Der 15. Mai 1955 markiert einen Wendepunkt unserer Geschichte: Mit dem Staatsvertrag erlangte Österreich nach zehn Jahren Besatzung seine Freiheit und staatliche Souveränität zurück. Wenige Monate später bekannte sich das Parlament – geprägt von Krieg, Zerstörung und Fremdherrschaft – mit dem Neutralitätsgesetz vom 26. Oktober 1955 zur immerwährenden Neutralität. Dieser Tag im Mai ist jedoch mehr als historische Erinnerung. Er ist politischer Auftrag für Gegenwart und Zukunft. Neutralität war niemals bloße Passivität. Sie ist Ausdruck des Willens zur Selbstbehauptung – getragen von der Erkenntnis, dass Freiheit nur dort Bestand hat, wo Unabhängigkeit mit Verantwortung verbunden wird. In einer zunehmend multipolaren Weltordnung, in der neue Machtzentren entstehen und alte Konfliktlinien wieder aufbrechen, kann Österreich aus seiner Neutralität heraus eine besondere Rolle einnehmen: als Brückenbauer, Vermittler und verlässlicher Partner einer regelbasierten internationalen Ordnung. Neutralität bedeutet weder Abschottung noch Gleichgültigkeit. Sie verlangt eigenständiges Urteilsvermögen, strategische Nüchternheit und die Bereitschaft, auf Grundlage des Völkerrechts, der Charta der Vereinten Nationen und im Rahmen europäischer Zusammenarbeit Verantwortung zu übernehmen. Glaubwürdige Neutralität braucht Substanz. Wehrfähigkeit, wirtschaftliche Eigenständigkeit und gesellschaftliche Resilienz stehen nicht im Gegensatz zu aktiver Friedenspolitik – sie sind ihre Voraussetzung. Wer unabhängig bleiben will, muss seine Sicherheit militärisch, wirtschaftlich und demokratisch selbst tragen können. Freiheit ist kein statischer Zustand, sondern eine tägliche Aufgabe. Neutralität bedeutet heute, Unabhängigkeit zu sichern und zugleich Verantwortung für Stabilität, Dialog und Kooperation in Europa zu übernehmen. Gerade in Zeiten globaler Spannungen sind Besonnenheit, Differenzierungsfähigkeit und diplomatische Vernunft keine Schwäche, sondern Ausdruck politischer Reife und strategischer Stärke. So bleibt der Geist des 15. Mai 1955 nicht bloß Teil unserer Vergangenheit, sondern Maßstab für die Zukunft Österreichs in Europa: Freiheit durch Souveränität, Frieden durch Verantwortung – und Neutralität als Ausdruck selbstbewusster Staatlichkeit.
DI Dr. Josef Richard Skumautz, ObstltdhmtD a.D., Villach
Erschienen am Do, 14.5.2026
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