Mi, 19. September 2018

"Krone"-Reportage

01.10.2017 08:59

Vater getötet: Die Gräueltat eines lieben Buben

In seiner Nachbarschaft galt Leon W. als besonders freundlich und brav. Doch der 14-Jährige hatte ein zweites, böses Gesicht. Er tötete seinen Vater und verletzte die Mutter schwer. Die "Krone" recherchierte die Hintergründe des Dramas.

Die Sonne schien, es war fast noch sommerlich warm am 23. September im Vorarlberger Rheintal. Und schon vom Morgen an war Lachen zu hören, aus diesem schmucken Haus am Ende einer Seitenstraße von Götzis. Andrea W. (50) backte Torten, belegte Brote, stellte Getränke kalt, während Thomas O. (51) und die zwei Söhne im Garten Tische aufstellten und sie hübsch deckten. Denn am Nachmittag sollte der 18. Geburtstag des älteren der Burschen ein wenig vorgefeiert werden, Verwandte hatten sich zu einem Besuch angemeldet.

"Er war einfach - ein richtiger Goldschatz"
Die Eltern, seit 20 Jahren ein Paar, ohne Trauschein. Vielleicht weil die erste Ehe des Mannes in einem finanziellen Desaster geendet hatte. Der Grund, warum die Frau, Buchhalterin von Beruf, die gemeinsame kleine Firma führte - ein Erdbauunternehmen, hoch angesehen in der Gemeinde. Der Mann, ein Baggerfahrer, schaffte es nämlich, problematische Grundstücke letztlich derart gut aufzubereiten, dass darauf Kabel und Wasserleitungen verlegt werden konnten.

Thomas O. und Andrea W. waren dadurch zu bescheidenem Wohlstand gekommen, "ihre Buben wuchsen in einem Paradies auf", berichten Nachbarn. Niemals habe es Danny und dem um vier Jahre jüngeren Leon an etwas gefehlt. "Die Mutter las ihnen jeden Wunsch von den Augen ab, fuhr sie mit ihrem Auto überallhin. Der Vater spielte oft mit ihnen." Und es schien, als würden sich die beiden prächtig entwickeln: "Der Große machte brav eine Maurerlehre, und der Kleine war sowieso ein Goldschatz."

Ein Kind, das alte Frauen über Zebrastreifen begleitete, ihnen die Einkaufstaschen heimtrug; ein Kind, das von allen Bewohnern der näheren Umgebung die Namen kannte und sie stets extrem freundlich grüßte. Ein Kind, "besonders wohlerzogen und lieb, wie aus dem Bilderbuch".

Doch zurück zum 23. September: Höflich, unterhaltsam - so gab sich Leon auch während des Fests. Zuvorkommend erkundigte er sich bei seinen Onkeln und Tanten, wie es ihnen gehe, er erzählte lustige Geschichten aus seinem Schulalltag - und servierte fleißig schmutzige Teller ab.

Und dann stach er auf seinen Vater ein
Und als die Gäste das Haus verlassen hatten, der Vater zum Fischen und der Bruder zu einem Treffen mit Freunden ging, half er der Mutter bereitwillig beim Aufräumen. Die Frau kochte dann noch Spaghetti, aß mit dem 14-Jährigen zu Abend. Thomas O. kam gegen 19.30 Uhr heim, und nachdem er ebenfalls gespeist hatte, machten es sich die drei auf der Couch gemütlich, um die RTL-Show "Deutschland sucht das Supertalent" anzusehen. Der Mann schlief bald ein, um etwa 22 Uhr wurde auch Andrea W. müde und legte sich zu Bett.

Den Aussagen von Leon zufolge sei er "wahrscheinlich um 22.30 Uhr" in sein Zimmer gegangen. Kurz nach 24 Uhr stand er mit einem Küchenmesser vor seinem Vater und begann, auf ihn einzustechen. Immer und immer wieder. Die Mutter, von den Hilfeschreien geweckt, wollte ihrem Mann helfen. Der Bub rammte ihr die Waffe in den Rücken.

"Massive seelische Störung"?
Eine Nachbarin hörte den Tumult, alarmierte Polizei und Rettung. Thomas O. erlag wenig später seinen schweren Verletzungen, Andrea W. hat den Angriff überlebt. Und Leon? Er befindet sich mittlerweile in Untersuchungshaft, in der geschlossenen Abteilung einer Psycho-Klinik.

"Weil vieles dafür spricht, dass er die Tat unter dem Einfluss einer massiven seelischen Störung begangen hat", so Chefermittler Norbert Schwendinger. Gerichtspsychiater Reinhard Haller ist bereits dabei, den 14-Jährigen, der bis zu seinem Verbrechen als "völlig unauffällig" gegolten haben soll, zu untersuchen.

Er hatte Spaß daran, Mitschüler zu quälen
War er das wirklich? "Es gab viele Kinder, die vor Leon Angst hatten", berichten ehemalige Mitschüler des Buben. Bis zum Sommer hatte er die NMS Götzis besucht, im September war er an die HAK Feldkirch gewechselt. "Wir sind froh gewesen, dass er heuer nicht mehr da gewesen ist", sagt Anel P. (11), "denn er hat gern die Jüngeren von uns gedemütigt." Sie vor anderen lächerlich gemacht und beschimpft.

Sich gegen die verbalen Attacken zu wehren, hätten sich seine Opfer nicht getraut, "an seinen aggressiven Blicken und seiner angespannten Körperhaltung spürten wir, dass er jederzeit dazu bereit wäre, uns zu schlagen". Wie vor einem Jahr Fürkan Ö. - einen Erstklassler: "Leon ging ohne Grund auf mich los, er schlug meinen Kopf brutal gegen einen Gartenzaun - weil er sich einbildete, ich hätte ihn bedroht."

Hatte der Bub schon seit Längerem Wahnvorstellungen? Hörte er Stimmen, die ihm böse Befehle gaben? Fühlte er sich verfolgt? "Manchmal kippte seine Stimmung innerhalb von Sekunden", erzählt eine Freundin des 14-Jährigen. "Gerade war er noch lustig und nett - dann wechselte plötzlich sein Gesichtsausdruck, seine Augen wurden starr, sein Mund verzog sich nach unten, und wenn wir ihn fragten, was mit ihm los sei, gab er keine Antwort."

Die Eltern - sie wussten das alles. Sie wussten, dass ihr Sohn mitunter zu Gewaltaktionen neigte. Sie wussten, dass es Momente gab, in denen er gedanklich in eine andere, fremde Welt versank. Aber dass er krank sein könnte, glaubten sie nicht. Seine "Aussetzer" - sie wurden von ihnen als pubertätsbedingte Verhaltensweisen diagnostiziert.

Die hilflose Suche nach einer Erklärung
Viele Gerüchte gehen nun um in Götzis. Der Bub habe im Darknet gesurft, Ego-Shooter-Games gespielt, Drogen genommen. Hilflose Versuche, Erklärungen für das Unfassbare zu finden.

Andrea und Danny W. befinden sich in intensivpsychologischer Betreuung. Ob sie an dem Begräbnis von Thomas O., das schon demnächst stattfinden soll, teilnehmen können, scheint fraglich. Leon liegt die meiste Zeit des Tages still in seinem Bett im Krankenhaus. Und spricht kaum ein Wort.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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