Länger im Job bleiben

Modell: Wer Ältere aussortiert, soll Strafe zahlen

Innenpolitik
02.11.2026 12:40

Die Wirtschaft klagt über fehlende Fachkräfte. Gleichzeitig findet in mehr als jedem vierten Betrieb ab 20 Beschäftigten kein einziger Mitarbeiter über 60 einen Arbeitsplatz. AK und ÖGB wollen dieses „Aussortieren“ nun mit einem Bonus-Malus-System stoppen. Und das könnte für die Mehrheit aller Betriebe teuer werden.

Wer länger arbeiten soll, braucht auch einen Job. Mit diesem Argument legen Arbeiterkammer und ÖGB ein Modell für mehr Beschäftigung älterer Menschen vor. Betriebe ab 20 Mitarbeitern sollen künftig zahlen, wenn sie zu wenige Beschäftigte über 60 haben. Wer mehr Ältere beschäftigt als vorgeschrieben, soll einen Bonus bekommen.

„Die Zeit der Ausreden ist vorbei“, sagte ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian. Die Debatte, wonach das Pensionssystem nicht mehr finanzierbar sei, nannte er ein „Schauermärchen“. Auch der Ruf nach einem höheren gesetzlichen Pensionsalter greife zu kurz: Viele Beschäftigte würden schon vor der Pension ihren Arbeitsplatz verlieren und fänden nicht mehr zurück.

In mehr als einem Viertel der Betriebe ab 20 Beschäftigten arbeitet keine einzige Person über 60. Bei Frauen über 60 trifft das sogar auf 61,6 Prozent dieser Unternehmen zu. Wer zwischen 60 und 64 arbeitslos ist, bleibt im Schnitt 451 Tage vorgemerkt. Bei den 25- bis 50-Jährigen sind es 182 Tage.

„Es ist an Zynismus kaum zu überbieten, den Beschäftigten ständig längeres Arbeiten abzuverlangen, während Bewerbungen von Menschen ab 50 ignoriert werden“, sagte AK-Präsidentin Renate Anderl. Die Betriebe hätten es in der Hand, wie lange Menschen im Erwerbsleben bleiben könnten. Wer Ältere aussortiere, müsse sich an den Kosten für AMS und Sozialversicherung beteiligen.

Zitat Icon

Das ist kein Strafsystem, sondern sorgt für Fairness.

Renate Anderl, Präsidentin der Arbeiterkammer Österreich

So soll das neue Modell funktionieren
Das Modell sieht branchenspezifische Quoten für 21 Wirtschaftszweige vor. Kleinbetriebe (bis 20 Mitarbeiter) bleiben ausgenommen. Die Zielwerte sollen schrittweise pro Jahr steigen. Erstmals geprüft würde nach diesem Modell 2028, ob die Quote für 2027 erreicht wurde. Pro fehlender älterer Arbeitskraft soll eine Zahlung von 15 Prozent des durchschnittlichen Jahreslohns im Betrieb fällig werden. Die Hälfte der Einnahmen soll in den Bonus-Topf für Unternehmen fließen, die andere Hälfte zweckgebunden ans AMS.

Laut Modellrechnung wären derzeit 9760 Betriebe unter ihrer Branchenquote. Es fehlten insgesamt 36.087 Arbeitsplätze für ältere Beschäftigte. Das mögliche Malus-Aufkommen: 266,4 Millionen Euro. Einen Bonus würden 8909 Betriebe bekommen. AK und ÖGB betonen, es gehe nicht um ein Strafsystem, sondern um einen Anreiz für altersgerechte Arbeitsplätze, Weiterbildung und Umschulungen.

Praxisbeispiele für 2028

  • Hotel (Beherbergung) mit 50 Beschäftigten hat null Mitarbeiter über 60 Jahren (Ziel wären zwei). Im Durchschnitt zahlt der Betrieb 31.100 Euro Jahreslohn aus, pro Fehlstelle muss der Betrieb 15 Prozent davon als Strafzahlung tragen. Das wären 389 Euro im Monat (4666 im Jahr).
  • Ein Immobilienunternehmen mit 100 Beschäftigten hat sieben Mitarbeiter über 60 Jahren (Ziel wären acht). Im Durchschnitt zahlt der Betrieb 61.700 Euro Jahreslohn aus. Weil eine Stelle auf die Soll-Quote fehlt, muss der Betrieb 771 Euro im Monat Strafe zahlen.

Die Regierung sei nun am Zug, so Anderl. Gespräche könnten starten. Bei der Frage, ob Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen teilweise weiterarbeiten sollten, blieb sie zurückhaltend: Man könne nicht pauschal sagen, welche Krankheiten und Berufe dafür infrage kämen. Eine erfolgreiche Wiedereingliederung müsse auch für die Beschäftigten passen.

„Halbgesund und halb arbeiten geht nicht“
Mit einem Schmunzeln reagierte Katzian auf die Neos-Forderung nach einer Teilarbeitsfähigkeit. Er sei froh, dass die Neos mit der Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen „gemeinsam mit uns kämpfen“ wollten. Gleichzeitig sei er skeptisch: „Halbgesund und halb arbeiten geht nicht.“ Vor allem bei Erschöpfung oder psychischen Erkrankungen könne man Betroffene nicht einfach zurück in den Job zwingen. Erfolgreiche Wiedereingliederung müsse auch für die Arbeitnehmer passen. Was Anderl besonders störe: „Massiv stört mich, dass immer die Betriebe aus der Verantwortung genommen werden.“

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