So, 24. Juni 2018

"So schön anders"

25.07.2017 08:38

Adel Tawil besiegte seine inneren Dämonen

Adel Tawil musste in den letzten Jahren durch zahllose Tragödien tauchen, bis ein lang erwartetes zweites Album "So schön anders" endlich fertiggestellt wurde. Im ausführlichen Interview erklärt uns der 38-Jährige, warum sein beinahe tödlicher Poolsprung in Ägypten seine Sicht aufs Leben fundamental veränderte, wie stark politische Ereignisse in sein Songwriting einfließen und weshalb Falco sein größtes Idol ist.

Der 19. Juni 2016. Ein sonniger Tag in Ägypten. Der deutsche Musiker Adel Tawil erholt sich gerade von der Arbeit zu seinem kommenden Album und springt mittags gut gelaunt und nichtsahnend in den Hotelpool. Sein Team ist da schon längst wieder nach Hause geflogen, denn Adel hat nach dem anstrengenden Songwriting noch ein paar freie Tage angehängt. Die Folgen sind fatal. Tawil bricht sich den obersten Halswirbel nach diesem Sprung viermal und hatte irrsinniges Glück, nicht das Rückenmark beschädigt zu haben. "Ich bin froh, dass ich heute auf der Bühne stehe und nicht im Rollstuhl sitze, da muss ich wirklich auf Holz klopfen", blickt er im Interview mit der "Krone" auf das tragische Ereignis zurück.

Selbstreflektion
Der mittlerweile 38-Jährige riskierte auch nach dem Unfall so einiges. Spezialisten aus Berlin und Hamburg rieten ihm, die Sache mit einer Operation zu lösen. Da dabei aber auch die Stimmbänder angegriffen werden würden, war ihm das zu riskant. Er hielt sich also strikt an die Regeln der Ärzte und überstand dieses tragische Ereignis quasi durch Selbstheilung. "Ich begann in der Zeit vor allem darüber nachzudenken, ob ich in dem Tempo weitermachen will. Seitdem ich 1996 bei The Boyz ins Musikbusiness rutschte, stand ich permanent unter Strom, ohne jemals verschnaufen zu können. Durch die Halskrause war ich aber für ein halbes Jahr aus dem Spiel. Ich konnte natürlich an Texten arbeiten und versuchte langsam wieder zu singen, aber das Programm musste gewaltig zurückgefahren werden. Wenn du so viel Zeit zum Nachdenken hast wird dir auch unausweichlich klar, dass du älter wirst."

Gerade diese privaten Lebensbeichten sind ein Mitgrund, dass Tawil mit seinem zweiten Album "So schön anders" diesen Frühling in Deutschland auf die eins ging und auch hierzulande die Charts aufrollte. Der Song "Ich bin wie ich bin" ist dabei nicht nur lose mit dem tragischen Urlaubsunfall verbunden, sondern auch mit der zweiten großen Zäsur in seiner jüngeren Vergangenheit - der Scheidung von seiner vormaligen Frau Jasmin, die medial bis ins letzte Detail ausgeschlachtet wurde. "Ich bin eine Person der Öffentlichkeit und musste das nach der Trennung auf brutale Weise erfahren", erinnert er sich an die letzten Jahre zurück, "manche sprachen mich sogar auf der Straße an, um mir Beziehungsratschläge zu geben."

Schmerzbetäubung
Adel und Jasmin hatten völlig konträre Ansichten vom Leben, seine Ex-Frau hat sehr freimütig zugegeben, dass Tawils fulminanter Erfolg mit seinem Debütalbum "Lieder" die Beziehung langfristig ruinierte. "Anfangs hielt ich mich bedeckt. Privatleben sollte Privatleben sein und ich bin heute vorsichtiger denn je. Aber im Internetzeitalter ist das nicht mehr so einfach." Das lange Scheidungsverfahren war hauptverantwortlich dafür, dass zwischen den beiden Alben ganze vier Jahre liegen. "Es ist leider nur ein Mythos, dass ein Künstler in seinen dunkelsten Stunden megakreativ ist. Bei mir war das nicht so. Ich hing genauso mit meinem besten Freunde in der Kneipe, ließ mich volllaufen und verfluchte das Leben wie jeder andere auch. Erst als dieser Schmerz vorbei war, konnte ich wieder konzentriert arbeiten."

Den Albumtitel "So schön anders" hat der sympathische Sänger bewusst so gewählt, um auch einen politischen Markstein zu setzen. "Wir leben in einer Zeit, wo das Anderssein negativ behaftet ist - ich spreche da von anderen Kulturen, die auf dem Flüchtlingsweg zu uns schwappen. Immer dort, wo es keine Fremden gibt, haben die Menschen die meiste Angst davor. Diese negative Grundhaltung wollte ich umdrehen. Gegensätze ziehen sich an. So wie Anette Humpe und ich damals bei Ich + Ich. Wir waren grundverschieden, haben uns aber musikalisch geliebt." Als wichtigster Song kann "Eine Welt ohne Heimat" herangezogen werden, der aus fünf verschiedenen Sprachen besteht und sehr offensiv mit dem Flüchtlingsthema umgeht. "Ich stamme aus einer SPD-nahen Arbeiterfamilie, aber die Botschaft von Angela Merkel, das ‚wir schaffen das‘ ist nicht nur ein beispielloser Akt der Menschlichkeit, sondern macht mich regelrecht stolz, Teil dieses Landes zu sein. Vielleicht kann ich mit so einem Song auch nur ein klein wenig Umdenken bewirken - es wäre Erfolg genug."

Hilflosigkeit
Nachhaltig geprägt haben Tawil auch die tragischen Ereignisse am Berliner Breitscheidplatz, als der Attentäter Anis Amri im Dezember 2016 zur folgenschweren LKW-Amokfahrt ansetzte. Die melancholische Nummer "Gott steh mir bei" ist ein direktes Resultat aus diesen Ereignissen. "Ich war wütend und hilflos zugleich. Diese Hilflosigkeit führte zu dem Song. Manche glauben, ich würde darin Gott verherrlichen, aber das stimmt so nicht. Einer sieht Gott in dem Lied, der zweite einen Hasen, der dritte die Liebe - es ist sehr frei interpretierbar. Wichtig ist im Endeffekt nur, dass man sich die Zeit nimmt, um über solche tragischen Ereignisse in Ruhe nachzudenken, um alles richtig einordnen zu können."

Tawil hat einfach alle Ereignisse, die ihn in den letzten vier Jahren direkt oder indirekt betroffen haben auf das Album gepackt und mit einem melancholischen Popmantel umschlossen, der - dem derzeitigen Trend in der deutschen Popmusik folgend - manchmal schon fast ins Schlager-eske abdriftet. Dass die deutsche Popmusik unlängst vor allem vom beliebten Satiriker Jan Böhmermann ob ihrer Gleichförmigkeit kritisiert wurde, nimmt Tawil sportlich. "Seine Aufgabe ist es doch, den Finger in die Wunde zu legen. Ich fand es nur etwas brutal, dass er sich so extrem an Mark Giesinger rieb, denn der ist kein Retortenprodukt eines großen Labels, sondern machte sich seinen eigenen Weg. Große Plattenfirmen wollen Platten verkaufen und wenn Helene Fischer im Trend ist, will man eben die nächsten Helene Fischers erschaffen. Im Endeffekt muss jeder Musiker mit sich selbst ausmachen, ob er auf den Zug aufspringt oder nicht. Wichtig ist im Endeffekt immer nur die Authentizität."

Liebe zum Falken
Authentisch ist auch Tawils Liebe zu Österreich. Erst unlängst war er Gast beim Wiener Donauinselfest, wo er Teil des legendären Falco-Tribute-Konzerts mit der Originalband war. Der Falke prägte seine musikalische Karriere nachhaltig. "Schon als kleiner Junge hörte ich 'Der Kommissar' und 'Rock Me Amadeus'. Er war ein Wahnsinnstyp und diese schizophrene Persönlichkeit faszinierte mich schon immer. Als ich für das Tribute-Konzert angefragt wurde, war mir sofort klar, dass ich ein Teil davon sein möchte. Beim Originalauftritt 1993, den ich natürlich daheim auf DVD habe, konnte er die ersten drei Songs gar nicht spielen, weil er zu spät kam. Dann schlug auch noch der Blitz ein. Ich sehe da durchaus Parallelen zu mir und den Dingen, die mir in den letzten Jahren widerfuhren - bei meinem Debüt erlitt ich zudem einen Blinddarmdurchbruch."

Die richtige Tour zu den eigenen Songs, die folgt im Herbst. Tawil kommt am 27. Oktober in die Grazer Helmut-List-Halle, am 28. Oktober in den Wiener Gasometer und am 29. Oktober in die Linzer Arena. "Ich habe bei meiner letzten Tour auf der Bühne immer gesagt, dass dies unser erstes Date wäre und wenn es den Leuten gefällt, ich mich auf das zweite freue. Und besonders die Tatsache, dass ich auch außerhalb Wiens spielen kann, bereitet mir große Freude. Mit Österreich verbindet der "neue" Tawil vor allem die entschleunigte Lebensweise. "Vor allem in Wien hat man das Gefühl, einfach in Ruhe leben zu können. Ihr seid Genießer und das bin ich auch. Wien ist nicht umsonst die Verbindungstour zwischen Europa und Asien."

Alle Infos und Konzertkarten für die Österreich-Termine erhalten Sie unter 01/588 85-100 oder unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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