschütteln muss.

Zahnlose Cops, witzige Verfolgungsjagden
Eine echte Herausforderung sind diese Verfolgungsjagden allerdings nicht, erwiesen sich die Cops beim Testen doch als recht zahnlose Zeitgenossen. Oft reicht schon ein Sprung ins Wasser und der Wechsel auf ein Boot als Fluchtfahrzeug, um die Gesetzeshüter loszuwerden. Nur bei hohen Fahndungsstufen, wenn auch Hubschrauber im Spiel sind, sind die Polizisten eine echte Gefahr.

Dann hilft Aiden sein Smartphone bei der Flucht. Während des Fahrens darf der Hacker Ampeln auf Grün schalten, Straßenpoller hochfahren lassen und Klappbrücken manipulieren. Das macht einen Heidenspaß und hebt "Watch Dogs" von der Open-World-Konkurrenz ab. Im Test entlockte es uns mehr als einmal ein schadenfrohes Grinsen, wenn die Gesetzeshüter durch eine manipulierte Ampel in den seitlich kommenden Verkehr krachten oder mit hoher Geschwindigkeit an einen gerade erst aus dem Boden gefahrenen Poller rasten.

Spaß machen solche Verfolgungsjagden auch, weil die Autos in "Watch Dogs" sich angenehm einfach steuern lassen. Das Fahrverhalten war bei allen im Test gefahrenen Autos so gewählt, dass es den Spieler nicht vor unlösbare Herausforderungen stellt und genug Aufmerksamkeit für das Hacken der Umgebung übrig bleibt.

Protagonist wird mit der Zeit immer mächtiger
Für Langzeitmotivation sorgt neben der schieren Fülle an Aufträgen und Möglichkeiten auch das Verbessern von Aiden selbst. Der verfügt nämlich über verschiedene, im Spielverlauf freischaltbare Fähigkeiten, mit denen er sein Können beim Hacken, Kämpfen, Autofahren oder beim Bau von elektronischen Hilfsmitteln verbessern kann.

So bringt sich Aiden im Spielverlauf beispielsweise bei, aus gefundenen Teilen Splittergranaten herzustellen. Nach und nach lernt er auch, Autos zu klauen, ohne den Alarm auszulösen. Bessere Kampf-Fähigkeiten gibt es ebenfalls. Und mit bestimmten Hacking-Talenten kann der Spieler den Verkehr besser manipulieren oder verheerende Explosionen bei ans ctOS angeschlossenen Verteilerkästen oder Gasleitungen verursachen.

Viel ließe sich noch über die vielen kleinen und großen Missionen im Chicago von "Watch Dogs" sagen, es würde jedoch den Rahmen dieses Tests sprengen. Nur so viel: In puncto Abwechslung hat "Watch Dogs" einiges zu bieten. So viel, dass Einsteiger womöglich etwas eingeschüchtert sein werden und genug Missionsfutter für Dutzende Stunden vorhanden ist.

Sehr gute, aber nicht überragende Optik
Einen sehr guten Eindruck hinterlässt "Watch Dogs" nicht nur durch das abwechslungsreiche Gameplay, sondern auch durch die sehr ansehnliche Optik. Die Charaktermodelle, allen voran Aiden selbst, warten mit natürlichen Animationen, realistischen Gesichtsausdrücken und hochauflösenden Texturen auf. Auch die Autos wurden mit viel Liebe zum Detail implementiert, die riesige Stadt bietet reichlich Abwechslung - von der mit Wolkenkratzern versehenen Innenstadt bis in die Vororte mit ihren Reihenhäusern. Die Licht- und Wettereffekte können sich ebenfalls sehen lassen, vor allem bei den Wasser- und Regeneffekten kann sich "Watch Dogs" von anderen Games absetzen.

In der PS4-Version schafft es "Watch Dogs" allerdings trotz der sehr guten Grafik nicht ganz in die gleiche Liga wie der PS4-Exklusivtitel "Infamous: Second Son". Das mag damit zusammenhängen, dass "Watch Dogs" nicht exklusiv für die neue Konsolengeneration entwickelt wurde und vermutlich stellenweise technische Kompromisse eingegangen werdech etwas mehr herauskitzeln, ansonsten sieht "Watch Dogs" auch auf der Sony-Konsole sehr gut aus.

Stimmiger Sound, gute Sprachausgabe
Erfreulich gut ist auch die Vertonung geworden. Das fängt bei den - auch in der deutschen Version - gut gewählten und professionell klingenden Sprechern an, die Aiden und den anderen Protagonisten des Hacker-Thrillers glaubhafte Stimmen einhauchen. Und es setzt sich bei den abwechslungsreichen Musikstücken fort, die im Auto zu hören sind.

Auch der Stadtlärm, der Aiden umgibt, ist gut getroffen. Autolärm, plappernde Einwohner, zwischendrin immer mal wieder ein kleiner Crash - die Geräuschkulisse passt. Selbst die einzelnen Passanten hat Ubisoft deutsch vertont. Wer durch die Straßen Chicagos schlendert, kann eine Vielzahl mehr oder weniger unterhaltsamer Gespräche belauschen, vereinzelt haben wir sogar Englisch oder Französisch sprechende Touristen entdeckt.

Noch ein Wort zur Steuerung: In "Watch Dogs" läuft der Spieler in "Assassin's Creed"-Manier durch die Levels, was sehr lebensecht und natürlich aussieht. Das klappte im Test sehr gut, allerdings vermissten wir die Möglichkeit, zu springen. Aiden Pearce kann zwar Vorsprünge hochklettern und Hindernisse überwinden, allerdings keinen Meter weit springen - ein Unding, vor allem dann, wenn man aus einem Boot aussteigen möchte und mangels Sprungkraft zwischen Boot und Steg im Wasser landet.

Unterhaltsame Online-Features
Ein Spiel vom Umfang eines "Watch Dogs" fesselt zwar auch mit der Hauptkampagne und den unzähligen Nebenmissionen schon, trotzdem hat Ubisoft dem Game auch einen Online-Modus spendiert, bei dem Spieler gegeneinander antreten können. Möglich sind etwa Hacking-Challenges, bei denen ein von einem Online-Spieler verkörperter Hacker irgendwo in der Spielwelt lokalisiert und ausgeschaltet werden muss.

Alternativ gibt's unter anderem Online-Rennen, bei denen man mit befreundeten Spielern durch die Stadt rasen darf. Selbstverständlich darf man dabei die fiesen Hacking-Tricks, die man sonst gegen die Polizei nutzt, gegen die Mitspieler einsetzen.

Fazit: Am Ende hat "Watch Dogs" eigentlich nur eine einzige Schwäche: Es bietet so viele Features, dass manch ein Spieler den Überblick verlieren und sich erschlagen fühlen könnte. Um wirklich zu verinnerlichen, wofür Aiden Pearce und sein Smartphone alles gut sind, muss man zunächst einmal einige Stunden in "Watch Dogs" investieren. Die Investition wird jedoch belohnt - mit einer toll gemachten, offenen Spielwelt, einer spannenden Handlung und Gameplay-Elementen, die wir so noch nirgends gesehen haben.

Plattform: PC, PS3, PS4 (getestet), Xbox 360, Xbox One, Wii U (geplant)
Publisher: Ubisoft
krone.at-Wertung: 9/10

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