Mi, 22. November 2017

„Krone“-Reportage

23.10.2016 12:02

Kaiserzeit im roten China

Heftiger können Gegensätze nicht sein - neun Tage in der Mega-City Peking und in der tiefgrünen Henan-Provinz in der Mitte des 1,4-Milliarden-Einwohner-Reichs sowie in den weiten Steppen Tibets auf 3000 Höhenmetern zeigen ganz gut die aktuellen politischen Herausforderungen Chinas: Bei nachlassendem Wirtschaftswachstum lernen sogar Kommunisten alte Kaiserdynastien schätzen - zumindest wenn deren Nachlass Devisen aus dem Tourismus bringt.

Wenn Kommunisten ihr Ohr auf die Schienen der Geschichte legen, dann kann das zu etwas gewagten Experimenten führen: Die Stadtmauer in Kaifeng (4,8 Millionen Einwohner) in der Provinz Henan ist beeindruckend hoch, schön und sehr rot, aber eben neu. Ebenso wie der ganze Regierungsbezirk mit seinen riesigen Residenzen, Empfangshallen und den alten Gefängnissen direkt neben dem Baogong-See.

Die chinesischen Touristen stört das nicht, uns europäische Langnasen aus dem Ringstraßen-verwöhnten Wien oder aus einem mit römischem Mauerwerk übersäten Italien können Nachbauten nicht ganz so nachhaltig beeindrucken. Der Fotosafari-Reflex funktioniert trotzdem: Einige Originale - etwa die 55 Meter hohe Eisenpagode des Youguo-Tempels von Kaifeng aus dem Jahr 1049 - liefern den europäischen China-Reisenden die begehrten "typischen" Bildmotive. Der wiederum recht neue History-Park mit lauten "Seeschlachten" und Artisten ist übrigens auch ganz nett.

Besuch bei Chinas mordender "Sisi"
In Luoyang (6,4 Millionen Einwohner), einer der vier alten großen Hauptstädte Chinas, muss nun auch eine mordende Kaiserin für den Tourismus werben: Die Residenz von Wu Zetian - sie lebte von 625 bis 705 - ist kürzlich von Stararchitekten nachgebaut worden. Mit modernen Aufzügen und mit sehr, sehr viel Goldfarbe. Die einzige Frau mit dem Titel chinesischer "Kaiser", die ihren Ehemann und den ältesten Sohn vergiftete, hat im noch immer recht roten China jedenfalls auch in einer 96-teiligen TV-Serie ein wildes Comeback als blutrünstige "Sisi" (Anm.: Elisabeth war im Gegensatz zu Wu Zetian lediglich Gattin des Kaisers).

Buddha-Statuen aus dem Fels gemeißelt
Wesentlich mehr Ruhe und bessere touristische Vermarktungschancen bietet die Provinz Henan am Yi-Fluss: bei den Longmen-Grotten. Ab dem 5. Jahrhundert meißelten Mönche Grotten sowie gigantisch große Buddha- und Wächter-Statuen aus dem Fels der Uferhänge. Manche der Bodhisattvas, der "Erleuchtungswesen", wurden in der Zeit der Kulturrevolution beschädigt.

Jetzt weiß das offizielle China dieses Erbe mehr zu schätzen: Die Hoffnung, dass bald auch Massen ausländischer Touristen anreisen, ist groß - der Busparkplatz hat jedenfalls die Ausmaße eines mittleren internationalen Flughafens. Zwei Flugstunden entfernt und 2200 Meter höher wird das gleiche wirtschaftspolitische Ziel ziemlich direkt kommuniziert: in Xining. Die Provinzhauptstadt von Qinghai, des chinesischen Teils Tibets, hatte 1940 nur 50.000 Einwohner, jetzt 2,2 Millionen.

Alles vom Yak und Nächte im Zelt
Eine Rundreise zum größten Salzsee Chinas, zu 4000 Meter hoch gelegenen Passstraßen und die Ausflüge quer durch die extreme Weite der Steppen könnten sicher auch österreichische Abenteurer interessieren, die für wirklich Neues gewisse ernährungstechnische und sanitäre Belastungsproben gern in Kauf nehmen.

Die touristische Infrastruktur ist in Qinghai nämlich noch im Aufbau: Die vielen chinesischen Urlauber begnügen sich in dieser Provinz auch bei 6 Grad mit Feldbetten in traditionellen bunten Zelten und mit einem sehr überschaubaren kulinarischen Angebot, das von radikalen Verwertungsmöglichkeiten des Yaks und der Ziege dominiert wird.

Von der Steppe zurück in die Zukunft
Retour in der 28 Grad wärmeren 22-Millionen-Einwohner-City Peking, festigt sich zwischen Luxus-Shoppingtempeln, Science-Fiction-Architektur und dem prächtigen Sommerpalast die Überzeugung, dass es für Chinas Provinz Qinghai selbst mit einem sehr bemühten Steppen-Tourismus schwierig wird, Top-Destinationen wie Peking, Xi'an und Shanghai Konkurrenz zu machen. Aber vielleicht stibitzen sich die neuen Parteikaiser ja noch weitere Ideen von den alten Regenten?

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