Das mit dem Herumhopsen auf dem Flügel kann Jerry Lee Lewis mit seinen bald 72 Jahren nicht mehr. Aber er hat das Elvis-Mikro noch immer zwischen den Füßen auf einem eins zwanzig hohen Rundsockelständer und das "Uuuuuhh" bei "Great Balls Of Fire" geht ihm noch immer so locker von den Stimmbändern wie damals mit 30, als er mit den Mädels, mit denen er sich heute über Haftcremes und Arthritis unterhält, wahrscheinlich noch über das am wenigsten störende Verhütungsmittel diskutierte.
Jerry "Der Killer" Lee Lewis ist eine lebende Legende und wenn er da an seinem Steinway-Flügel mit der Hot-Rod-Lackierung in die Tasten hämmert, sieht jeder Pianobarde à la Joshua Kadison wie ein Frischgeschlüpfter aus. Auch die Begleitband auf der knapp zweistündigen DVD, die mit Musiker-Kommentaren zwischendurch und einer zusätzlichen Doku versehen ist, und neben Dolby-Surround eine sagenhaft gute DTS-Spur bietet, hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel und vor allem Spieltechniken drauf, die man den hochgetrimmten Studiomusikern von heute mit Metronom und Notenheft aus der Seele geprügelt hat. Hier darf die Bassdrum noch nachhinken und das Gitarrensolo aus vier Einzeltönen bestehen.
Amüsant und manchmal richtig ulkig sind die Gastmusiker, die Jerry Lee Lewis unterstützen: Ron Wood ist zehn Jahre jünger als JLL, sieht auf der DVD aber aus, als stünde er schon mit einem Bein im Grab. John C. Fogerty, dessen Stimme über die Jahre rein gar nichts an Kraft eingebüßt hat, versucht seine 62 Jahre wiederum hinter Make-Up zu verstecken. Das hat Willie Nelson, der Tattergreis unter den lebenden Countrylegenden, nicht mehr nötig - tät auch nix bringen.
Die jungen Gaststars sind Geschmackssache. Nora Jones und JLL sind vielleicht die ungewöhnlichste Paarung, wenn man mal ihre Keuschheit mit seiner Umtriebigkeit (bis ins hohe Alter!) vergleicht, harmonieren bei "Your Cheating On My Heart" aber wie Karel Gott und Darinka. Einzig Kid Rock hätte besser dort bleiben sollen, wo Pam Anderson ist. Aber Jerry Lee Lewis weißt auch den bleichen Herrn mit Hut in die Schranken - ein Killer eben...
Fazit: Ein Stück Rock'n'Roll-Geschichte zum hautnah Erleben.
10 von 10 Rock'n'Roll-Senioren
Christoph Andert
Die komplette Tracklist der DVD
"Last Man Standing Live" gibt's übrigens auch als Musik-CD!
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