Nine Inch Nails

Nine Inch Nails: Krach in Reinkultur

Musik
17.04.2007 14:27
"Das ist doch keine Musik, Schatz", war die erste Reaktion der Freundin auf "Year Zero", das neueste Werk der Nine Inch Nails. Vielleicht hat sie damit gar nicht so unrecht. Trent Reznor kratzt mit seinem Sound nämlich des Öfteren an der Schmerzgrenze. Bereits der Opener "Hyperpower", der sich Schicht für Schicht zu einem brummend-anschwellenden Sound-Getöse entwickelt, fühlt sich in etwa so an, wie wenn die 10-jährige Nachbarin zum ersten Mal Geige übt. Kurz bevor der Schädel allerdings zu platzen droht, bricht die ersehnte Stille über den Hörer ein...
kmm

Die währt jedoch nur kurz, denn mit "The Beginning of the End" geht es ohne Umschweife weiter. Während der Song die ersten Takte lang noch nach dreckigem Britrock klingt, mischen sich schon bald Reznors Lieblings-Spielzeuge in das Gedröhne und Gescheppere der Drums und lautstark kreischenden Gitarren: Synthesizer. Das ist bei Nine Inch Nails freilich nichts neues, allerdings scheint der Schwerpunkt diesmal wieder eindeutig in Richtung Elektronik zu gehen.

Da wird nach Herzenslust an Oszillatoren, Filter und Verzerrern gedreht, um den NIN-Jüngern ein möglichst dreckiges und düsteres Gesamtkunstwerk zu präsentieren. Stellvertretend dafür darf sicherlich "Vessel" erwähnt werden, das an allen Ecken und Enden lärmt und kracht. Nein, die Boxen sind nicht hinig, das muss so klingen. Robert Moog hätte sicher seine Freude an diesem Album. 

Aber um das Gehör zwischenzeitlich nicht überzustrapazieren, schlägt Trent auch immer wieder "leise" Töne an. Auf "The Good Soldier" etwa, gibt es tatsächlich so etwas wie eine liebliche Melodei und sanfte Xylophontöne zu vernehmen. Während "Me, I'm not" schließlich, mit Unterstützung von Hip-Hop-Prediger Saul Williams, fast schon fröhlich vor sich hin groovt, lässt "Capital G" Dance-Attitüden erkennen. Laut Booklet soll auf dem Song übrigens ein ganzer Bläsersatz zu hören sein, dank moderner Verzerrungskunst ist davon allerdings nur noch ein Quäken zu hören.

Bevor sich Reznor im letzten Viertel des insgesamt 16 Tracks langen Albums wirklich ruhigen Klängen zuwendet, sind unbedingt noch zwei Songs zu erwähnen: Die fast schon explodierenden Refrains von "The Violent Heart" und "Meet your Master" rocken nämlich, um es mal salopp auszudrücken, wie Sau.

Mit den letzten Songs kehrt dann fast schon Besinnlichkeit ein. Der mit Piano-Samples versehene Downbeat-Groove von "The Greater Good" hätte so auch auf jedem DJ-Krush-Album Platz gefunden, während "Another Version of the Truth" ganz ohne monoton stampfenden Beat auskommt und mit seinem atmosphärischen, ebenfalls von Klavier-Klängen dominierten Sound wahrlich als der friedlichste Song des ganzen Albums bezeichnet werden darf. "In this Twilight" tönt zwar schließlich schon wieder lauter, hat aber den schönsten und eingängigsten Refrain zu bieten - wenn es so etwas bei Nine Inch Nails überhaupt gibt. 

Celine-Dion-Hörer wird man damit zwar auch nicht bekehren können, aber wer sich dem Album öffnet und den Sound-Tüfteleien des charismatischen Kopfes eine Chance gibt, der wird mit der Zeit so etwas wie Schönheit in den verstörenden Klang-Collagen des Meisters entdecken. Die Herzen der Massen wird auch dieses NIN-Album nicht erwärmen können, aber das will Herr Reznor mit seinen verschwörerischen, eine düstere Zukunft prophezeienden und neuerdings auch stark politischen Texten wohl gar nicht.

Fazit: 9 von 10

von Sebastian Räuchle

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Musik
17.04.2007 14:27
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung