Bereitet sich aber vor

Neue Mobilmachung? Russen zittern, Kreml beruhigt

Außenpolitik
30.07.2026 21:30

In Russland geht die Angst vor einer neuen Mobilmachung um. Die Staatspropaganda bemüht sich, Gerüchte über eine Zwangsrekrutierung zu zerstreuen, und nennt sie „Lügen des Feindes“. Hinter den Kulissen schafft der Kreml aber die Voraussetzungen für eine Mobilmachung im Herbst.

Für seinen Angriffskrieg braucht Moskau dringend frische Soldaten. Denn der russische Vormarsch stockt, während es gleichzeitig horrende Verluste gibt. Vor diesem Hintergrund wächst in Russland die Angst, dass bald eine neue Mobilisierungswelle ansteht, in der Hunderttausende junge Männer zur Armee eingezogen werden sollen. 

Selenskyj befeuert Gerüchte
Weiter befeuert wurden die Gerüchte, als vor wenigen Tage der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj davon sprach, dass Russlands Machthaber Wladimir Putin laut Geheimdienstberichten eine Mobilmachung im Herbst vorbereite. Der Vizechef des russischen nationalen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, wies diese Behauptungen entschieden zurück.

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Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen: Es besteht keinerlei Notwendigkeit für eine Mobilmachung.

Der frühere Kremlchef Dmitri Medwedew will beruhigen.

„Das ist eine Lüge des Feindes, der selbst unter einem Mangel an Personal leidet“, sagte der Ex-Präsident am Dienstag. Kiew verbreite Provokationen und Gerüchte, um die Lage in Russland vor der Parlamentswahl im September zu destabilisieren. Viele Russen glauben solchen offiziellen Beteuerungen aber nicht mehr. Auch 2022 hatte der Kreml behauptet, es sei keine Zwangsrekrutierung geplant. Als sie doch kam, ergriffen Hunderttausende die Flucht.

Kreml: 200.000 Freiwillige
Laut Medwedew bestehe „keinerlei Notwendigkeit für eine Mobilmachung“, da die personellen Erfordernisse der russischen Streitkräfte im ersten Halbjahr „vollkommen“ erfüllt worden seien. In diesem Zeitraum hätten sich rund 200.000 Freiwillige für den Einsatz im Krieg gemeldet.

Diese Zahl lässt sich nicht überprüfen, aber auch Selenskyj sprach am Wochenende von 221.000 Menschen, die in den vergangenen sieben Monaten in die russischen Streitkräfte eingetreten seien. Er stellte dieser Zahl die russischen Verluste gegenüber, die sich nach Angaben der ukrainischen Armee im gleichen Zeitraum auf mehr als 225.000 beliefen. Darunter seien 131.000 Tote und fast 93.000 Verwundete.

Rekrutierung immer schwieriger
Obwohl Russland Freiwillige mit hohen Einkommen und Prämien lockt, wird es angesichts dieser Zahlen laut unabhängigen russischen Medien immer schwieriger, neue Soldaten für die Front zu rekrutieren. Man setzt daher auch auf andere Methoden: Viele Männer, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben, berichten von Druck, sich für den Kriegsdienst zu verpflichten. 

Selbst die Gerüchte über eine Mobilisierung werden genutzt, um Männer dazu zu bewegen, sich freiwillig zur Armee zu melden. So rief ein russischer Telegram-Kanal dazu auf, jetzt einen Vertrag beim Militär zu unterzeichnen, solange man noch „seine eigenen Bedingungen wählen“ könne, anstatt auf die Einberufung zu warten.

Russen verlassen im September 2022 ein Rekrutierungsbüro in St. Petersburg. Damals gab es die ...
Russen verlassen im September 2022 ein Rekrutierungsbüro in St. Petersburg. Damals gab es die bisher einzige offizielle Teilmobilmachung seit Kriegsbeginn.(Bild: AFP)

Kreml strafft Bürokratie für Mobilmachung
Laut der US-Denkfabrik ISW hat sich Putin noch nicht dazu entschlossen, eine Mobilmachung auszurufen. Hinter den Kulissen werden aber die Voraussetzungen dafür geschaffen. So unterschrieb der Präsident vor wenigen Tag ein Gesetz, das der russischen Nationalgarde und dem Verteidigungsministerium mehr Zugang zu Informationen über russisches Militärpersonal und deren Familien verschafft. Das würde die Abläufe bei einer neuen Mobilisierungswelle beschleunigen.

Wie das russische Exil-Medium „Verstka“ unter Berufung auf Kreml-Insider berichtet, könnte ein Versagen an der Front oder bei weiteren Rekrutierungsbemühungen dazu führen, dass Putin nach den Parlamentswahlen, die von 18. bis 20. September stattfinden, eine neue Mobilmachung ausruft. In dem Fall sprechen sich einige Sicherheitsbeamte demnach dafür aus, das Kriegsrecht zu verhängen, um Unruhen zu vermeiden. 

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