Fr, 20. Juli 2018

Glitzer-Truppe

11.10.2006 19:39

Messer, Gabel, Schere, Beats

Die Zeit der Disco-Beats ist eigentlich längst gegessen und auch nach 80er-Superstars wie Supertramp kräht doch kein Hahn mehr. Falsch. Von einem kleinen Dorf namens New York aus halten fünf Musiker beinhart gegen den Untergang der 16tel-Beats und Synthesizer. Ihr Zaubertrank heißt „Sound “ und keine andere Band konnte bisher in die Klangwelt der Scissor Sisters eindringen und sie für sich erobern.

Bereits mit ihrem Debütalbum „Scissor Sisters“ sorgten Jake Shears, Del Marquis, Paddy Boom, Babydaddy und das einzige, weibliche Bandmitglied Ana Matronic für Aufhorchen. Zwar nicht europaweit, aber ihr Album verkaufte sich zwischen Ärmelkanal und Irland besser als alles andere im CD-Regal.

Mit der Single „I Don't Feel Like Dancin’“ kam die mit Spannung erwartete Antwort auf den Erfolg des Debüts. Und sie ließen es ich nicht nehmen, eine lieblich-verdummerlte Hommage an die 80er Jahre zu machen. So grandios, dass die Kritiker erneut Dauerwellen und Glitzerschweife mit UV-Lackstift ins Papier kritzelten.

„Tah-Da“ heißt das Album und darauf bleiben die Scissor Sisters nicht nur beim Disco-Beat. Es klingt wie eine Mischung aus Supertramp, Roxy Music und sämtlichem, was vor 25 Jahren auf der Tanzfläche zu hören war. Und noch mehr. Bei Songs wie „I Can’t Decide“ könnte man auch glauben man sitzt in einer 30er-Jahre-Salon-Revue, wäre da nicht die feiste Zeile „I can’t decide, whether you should live or die“...

Mehrstimmige Chöre im Refrain, Brass-Hits wie Plastik aus dem Synthesizer, funkige Gitarren-Licks, hin und wieder klingt auch ein alter Moog durch – für „Tah-Da“ müssen die Scissor Sisters ein ganzes Arsenal an Instrumenten mit ins Studio genommen haben.

Beim zehnten Song „The Other Side“ erreichen sie meines Erachtens den absoluten Höhepunkt was Sound und Authentizität betrifft: Phil Manzanera von Roxy Music wäre neidisch auf dieses kreischende Gitarrensolo neben der wabernden, schwebenden Rhythmus-Gitarre. „More Than This“ lässt grüßen...

Die Scissor Sister katapultieren dich musikalisch in eine Zeit zurück, in der du modisch und ideologisch als „Kid of the 21st Century“ unmöglich überlebt hättest. Besser gesagt, sie transportieren sie ohne störende Nebenwirkungen in die Gegenwart. Danke.

8 von 10 Scheren-Schwestern


Christoph Andert

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