Sa, 18. November 2017

Putsch, Terror etc.

04.07.2017 22:02

Österreicher kehren Urlaubsland Türkei den Rücken

Militärputsch, das umstrittene Referendum von Präsident Recep Tayyip Erdogan und Terrorangst - die Österreicher machen einen großen Bogen um das Urlaubsland Türkei und vor allem um die Strände von Antalya. Ein "Krone"-Lokalaugenschein.

Warmer Wind weht vom Meer auf die Promenade, die die einst heiß begehrte Badebucht von Side mit ihren modernen Hotels und der antiken und byzantinischen Welt verbindet. "Wie geht heuer das Geschäft?", wollen wir von Aykut Akdemir wissen. Der 29-jährige Standler bietet orientalisch duftende Gewürze an und hat uns schon im vergangenen Jahr sein Leid über den Touristenschwund geklagt.

"Ihr seid die ersten Österreicher"
Nun sagt er: "Das erste halbe Jahr war schlecht. Aber die deutschen Gäste sprechen uns Mut zu und sagen, es wird besser. Seit einigen Tagen ist wirklich mehr los." Kommen viele Österreicher? "Österreicher, nein - Ihr seid die ersten", meint er nachdenklich und serviert uns türkischen Tee.

Spanier und Griechen "fischen" die Urlauber weg
Ein Stückchen weiter betreibt Ayhan Özen sein Fischlokal. Außerdem besitzt er ein kleines Boutiquehotel und eine Frühstückspension. Früher hielt der Hotelier immer ein paar Zimmer für Österreicher bereit, da seine Frau Wienerin ist. Doch heuer nicht. Die Österreicher machen einen Riesenbogen um die Türkei. Spanier und Griechen "fischen" die Urlauber weg. Die Strände sind nicht leer. Russen, Osteuropäer aber auch Türken tummeln sich im Wasser, das bereits Badewannentemperatur erreicht hat.

Herr Özen musste bereits 13 Mitarbeiter entlassen, 19 haben ihren Job (noch). Neben der innenpolitischen Situation und der Lage im Nahen Osten haben auch die Reiseveranstalter mitschuld an der Misere. So ist die Zahl der Fluggäste seiner skandinavischen Agentur mittlerweile auf ein Viertel gesunken.

"Das Politische interessiert uns nicht"
Vor dem Hotel Acanthus entdecken wir dann zwei Steirer - Maria Dreier und Rigobert Frühwirth. Die Pensionisten verbringen bereits ihren 15. Sommer in dem Hotel. "Wir lieben die familiäre Atmosphäre. Das Politische interessiert uns nicht. Hier ist es schön und es passt einfach alles." Ihre Kritik: "Früher gab es dreimal wöchentlich von Graz aus Flüge, jetzt müssen wir von Wien aus fliegen".

"Ihr bestraft nicht Erdogan, wenn ihr nicht kommt"
Zurück in Antalya treffen wir Barbara Reinprecht-Schellenberg. Die gebürtige Wienerin lebt seit 14 Jahren in der Tourismusmetropole und richtet einen Appell an ihre Landsleute: "Ihr bestraft nicht Erdogan, wenn ihr nicht mehr kommt, sondern ihr nehmt den Menschen hier ihre Lebensgrundlage." Die Pianistin kennt das Argument: "Es sind dieselben Leute, die nach Thailand oder Dubai fahren. Sind das etwa besser funktionierende Demokratien?"

Interview mit Österreichs Konsul Ahmet Barut
"Krone": Herr Barut, Sie sind österreichischer Honorarkonsul und Hotelbesitzer in Antalya. Wie sieht die touristische Lage aktuell aus? Ist der Umsatzrückgang schon bereinigt?
Ahmet Barut: Die politischen Spannungen haben uns viel gekostet.

Wie viele Österreicher verbrachten in guten Jahren ihre Ferien in Antalya?
Es waren so zwischen 300.000 und 400.000.

In einem der zwölf Barut-Hotels, dem "Lara", gibt es 460 Zimmer - wie viele sind von Österreichern belegt?
Derzeit leider keines.

Woher kommen jetzt die Urlauber an der türkischen Riviera?
Aus Russland, Holland und England. Auch der osteuropäische und der lokale Markt wachsen.

Wie viele Gäste erwarten Sie aus Russland?
Etwa drei Millionen.

Im vergangenen Jahr sind Sie mit den Preisen rasant runtergefahren. Wie sieht es heuer aus?
Wir haben heuer wieder sehr attraktive Angebote.

Glauben Sie, dass sich in der Hauptsaison doch noch österreichische Urlauber für Antalya entscheiden?
Ich denke schon. Für das ganze Jahr rechnen wir mit 100.000.

Mit wie vielen Touristen rechnet Antalya insgesamt - und wie war es früher?
Für heuer rechnen wir mit rund zehn Millionen, in einer normalen Saison hatten wir früher allerdings 12,5 Millionen.

Martina Münzer, Kronen Zeitung

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