Heute im ORF

Stipsits als Benko: Psychogramm des Wahnsinns

Unterhaltung
02.11.2026 06:00

Regisseur Raymond Ley hat das Leben und Wirken des tief gefallenen Tiroler Immobilienmoguls René Benko als Satire-haltiges Drama verfilmt. In der Hauptrolle von „Benko – Size Does Matter“ (heute, 20.15 Uhr, ORF 2) ist der steirische Kabarettist Thomas Stipsits zu sehen – und verrät uns, wie es überhaupt dazu kam.

René Benko steht mit seinem Sohn in der Winterkälte im Tiroler Wald. Das Gewehr im Anschlag, ein Reh fest im Visier. „Du darfst kein Mitleid haben“, sagt der Vater zum Sprössling, „das lähmt dich.“ Mit dieser markanten und persönlichkeitsprägenden Szene wird eine der ambitioniertesten ORF-Co-Produktionen dieses Jahres eröffnet. „Benko – Size Does Matter“ (20.15 Uhr, ORF 1) zeichnet in 90 Minuten das Leben und Wirken des gefallenen Immobilien-Tycoons nach und zeigt den aktuell mit einer Fußfessel bedachten Ex-Tycoon von seinen unterschiedlichen Seiten. Regisseur Raymond Ley (u.a. „Der große Fake – Die Wirecard-Story“) hat mit Ehefrau Hannah das Drehbuch verfasst und hatte für die Rolle des Hauptprotagonisten sofort den Steirer Thomas Stipsits im Kopf, den man hierzulande als Kabarettist oder „Burgenland-Columbo“ Inspektor Sifkovits eher von der humoristischen Seite her kennt.

Jugendlichkeit und Charisma
„Anfangs dachte ich, da muss irgendwer ausgefallen sein, weil sie auf mich kommen“, lacht Stipsits im Interview zum Film, „ich habe mit Raymond lange telefoniert und er hat mir erklärt, dass es eine ganz bewusste Entscheidung war. Er fand die Reibung an der Figur so interessant und es wäre nicht spannend, wenn man einen ,Bösewicht‘ mit einem bekannten Bösewicht besetzt.“ Die öffentliche Figur Benko wirkt für Menschen mysteriös und verschlossen – die Zugänglichkeit Stipsits‘ sorgt dafür, dass man den Immobilienmogul als Mensch mit Ecken und Kanten kennenlernt. Als jemanden, der mit seiner Jugendlichkeit und dem Charisma selbst steinharte Investoren um den Finger wickeln konnte und der im Familienbetrieb durchaus auch positive Seiten hervorkehren konnte. Eben jene Züge, die der breiten Masse hinter den Zahlen, Insolvenzen und Konkursmassen bislang verschlossen blieben.

Kampf mit sich selbst: Hinter Benko steht Benko – von Heino Ferch wunderbar teuflisch ...
Kampf mit sich selbst: Hinter Benko steht Benko – von Heino Ferch wunderbar teuflisch dargestellt.(Bild: Martin L. Ludwig)

„Im Film wird seine Herkunft angerissen. Er kommt angeblich aus einfachen Verhältnissen und hatte offenbar ein komplizierteres Verhältnis zu seinem Vater. Ich glaube, dieser Stachel sitzt sehr tief“, so Stipsits in seiner Rollenanalyse, „er fühlte sich oft nicht ernstgenommen und der Prunk bei seinen Gebäuden war vielleicht oft ein bisschen zu viel Prunk. Das könnte schon in der Kindheit begraben liegen. Es soll absolut keine Reinwaschung sein, aber auch die Figur Benko ist nicht nur schwarz oder weiß. Er konnte die Leute lesen, hat ihnen genau das gesagt, was sie hören wollten. Manchmal, habe ich das Gefühl, war bei ihm doch auch das Herz dabei - wenn auch selten.“ Ursprünglich hatte Ley eine Dokumentation im Kopf, aufgrund der laufenden Prozesse und vielen Unklarheiten war dies nicht möglich, so wurde daraus „Benko – Size Does Matter“, eine Art überspitzte Realsatire mit durchaus ernstem Unterton.

Künstlerische Freiheit juristisch begleitet
ORF-Film- und Serienchefin Andrea Bogad-Radatz betont, dass der hauptsächlich in Berlin, Wien und Hannover gedrehte Film juristisch begleitet wurde und alle den Beteiligten in den Mund gelegten Zitate nachprüfbar sind. „Es sollte ein Film in der Art von ,House Of Gucci‘ werden, nach wahren Begebenheiten. Es wurde sehr viel aus dem Archiv des ORF verwendet und Zeitungsmaterial gesammelt. Da es ein Spielfilm ist, wurde aber auch auf künstlerische Freiheit gesetzt.“ So wird man mit einem zweiten René Benko konfrontiert, der von Heino Ferch verkörpert wird. Er ist Verführer, Gewissen, Antreiber und Teufel auf seiner Schulter und kann nur von Benko gesehen werden. „Ich habe mich unheimlich darauf gefreut, mit Heino zu drehen“, bekräftigt Stipsits, „er spielt quasi meinen Schatten und obwohl wir im Film sehr viele ernste Szenen haben, haben wir irrsinnig viel gelacht.“ Gerade die Interaktion zwischen dem raubeinigen Ferch und dem stets nahbare wirkenden Stipsits sorgt für eine besonders gelungene Metaebene in der filmischen Umsetzung.

Die kernige Staatsanwältin Rieder (Lisa Wagner) ist Benko wie ein Kettenhund auf den Fersen.
Die kernige Staatsanwältin Rieder (Lisa Wagner) ist Benko wie ein Kettenhund auf den Fersen.(Bild: Martin L. Ludwig)

Der Film springt zuweilen rasant zwischen den Szenen und Zeiten hin und her und folgt keiner stringent-chronologischen Erzählebene. Da die Produktion hauptsächlich aus Deutschland finanziert ist, wird auch die Pleite der deutschen Häuser Karstadt und Kaufhaus ins Zentrum gerückt und nicht etwa jene von Kika und Leiner. „Mich hat vor allem der Mechanismus von Benko interessiert. Wie hat er geschafft, dass sogar routinierte und alteingesessene Investoren auf seine Masche reinfielen? Er hat offenbar vielen Menschen das Gefühl gegeben, man wäre der Einzige. Teilweise stimmt das wohl auch. Er wird diese Menschen auch bewundert haben, aber bei der Recherche zur Rolle bin ich draufgekommen, dass wirklich niemand ein schlechtes Gefühl hatte. Alle fühlten sich bei ihm sicher. Die schnellen Schnitte und Sprünge passen auch ganz gut zum Film, weil sie so viel sind. So wie das Benko-Imperium ist.“

Der Mensch hinter dem Größenwahn
Markant in den Vordergrund geholt wird auch der zunehmende Größenwahn, der von Stipsits in fast schon „Scarface“-artiger Art gespielt wird. „Die Ideen, die er anfangs hatte, hatten wohl Potenzial. Aber wenn die ersten Projekte gut funktionieren, dann besteht die Gefahr, dass man sich für unfehlbar hält. Rundherum befinden sich Leute, die alles, was du tust, abnicken und bestätigen und wenn dann irgendwann der eigene Genieverdacht einsetzt, dann wird es schwierig.“ Kurz hatte Stipsits angedacht, Benko persönlich zu besuchen, aber Regisseur Ley riet ihm von der Idee ab. „Benko war eher medienscheu und es gibt nicht viel Interviewmaterial, aber ich habe es so gut wie möglich studiert.“ So kommt es, dass man Stipsits im feinsten Tirolerisch hört. „Ich habe zu Hause die ganze Zeit wie Benko geredet und bin damit allen am Nerv gegangen.“ Der Film will René Benko nicht positiv verklären, aber er zeigt eindeutig auf, dass hinter jeder noch so gierigen und größenwahnsinnigen Person ein echter Mensch steckt.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Hinweis in eigener Sache: Das krone.at-Forum präsentiert sich ab sofort in neuem Design! Wir freuen uns über konstruktives Feedback. Damit die Diskussionen in den Kommentarbereichen beim jeweiligen Thema bleiben, können Sie uns Rückmeldungen hier hinterlassen.

krone.tv

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung