Do, 19. Oktober 2017

Viel für wenig

01.04.2017 11:18

Wie das Billigauto Renault Kwid die Welt erobert

Renault hat, was VW alleine offenbar nicht schafft und sich jetzt von Tata bauen lassen will: Ein erfolgreiches Billigauto für aufstrebende Schwellenländer. In Indien entwickelt und dort der Grund für neue Absatzrekorde, erobert dieser Kwid jetzt langsam die Welt und fährt VW damit weiter davon. Und der Rubel rollt - wohl kein Zufall dass "quid" in der englischen Umgangssprache für ein Pfund Sterling steht.

Es ist kurz nach neun und im Trident-Autohaus im Narayanapura Village in Bangalore genießen sie die Ruhe vor dem Sturm. Noch steht das gute Dutzend Verkäufer im schmucklosen Showroom beisammen im Kreis und wünscht sich im morgendlichen Team-Ritual einen erfolgreichen Tag. Doch in einer halben Stunde öffnen sie die Glastüren und der Trubel beginnt. "Seit Renault vor gut einem Jahr den Kwid auf den Markt gebracht hat, ist bei uns die Hölle los", sagt Verkäufer Pavithran, der schnell noch einen Neuwagen mit Blumengirlanden schmückt und die Übergabe vorbereitet. Schließlich ist der Autokauf noch etwas Besonderes in einem Land, in dem auf 1000 Einwohner gerade einmal 25 Fahrzeuge kommen.

Zwar stehen bei ihm im Showroom auch Duster, Lodgy oder ein Clio mit Stufenheck. Doch natürlich knüpft Pavithran die Girlanden mal wieder an einen Kwid. Denn der Kleinwagen ist der große Star im Renault-Programm auf dem Subkontinent. Allein er und seine Kollegen verkaufen an den drei Standorten in Bangalore 150 Kwid pro Monat und damit viermal so viele wie etwa vom bisherigen Bestseller Duster. Aus dem ganzen Land kommen an guten Tagen sogar weit mehr als 1000 Bestellungen zusammen, erzählt Designchef Laurens van den Acker. Dabei hat das Werk in Chennai nur eine Kapazität von 2000 Fahrzeugen pro Woche. Kein Wunder, dass die Zahlen in der Zentrale durch die Decke gehen. Mittlerweile sind bereits 150.000 Kwid in Indien verkauft und Renault hat dem Winzling sei Dank seine Zulassungen versiebenfacht - während der Markt in dieser Zeit "nur" um 17 Prozent zugelegt hat.

Aus dem Flop des Tata Nano gelernt
Dass der Kwid so erfolgreich ist, liegt natürlich vor allem an seinem Preis. Denn als sogenanntes Budgetcar kostet er in der Basisversion umgerechnet kaum mehr als 3500 Euro und zählt damit zu den günstigsten Autos am Markt. Aber es liegt vor allem daran, dass er nicht billig aussieht, sagt Van den Acker, der den 3,68 Meter kurzen Hüpfer mit dicken Plastikplanken vor dem Wahnsinn auf den Straßen in Delhi & Co gewappnet hat. Aus Flops wie dem Tata Nano hat er gelernt, dass die Kunden in den Schwellenländern selbst für solche Spotpreise ordentliche Autos erwarten. "Schließlich ist das die teuerste Anschaffung, die sie in ihrem Leben je tätigen werden", ist van den Acker überzeugt. "Darauf wollen sie zu Recht stolz sein können." Wenn man dann auf der einen Seite mit Fahrrädern und Mofas und auf der anderen Seite mit heruntergerittenen Gebrauchtwagen konkurrieren will, muss man den Kunden schon etwas bieten, ist er überzeugt.

Wo Konkurrenten wie der Suzuki Alto oder der Tata Nano rollende Armutszeugnisse sind, glänzt der Kwid mit Pepp statt grauem Plastik und blankem Blech. Zwar hat auch er ein paar unverkleidete Schrauben im Kofferraum, die Sitze sind dünn und das Plastik preiswert. Das Getriebe braucht etwas Feingefühl, Lenkung und Bremsen erfordern Weitblick, das Fahrverhalten ist im besten Falle beliebig und bei Dreizylinder-Motoren mit 0,8 Liter Hubraum und 54 PS oder 1,0 Liter und 68 PS darf man es nicht wirklich eilig haben, was im indischen Verkehr aber ohnehin illusorisch ist. Aber im Grunde gibt es an dem Auto nichts auszusetzen.

Ungeahnter Luxus
Mit dem sparsamsten Verbrenner in ganz Indien fährt der Kwid bei der Technik vorne mit. Und das Design ist über jeden Zweifel erhaben: Von außen sieht der Viertürer auf seinen Offroad-Stelzen nicht minder charmant aus als ein europäischer Twingo, der zu lange neben einem Captur geparkt hat. Und innen überrascht er die vier halbwegs bequem untergebrachten Passagiere mit einem Luxus, wie es ihn in diesem Segment sonst bei keinem anderen Hersteller gibt: Hinter dem - natürlich rechts - montierten Lenkrad gibt es ein digitales Cockpit mit riesigen Leuchtanzeigen, in der Mittelkonsole steckt eingefasst von Klavierlack ein großer Touchscreen samt Navigation, Bluetooth und USB-Anschluss und die Sitze sind mit rotem Saum vernäht: "Spätestens da sind die Kunden hin und weg. Das kennen sie so nicht einmal aus einem Mercedes", sagt Verkäufer Pavithran. Und sogar eine Automatik haben die Franzosen jetzt noch ins Programm genommen.

Versucht haben so ein Billigauto schon viele Hersteller, aber hinbekommen hat es bislang keiner. Und auch Renault musste dafür neue Wege gehen, sagt Van den Acker: Anders als bei Dacia haben die Franzosen den Preis für den Kwid nicht durch den Einsatz alter Plattformen und abgelegter Motoren auf solch ein niedriges Niveau gedrückt. Der Kwid nutzt im Gegenteil als erstes Auto sogar eine nagelneue Plattform, die eigens für Fahrzeugprojekte in Schwellenländern konzipiert wurde. Weil außerdem ein Gros der Entwicklungsleistung in Indien erbracht wurde, auch 98 Prozent der Zulieferer aus der Region kommen und der Projektleiter ein halbes Jahr länger Zeit hatte, um mit den Lieferanten um den besten Preis zu feilschen, war das Entwicklungsbudget am Ende nicht einmal halb so groß wie bei Clio & Co.

Gegen Volkswagen auf und davon
Mit dem Kwid hat Renault nicht nur Platzhirsche wie Tata oder Suzuki geärgert, die in dem Segment der Billigautos - mit 90 Prozent Anteil am gut zwei Millionen Autos starken Gesamtmarkt mit Abstand der größte Brocken - bislang allein den Ton angegeben haben. Das billige Boommodell ist auch eine schallende Ohrfeige für die europäische Konkurrenz - allen voran für VW. Denn obwohl sich die Niedersachsen so viel auf ihre Ingenieurskunst einbilden, oder vielleicht gerade deshalb, bekommen sie so ein billiges Auto einfach nicht hin. Zwar arbeiten sie daran seit Jahren. Doch alle bisherigen Versuche sind gescheitert. Die Kleinwagen Fox und Up waren so aufwendig konstruiert, dass man sie partout nicht zu Billigautos zurückrüsten konnte. Und in der Kooperation mit Suzuki waren die Deutschen so verbohrt, dass die Partnerschaft in die Brüche ging, bevor dabei ein vernünftiges Auto dabei herauskommen konnte.

Weil so ein Budgetcar unter 5000 Dollar aber essentiell ist, um große Länder mit unterentwickelten Automärkten zu erschließen, und weil ein Hersteller ohne Billigauto nach Schätzungen des Automobilwirtschaftlers Ferdinand Dudenhöffer mal eben auf 15 Prozent des Weltmarktes verzichtet, hat VW jetzt - mal wieder - einen neuen Anlauf genommen und eine Kooperation mit Tata angebahnt. Und damit es diesmal vielleicht tatsächlich klappt, haben dabei nicht die technikverliebten Ingenieure in Wolfsburg das Sagen. Die Regie führt auf VW-Seite die für pragmatische Lösungen bekannte Tochter Skoda. Selbst wenn aus dem "Memorandum of Understanding" im Lauf des Jahres eine Partnerschaft werden und dann bald die gemeinsamen Entwicklungen beginnen können, wird es wohl noch mindestens drei, eher vier Jahre dauern, bis die Niedersachsen den Franzosen die "Kwiddung" für ihren Kwid präsentieren und in diesem Rennen mitmischen.

Bis dahin hat der Kwid allerdings längst die Welt erobert. Denn nach dem erfolgreichen Start in Indien baut und verkauft Renault den billigen Knirps mittlerweile auch in Südamerika und in Südafrika. Männer wie Trident-Verkäufer Pavithran in Bangalore wissen, was das bedeutet: "Die ruhigen Tage werden dort für die Kollegen wahrscheinlich bald vorbei sein."

Benjamin Bessinger/SP-X

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