Bach (39) hat mit "Angel Down" soeben sein drittes Soloalbum veröffentlicht und eine lupenreine Hardrockplatte mit dem Haarspray-Charm der späten Achtziger vorgelegt. Ganz im Stil seiner alten Band Skid Row und Ikonen wie Guns'n'Roses, mit deren Neuauflage er im letzten Jahr auf Tour war und auch in Österreich am Novarock-Festival gastierte. Guns-Frontmann Axl Rose singt übrigens auf drei Tracks von "Angel Down". Sebastian Bach - ein gar nicht mal so kleiner Name im Musikgeschäft.
Und weil Herr Bach der jüngeren Generation und Hardrock-Unaffinen seit ein paar Jährchen besser als Star der TV-Serie "Gilmore Girls" bekannt ist - wo er Gil, den haarigen Bandkumpanen von Rory Gilmores Freundin Lane Kim spielte - bemühten wir uns um ein Interview mit ihm. Schon allein deswegen, um zu erfahren, wie sich ein g'standener Hardrocker in eine Vorabendserie verirrt. Sebastian Bach machte übrigens auch bei der US-MTV-Serie "Celebrity Rap Superstar" mit.
"You ain't gonna like this" - eine Odyssee ins Bach-Land
Normalerweise würde hier jetzt die erste Frage stehen und die Wiedergabe des Interviews beginnen. Die Vorgeschichte, bis es zur chaotischen Unterhaltung mit Sebastian Bach kam, sollte man jedoch niemandem vorhalten (wer lieber nur Sebastian Bachs Ergüsse lesen möchte, scrolle bis zur nächsten Überschrift runter).
Also: Schon Mitte November 2007 - "Angel Down" kam am 23. November raus - sollte der erste von insgesamt vier missglückten Versuchen für das Telefoninterview stattfinden, bevor's dann im fünften Anlauf endlich klappte. Bachs Plattenlabel irrte sich jedoch in der Zeit und rief eine Stunde zu früh im nicht besetzen Konferenzzimmer an. Nach regem E-Mail-Verkehr mit den Amerikanern hieß es, wir würden das Interview noch am selben Tag nachholen. Statt um 17 Uhr dann eben um 22 Uhr. Um 21.58 Uhr klingelt's, doch es ist nicht Bach. Aus dem Interview wird nix, Sebastian sei gerade bei einem Radiointerview und habe in dem Gebäude keinen Handyempfang.
Vier Tage später meldet sich Amerika erneut. "Heute Abend geht's", schrieb das Label. Wegen der Zeitverschiebung allerdings erst um 19 Uhr abends, das Interview sollte dann um 2.30 Uhr unserer Zeit stattfinden. Ein Glück, dass brave Redakteure um 23 Uhr, kurz vorm Schlafengehen, noch in die Mailbox reingucken. Fürs rechtzeitige Antworten war's aber schon zu spät. "Ich war nicht mehr im Büro und wir haben leider keine Blackberrys", schrieb Amerika am nächsten Tag zurück. Aber er habe gute Nachrichten: Freitagabend (am Tag der Albumveröffentlichung) wäre was frei, mit 20.30 Uhr sogar zu einer für Mitteleuropäer verträglichen Zeit.
Doch es sollte wieder nicht sein. Um 20.25 klingelt's und Amerika antwortet auf ein erleichtertes "Oh, you're actually calling!" aus Wien mit einem "You ain't gonna like this, but it won't happen today." Was Amerika dann erzählte, ist entweder eine ziemlich arge Macke von Herrn Bach oder die beste Ausrede seit "Aber im Irak gibt's ganz sicher Massenvernichtungswaffen!". Herr Bach sei schlicht zu aufgewühlt für das Interview. Eine französische Journalistin habe so viele Fragen über seinen verstorbenen Vater gestellt, dass "poor Sebastian" jetzt völlig zerwuselt im Hotelzimmer darniederliege. Als wir den fünften (und letzten) Termin für Ende letzter Woche ausmachten, betonte Amerika aber, dass man heute ohnehin erst mit den internationalen Interviews beginne und noch kein europäisches Medium ein Gespräch mit Bach geführt hat. Die Französin...? Egal.
"Call me fucking Screamo, man!"
Donnerstag, 23 Uhr, war's dann soweit. Es klingelt, Amerika verbindet und ein Mark und Bein erschütternder Schrei fährt durchs Telefon. Es ist Bach, ganz sicher. "Hey, du alter Sack! Nenn mich 'Screamo'! Nenn mich 'fucking Screamo', weil ich der beste Schreihals unter diesen ganzen Weicheiern, die sich Sänger nennen, bin." Es kommt also nicht ganz von ungefähr, dass jeder zweite Plattenrezensent in den USA Bach als "Prolo" bezeichnet. Er lässt erst einmal eine Tirade auf den Niedergang der Schreikultur los und sagt, dass er und Axl Rose die letzten richtigen Hardrock-Sänger seien, die ihre Stimme komplett ausnutzten. Der Rest seien, wie gesagt, "alles Weicheier".
Zur Frage, wie's ihm so bei der Zusammenarbeit mit Axl Rose ging, mit dem er nach eigenen Angaben dreizehn Jahre lang nicht gesprochen hatte, kam's dann vorerst nicht. Die Verbindung brach ab und Mister Amerika fluchte in den Hörer ("Those damn cell phones!"). Nach drei weiteren Versuchen entschied man sich dann doch, auf den Festnetz-Anschluss des Hotelzimmers auszuweichen und wenige Sekunden später kreischte Bach wieder in alter Frische aus dem Hörer.
Wo waren wir? Ach ja, wie das nun mit Axl Rose war. "Was, wie das mit Axl Rose war?" Na, im Studio und so. "Mein Gott, ihr Journalisten wollt immer wissen, wie's war! Er singt drei Tracks auf meinem neuen Album, das war!", sagt Bach kurz und knapp. Die Kurzangebundenheit kommt nicht von ungefähr. Ein paar Tage vor dem Interview mit krone.at machte Skid-Row-Gitarrist Scotti Hill seinen Ex-Kollegen zur Schnecke, weil Bach in einem Interview sagte, dass die aktuelle Besetzung der Band auf ihrem neuen Album dem Namen Skid Row eine Schande mache. "Er soll sich seine blöden Kommentare sonstwohin schieben und sich lieber um seine eigene Platte kümmern oder von mir aus weiterhin Axl Roses Arsch ablecken", sagte Hill zu "Baconmusic".
Das Thema Axl Rose - Bach singt übrigens auf dem seit 1991 angekündigten Guns'n'Roses-Album "Chinese Democracy" mit - lassen wir also besser. Nächstes Thema, "Angel Down". In einem Interview sagte Bach, dass man sich an dieses Album noch in zwanzig Jahren erinnern wird. Was wird "Angel Down" so unvergänglich machen? Bach: "Die Gitarrensoli? Fuck, es ist mir eigentlich scheißegal, ob die Platte in zwanzig Jahren noch jemand hört. Hauptsache, es kauft sie jetzt jemand." Aha. Bach unterbricht kurz, brüllt irgendetwas durch den Raum und wendet sich mittem im Lachen wieder zum Telefonhörer.
"Gilmore Girls? A fucking hell lot of money!"
Nachdem das Sausen im Ohr von dem Überraschungsschrei wieder verklungen ist, wechseln wir das Thema. Hardrock und Gilmore Girls, wie passt das zusammen? Bach: "Keine Ahnung, sag du es mir! Die Gilmore Girls haben meine Kinder durchgefüttert und mir einen Haufen Geld gebracht. Der Rest interessiert doch niemanden!" Fernsehen sei sowieso ein beschissenes Medium und eine Kunstform für Verblödete. Aber man könne einen Haufen Geld damit machen. "Die Gilmore Girls haben mein neues Album finanziert, genauso wie jede fucking MTV-Show, die ich moderiert habe."
Will er es nicht zugeben, dass er eigentlich gern in der Serie mitgespielt hat, oder ist es ihm wirklich so "scheißegal", wie er sagt? Immerhin hat er Amy und Daniel Palladino, die Schöpfer der Gilmore Girls, in den Dankesworten im Booklet von "Angel Down" berücksichtigt. Bach: "Ja, ich mag die beiden. Ich habe durch sie einen riesigen Haufen Geld verdient." Dann beginnt er schallend zu lachen - und die Verbindung reißt plötzlich ab. Amerika meldet sich zurück, sagt etwas zerknirscht, dass da etwas nicht in Ordnung sei ("Ach ja!?") und verbindet wieder. Als die Leitung wieder steht, lacht Bach immer noch.
In den restlichen paar Minuten des Gesprächs konstatiert er noch, dass Hardrock in den USA zwar nie aussterben wird, aber man damit einfach kein Geld mehr machen kann. Und dass er stolz auf "Angel Down" ist, weil es so viel Emotion in sich trägt und die Songs vom Herzen kommen. Das triftt auf die an und für sich gute, im Old-School-Stil gehaltene Platte auch zu. Mit einem, wie der Wiener sagen würde, "schaasfreundlichen" "Be good man!" verabschiedet sich Bach, und einer der letzten Hardrock-Prolos klinkt sich aus der Leitung. Amerika ist wieder am Hörer und erkundigt sich zaghaft, ob das so gepasst hätte. "Ja, eh. Sehr aufschlussreich, sehr aufschlussreich..."
Von Christoph Andert
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