Di, 23. Jänner 2018

Der Blitz-Blitz

06.11.2016 15:43

Suzuki Baleno: Schlangenlinien serienmäßig

"Es muss nicht immer ein deutsches Fabrikat sein", tönt der Händler, der mir den Suzuki Baleno als Testwagen übergibt. Er ist offensichtlich stolz auf seine Marke, die laut IHS Automotive die beliebteste Kleinwagenmarke der Welt ist. Tatsächlich ist der Baleno voll von guten Eigenschaften, hat Dinge, die andere nicht haben und bietet für diese Fahrzeugklasse fast schon unglaublich viel Platz. Und doch bleibt bei mir unterm Strich ein negativer Eindruck haften. Aber dazu später.

Zunächst wollen wir dem unscheinbaren Japaner huldigen: Trotz lediglich 3,99 Meter Länge bietet der Suzuki Baleno absolut erwachsene Platzverhältnisse und gehört diesbezüglich zu den Besten in der Polo-Klasse. Trotz meiner 1,88 m Körpergröße kann ich bequem hinter dem für mich eingestellten Fahrersitz Platz nehmen. Da kann mach Kompaktklassler nicht mithalten.

Auch das Kofferraumvolumen ist mit 355 bis 1.085 Liter (hinter einer recht hohen Ladekante) ein echtes Aushängeschild, samt doppeltem Boden, der mit den leicht umklappbaren Rücksitzlehnen eine fast eben Fläche bildet. Unpraktisch ist nur, dass man beim Wiederaufstellen gerne die Sicherheitsgurte einklemmt.

Optisch reißt der Baleno niemanden vom Hocker. Mit fällt es teilweise schwer, ihn in einer Reihe parkender Autos zu finden, weil er so unauffällig ist. Das ist aber grundsätzlich keine schlechte Eigenschaft, man muss es nur wollen.

Im Innenraum herrscht auch kein Bling-bling-Alarm, nur das Touch-Display mit dem vierfarbigen Start-Screen, der an das Spiel "Senso" erinnert (kennt man das noch?), zeigt, dass man in Japan etwas für frischen Wind übrig hat.

Bildschirm samt Navi etc. ist Teil der Top-Ausstattung "flash", nicht zuletzt wegen zu kleiner und verteilter Bedienfelder ist das Ganze aber nicht sonderlich gut zu bedienen.

Top ist, dass Suzuki der Versuchung widerstanden hat, alles in den Touchscreen zu packen - immerhin ist die Klimaanlage bzw. -automatik mit echten Tasten zu steuern. Dafür ist sogar der Lautstärkeregler als Touchfeld ausgeführt. Gut, dass es ein Multifunktionslenkrad gibt!

Ein Motor wie früher
Baleno heißt auf Italienisch Blitz, was man aber nicht so ernst nehmen sollte (im Gegenteil: Suzuki Baleno flash heißt Suzuki Blitz Blitz und ist eher was zum Schmunzeln). Der Testwagen wird vom Basismotor angetrieben, einem klassischen 90-PS-Vierzylinder-Benziner mit 1,2 Liter Hubraum. Der ist kein Wunder an Spritzigkeit, aber ein echter Leisetreter mit angenehmer Leistungscharakteristik. Erstaunlich ist, dass der kleine Baleno trotz seines extrem geringen Gewichts von knapp 900 kg 12,3 Sekunden für den Sprint auf 100 braucht. Keine Ahnung, wo er die Kraft liegen lässt, im Getriebe jedenfalls nicht. Der Testwagen ist mit einem manuellen Fünfganggetriebe ausgestattet, optional gibt es eine CVT-Automatik. Der Testverbrauch von 5,9 l/100 km geht hingegen in Ordnung (NEFZ-Wert 4,2 l/100 km).

Gegen Aufpreis ist der Motor als Mild-Hybrid zu haben, alternativ gibt es einen Einliter-Dreizylinder-Turbo mit 112 PS. Einen Dieselmotor bietet Suzuki nicht an.

Gutes Fahrwerk, miese Lenkung
Überraschend gut schlägt sich das Fahrwerk des Suzuki. Er flitzt behände um engste Kurven, ohne dass die 185er-Reifen zu pfeifen anfangen würden. Respekt. Trotz eher hölzernem Abrollen der Reifen bietet er dazu auch noch brauchbaren Komfort.

Das größte Manko ist jedoch die Lenkung, die sich grundsätzlich nicht von selbst gerade. Im Gegenteil: Beim Geradeausfahren muss man beim Korrigieren ständig einen synthetischen Widerstand überwinden, um geradeaus zu bleiben. Die Folge ist, dass man ständig leicht Schlangenlinien fährt und sich grundsätzlich unwohl fühlt. Denselben Effekt gibt es auch beim SsangYong Tivoli, allerdings nur, wenn sich die Lenkung im Sportmodus befindet (eine derartige Einstellmöglichkeit gibt es im Suzuki nicht).

Viel Ausstattung fürs Geld
Der Einstiegspreis liegt bei 13.690 Euro, inklusive Klimaanlage, elektrischen Fensterhebern, LED-Tagfahrlicht, aber ohne Radio und mit Trommelbremsen hinten. Die Topversion ist ab 17.090 Euro zu haben und ist umfassend ausgestattet: Adaptiv-Tempomat, Xenonscheinwerfer, Scheibenbremsen rundum, Klimaautomatik, Sitzheizung, Bunt-Screen mit Navi, Rückfahrkamera (aber keine Parksensoren), Keyless Entry und Start, elektrisch einstell- und beheizbare Außenspiegel etc. Der Notbremsassistent bzw. Auffahrwarner ist zwar in seinem Dasein löblich, im Alltag aber lästig, weil er in ganz normalen Verkehrssituationen (etwa beim Heranrollen an die Kolonne vor einer roten Ampel) teils hysterisch warnt, selbst in der harmloseren von zwei Stufen.

Unterm Strich
Suzuki wollte beim Baleno offenbar alles richtig machen und ist dabei auch wirklich weit gekommen. Im Detail müssen die Japaner aber noch nachbessern. Zum einen scheint es an der Verarbeitungsqualität zu hapern, der Beifahrersitz knarzt aufdringlich, auch aus dem Armaturenbrett dringen lästige Geräusche und sogar die Hutablage macht akustisch auf sich aufmerksam. Doch die Lenkung ist ein echtes Dauerärgernis. Nein, es muss nicht immer ein deutsches Fabrikat sein, aber eine Lenkung, die sich nicht gegen das geradeausfahren stemmt, sollte es schon sein.

Warum?

  • Komplette Ausstattung beim Topmodell
  • Gutes Fahrwerk
  • Leise im Innenraum

Warum nicht?

  • Untaugliche Lenkung
  • Verarbeitungsmängel

Oder vielleicht …

… VW Polo, Toyota Yaris, Opel Corsa, Mazda2 …

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