Meine Großmutter hat ihre „Krone“ gelesen. Später meine Mutter. Und seit vielen Jahren beginne auch ich meinen Tag mit ihr. Nicht, weil ich immer mit allem einverstanden bin. Nicht, weil die „Krone“ unfehlbar wäre. Sondern weil sie etwas bewahrt hat, das heute selten geworden ist: die Nähe zu den Menschen. Viele Medien berichten über Ereignisse. Die „Krone“ interessiert sich für die Menschen dahinter. Das zeigt sich dort, wo es wirklich zählt: in der Tierecke, wenn geholfen wird, bevor aus einer Notlage ein Schicksalsschlag wird. Bei der Ombudsfrau, wenn Menschen gegen Bürokratie, Behörden oder große Unternehmen alleine nicht mehr weiterkommen. Bei Spendenaktionen, wenn Leser Familien in schweren Stunden unterstützen und Hilfe nicht nur versprochen, sondern geleistet wird. Die „Krone“ berichtet nicht nur über Politik und Weltgeschehen. Sie verliert auch jene Menschen nicht aus dem Blick, die oft keine starke Lobby haben: Pensionisten, Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderung, Familien oder Tierhalter. Und sie berichtet nicht nur darüber, was irgendwo auf der Welt geschieht, sondern auch über das, was die Menschen vor ihrer eigenen Haustür bewegt. Dabei hat sie sich jene Bodenständigkeit bewahrt, in der sich viele Österreicher bis heute wiederfinden. Wer Missstände aufzeigt und unbequeme Fragen stellt, eckt zwangsläufig an. Vielleicht ist genau deshalb das „Freie Wort“ seit Jahrzehnten eine der meistgelesenen Seiten der Zeitung. Dort kommen nicht Pressesprecher, Experten oder Politiker zuerst zu Wort, sondern die Menschen selbst – mit ihren Sorgen, Erfahrungen, ihrem Lob und ihrer Kritik. Ihre größte Stärke ist für mich nicht die Nähe zur Macht, sondern die Nähe zu den Menschen. Nicht, weil sie immer allen gefällt. Nicht, weil sie immer recht hat. Sondern weil Generationen von Österreichern das Gefühl hatten und haben, dass hier jemand hinschaut, wenn andere wegsehen, nachfragt, wenn andere schweigen, und hilft, wenn Hilfe gebraucht wird. Vieles hat sich in den Jahren verändert. Regierungen kamen und gingen. Schlagzeilen bewegten das Land und verschwanden wieder. Geblieben ist etwas anderes: das Vertrauen der Menschen. Und vielleicht ist das wertvoller als jede Auflagenzahl und jede Auszeichnung: die Treue von Menschen, die ihr ein Leben lang verbunden bleiben.
Alessandro Ferrari, Wien
Erschienen am Di, 23.6.2026
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