Mi, 13. Dezember 2017

Viel Erstaunliches

20.09.2015 16:50

Die IAA vor 50 Jahren: So war die Autowelt 1965

Nie war die IAA vielfältiger als 1965. 90 Automarken waren vertreten, 13 davon allein aus Deutschland. Noch einmal war die Messe ein gesellschaftliches Ereignis von nationaler Bedeutung. Eine Rekordzahl an Besuchern wurde erwartet, gekleidet in einem Chic wie sonst beim Opern- oder Konzertbesuch. Die glamourösen Premieren verdeckten aber auch, dass die Branche mitten im Umbruch steckte.

Mit Honda fand der erste asiatische Pkw-Aussteller in die Mainmetropole. Ein kleiner Anfang einer großen Entwicklung: In den kommenden Jahrzehnten sollten sich die Japaner zur Großmacht in Europa aufschwingen. Auch auf Kosten der Amerikaner und Engländer. Die präsentierten vor 50 Jahren ihre neuesten Erkenntnisse zur "Brennstoffzelle als Energiequelle für Kraftfahrzeuge" oder zu "Elektronikentwicklungen zur automatischen Fahrzeuglenkung auf Autobahnen", wie das autonome Fahren damals genannt wurde. Visionäre Techniken, die in Frankfurt begeisterungsfähiges Fachpublikum fanden.

Die zentralen Themen waren jedoch höheres Tempo und höhere Sicherheit. Schließlich wurden schon am ersten IAA-Sonntag Bundestagswahlen abgehalten. Weshalb etwa die FDP mit der Forderung nach Mindestgeschwindigkeiten im Straßenverkehr Wahlkampf machte, während andere Politiker das sogenannte Auto-Abitur, eine besonders anspruchsvolle Fahrausbildung, ins Gespräch brachten und die Absenkung des zulässigen Blutalkoholwerts von 1,5 Promille forderten. Gab es doch mit annähernd 16.000 Verkehrstoten im Jahr fast fünf Mal so viele Opfer zu beklagen wie heute. Scheibenbremsen und Sicherheitsfahrgastzellen für alle Neuentwicklungen, Dreipunkt-Gurtsysteme, Knautschzonen, Crashtests und erste Kindersitze zählten deshalb zu den wichtigsten IAA-Innovationen.

Die deutsche Industrie hatte das Jahr 1965 zum wirtschaftlichen "Boom-Jahr" ausgerufen und tatsächlich schien das Nachkriegs-Wirtschaftswunder einen Höhepunkt zu erreichen mit erneuter Ausweitung der industriellen Fertigungskapazitäten sowie damit einhergehenden Rekordverkaufszahlen von 1,4 Millionen Pkw bis zum Jahresende. Platz eins in der Zulassungsstatistik belegte erneut Volkswagen, was die Wolfsburger auf der IAA ebenso feierten wie die Auslieferung des zehnmillionsten Käfers. Dazu tickte eine gigantische VW-Uhr nicht Zeit, sondern Produktionsziffern und ein Spruchband verkündete "Alle 8 Sekunden ein neuer VW!" Als Geschenk an die Kunden gab es den billigsten VW Typ 1200 A nun serienmäßig mit arretierbaren vorderen Sitzlehnen und stolzen 34 PS Leistung. Auf den Plätzen zwei bis sechs der Zulassungscharts folgten Opel, Ford, Mercedes-Benz, Fiat und NSU. Wobei Fiat dank seiner Produktionsanlagen in Heilbronn übrigens noch keine Importmarke war. Importiert wurden dafür die französischen Renault, die mit 40.300 Einheiten Platz sieben der Charts belegten und damit einen hauchdünnen Vorsprung auf Auto Union hielten (40.200 Zulassungen). Jener Marke, die sich auf dem Autosalon am Main gerade als Audi neu erfand.

Die offensichtlichen Schatten an der Wand – die sich ankündigende erste richtige Rezession im Nachkriegsdeutschland - wollte niemand sehen. Der in Berlin gebaute spektakuläre Schwimmwagen Amphicar ging nach gerade einmal 3.878 gebauten Exemplaren baden – geplant gewesen waren 25.000 Einheiten. Auto Union/DKW konnte nur dank der Übernahme durch VW überleben und durch das neue Viertakt-Modell Audi. Die Glas-Pkw bekamen das BMW-Logo verpasst. In Frankreich ging Facel-Vega Ende 1964 unter, gefolgt von Panhard – dem ältesten aller gallischen Autobauer. In Großbritannien begann das Zeitalter der Megafusionen fast aller traditionsreichen Volumenmarken (damals noch über 20), von denen bis heute nur Jaguar, Land Rover (beide in indischer Hand), MG (chinesisch) und Mini (bei BMW) überleben.

Für Bundespräsident Heinrich Lübke und Bundeskanzler Ludwig Erhard, der sich einen Ruf als Vater des deutschen Wirtschaftswunders erworben hatte, waren diese automobilwirtschaftlichen Veränderungen kein Thema. Sie fanden beide bei der feierlichen Eröffnung der IAA überaus optimistische Worte und Kanzler Erhard ließ es sich beim ausgedehnten Eröffnungsrundgang nicht nehmen, den deutschen Autobauern ganz besonderen Respekt zu zollen. Insofern wenigstens unterschied sich die IAA vor 50 Jahren nicht von der IAA 2015.

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