Der Fall Walter Ruck ist der aktuelle Anlass. Die eigentliche Affäre offenbart den Zustand der politischen Seele Österreichs. Die Namen ändern sich. Das Sittenbild bleibt. Die ÖVP kämpft mit Postenschacher-Debatten. Die SPÖ erschütterte die Brucknerhaus-Affäre. Über der FPÖ liegt bis heute der Schatten von Ibiza. Die Causa Lena Schilling kostete die Grünen viel Vertrauen. Die Neos gerieten wegen der Besetzung eines Spitzenpostens in Brüssel in den Verdacht, ihren eigenen Transparenzanspruch verletzt zu haben. Die KPÖ steht wegen der dramatischen Finanzlage und der Debatte über die Zahlungsfähigkeit der Stadt Graz in der Kritik. Und die ehemalige Bierpartei sah sich mit dem Vorwurf unzulässiger Wahlkampfhilfe über ihren Online-Shop konfrontiert. Nicht die Affären beschämen unser Land. Beschämend ist die politische Unkultur, die sie immer wieder hervorbringt. Unser Österreich verdient mehr als einen politischen Selbstbedienungsladen. Eine Demokratie verliert ihre Würde nicht durch den ersten Skandal. Sie verliert sie, wenn Affären zum politischen Alltag werden und Verantwortung durch bloße Krisenkommunikation ersetzt wird. Wer Vertrauen verspielt, darf sich über Politikverdrossenheit nicht wundern. Ein Staat lebt nicht von Ämtern. Er lebt von den Menschen, die ihnen Würde verleihen. Wo sind jene Frauen und Männer, die ein öffentliches Amt wieder als Ehre verstehen? Wo sind die Vorbilder mit Kompetenz, Charakter und Verantwortungsbewusstsein? Ein öffentliches Amt darf niemals nach Parteibuch, sondern muss nach Eignung vergeben werden. Kein Unternehmen würde einen Bäcker zum Schuster oder einen Schneider zum Bäcker machen. Warum sollte ausgerechnet für ein Ministeramt ein geringerer Maßstab gelten? Wo Qualifikation durch Günstlingswirtschaft ersetzt wird, folgt Dilettantismus. Den Preis dafür bezahlt die Bevölkerung. Politik ist kein Experimentierfeld. Sie ist Verantwortung gegenüber Millionen Menschen. Viel reden und nichts sagen – das genügt für Talkshows, aber nicht für ein Ministeramt. Die Zukunft Österreichs entscheidet sich daran, wem seine politische Seele dient – den Menschen oder der Macht.
Alessandro Ferrari, Wien
Erschienen am So, 26.7.2026
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