Bernhard Kohl war bis zu seinem Dopingskandal bei der Tour de France 2008 einer der erfolgreichsten österreichischen Radfahrer. Dem Karriererücktritt und einem reumütigen Geständnis folgte eine zweite, florierende Karriere als Unternehmer – zudem kommentiert er die heute startende Tour de France als Experte bei ServusTV. Ein Gespräch über Leidenschaft, Läuterung und Liebe zum Sport.
„Krone“: Herr Kohl, Sie kommentieren jetzt wieder die Highlight-Etappen der Tour de France auf ServusTV. Es ist die mittlerweile 113. Auflage des berühmtesten Radrennens der Welt – was macht die besondere Magie aus?
Bernhard Kohl: Die Historie – es ist das größte Radrennen der Welt. Als kleiner Bub habe ich die Tour de France im Fernsehen gesehen und wusste, da will ich einmal hin. Die Tour begeistert die Massen. Nicht nur die Franzosen, sondern die ganze Welt. Millionen Menschen stehen am Straßenrand und feuern die Athleten an. Jeder Radfahrer strebt das gelbe Trikot an – es wird immer das größte Rennen bleiben.
Was ist der besondere Push, wenn man selbst als Fahrer dabei ist?
Wenn man überhaupt nominiert wird, erfüllt man sich seinen Traum. Jeder will in ein Profiteam der Tour de France und gelingt dir das, ist das etwas ganz Besonderes. Es ist im Endeffekt ein Rennen wie jedes andere, aber trotzdem ganz anders. Das mediale Interesse ist größer, es gibt mehr Zuschauer und viel mehr Druck. Man hat selbst große Erwartungen und die Sponsoren wollen im Fernsehen gesehen werden. Man selbst will seine beste Leistungsfähigkeit abrufen.
Wie bereiten Sie sich in der Funktion als TV-Experte vor? Worauf kommt es da an?
Ich verfolge den Radsport laufend und es gibt kaum ein Rennen, das im TV ist und nicht von mir angeschaut wird. Untertags bin ich in meinem Geschäft, da ist es schwieriger, aber die Zusammenfassungen abends gehen immer. Dazu konsumiere ich sehr viele belgische und holländische Medien, weil der Radsport dort so einen Stellenwert hat wie bei uns der Fußball. Durch mein Geschäft konnte ich diese Leidenschaft für den Sport auch nach meiner aktiven Karriere weiterführen und ich bin ServusTV sehr dankbar, dass ich ein Teil ihres Teams sein darf.
Was wollen Sie in der Expertenfunktion vermitteln? Was sollen die Zuseher alles mitnehmen?
Am wichtigsten sind Emotionen und das Rennverständnis. Für einen Profi ist alles normal, was für Zuschauer komplex wirkt. Die Dynamik eines Rennens ist nicht immer so einfach nachvollziehbar, vor allem was die Taktiken innerhalb der Teams anbelangt. Das zu vermitteln macht großen Spaß. Sehr viele Kunden geben mir auch im Geschäft direktes Feedback und das ist durchwegs positiv.
Wie gehen Sie mit Kritik um?
Kritik bringt das Leben mit sich und ist immer willkommen. Dadurch kann man sich verbessern, denn kein Mensch ist perfekt. Wichtig ist, dass man aus Fehlern lernt und die richtigen Schritte setzt. Lukas Pöstlberger und ich machen das als Experten jetzt das dritte Jahr hintereinander zusammen und es läuft immer smoother. Es fühlt sich nicht wie kommentieren an, sondern drei Freunde sitzen zusammen und schauen sich ein Radrennen an. Da es so viele Rollen wie Sprinter, Bergfahrer und Gesamtklassementfahrer gibt, ist es auch so spannend zu kommentieren.
Es gibt viele große Ex-Profiradler, die in verschiedenen Ländern als Experten im Fernsehen eingesetzt werden. Schauen Sie sich da auch international Dinge ab?
Ich habe immer darauf geachtet, dass ich meinen eigenen Weg finde. Natürlich schaue ich viele Rennen und Veranstaltungen, lasse mich berieseln und motivieren. Unbewusst fließen dabei sicher Sachen ein, aber ich probiere in erster Linie, meine eigene Art und Weise zu vermitteln.
Österreich hat mit Felix Gall ein großes Ass im Ärmel, das aber nicht bei der Tour de France mitfährt heuer …
Das ist natürlich schade, aber diese Entscheidung fiel schon letzten Winter. Der zweite Platz beim Giro d’Italia war sensationell, er war fünf Mal Etappenzweiter hinter dem Gesamtsieger. Eine sensationelle Leistung, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Natürlich könnte man bei beiden Bewerben mitfahren, aber sowas entscheidet man im Vorwinter und da muss man das Mindset und den Körper hintrainieren. Er hat so weit aber alles richtig gemacht und ich freue mich sehr, ihn dann nächstes Jahr bei der Tour de France zu sehen.
Könnten Sie sich auch vorstellen, in Ihrer Tätigkeit als TV-Experte noch stärker und häufiger im Einsatz zu sein? Dass es zu einer Art zweiten Standbein wird?
Ich bin zurzeit froh darüber, wie es ist. Die Highlight-Etappen auf ServusTV passen genau in meinen aktuellen Lebensbereich. Meine Kinder werden im Sommer 11 und 15, aber wer weiß - wenn ServusTV die Schiene ausweitet, wäre ich in fünf Jahren sicher bereit dafür. Vielleicht überträgt man mal die ganze Tour oder die anderen großen Bewerbe im Frühling. Vielleicht ist mein Sohn dann schon Geschäftsführer und ich kann mich stärker auf diese Tätigkeit konzentrieren. Wenn sich Möglichkeiten ergeben, nehme ich sie an. Das war damals bei „Dancing Stars“ auch so. Meine Frau hat mich für verrückt erklärt, aber solche Chancen muss man nützen.
Ich will noch einmal auf die Popularität des Radsports in Belgien und den Niederlanden zurückkommen. Warum ist dem so? In Österreich gab es doch auch immer großartige und erfolgreiche Radsportler?
Österreich lebt stark von seinen Helden und der medialen Aufmerksamkeit. Hätte Felix den zweiten Platz bei der Tour de France geholt und nicht beim Giro, wäre er medial richtig explodiert. Da wissen auf der Straße neun von zehn befragten Österreichern, was er geleistet hat. Beim Giro wissen es vielleicht drei oder vier. Die Medien müssen natürlich so viel wie möglich berichten, wie 2008, als ich damals Dritter bei der Tour de France war. Da hat der ORF den Bewerb übertragen und dann bekommt das Ganze eine andere Dynamik.
Sie wissen es aus eigener Erfahrung – man assoziiert den Radsport seit langem mit einer gewissen Unsauberkeit. Hat sich der Ruf über die Jahre gebessert?
Die Zeiten verändern sich natürlich. Aktuell gibt es keine positiven Dopingfälle von großen Namen, was dem Radsport sehr gut tut und auch den Sponsoren. In den letzten Jahren haben Marken wie Red Bull den Sport als wichtiges Marketingtool erkannt, auch viele andere große Unternehmen sind aufgesprungen. Das Vertrauen in den Sport und das Zuschauerinteresse gehen in die richtige Richtung.
Sie selbst sind nach Ihrem Dopingfall 2008 relativ schnell sehr offen damit umgegangen. War es trotz all der Härte anfangs die richtige Entscheidung, damit in die Offensive zu gehen?
Ich bin heilfroh, dass ich damals einen Schlussstrich gezogen habe. Ich habe alles auf den Tisch gelegt und eine zweite Chance bekommen, durfte einen Neustart vollziehen. Ich habe gelernt, dass man in diesem Land Fehler machen darf und nicht für immer verdammt wird. Ich hätte es wahrscheinlich immer so gemacht, auch wenn das Doping eine komplett falsche Entscheidung war. Der Druck war einfach zu groß. Ich bin froh, dass ich dem Radsport in anderer Form erhalten bleiben durfte. Wenn man das Hobby zum Beruf macht, ist es immer das Schönste.
ServusTV überträgt ab heute, 4. Juli, in unregelmäßigen Abständen die Highlight-Etappen der Tour de France. Als Experten kommentierten Bernhard Kohl und Lukas Pöstlberger. ServusTV hat die Rechte für die Highlight-Etappen-Übertragung nun auch bis 2027 verlängert.
War der Druck damals stärker als heute?
Den Druck macht sich jeder Sportler selbst. Natürlich hat man einen Vertrag, bekommt Geld und weiß, wofür man geholt wurde und seine Leistung bringen muss. Heutzutage ist es mit den Social-Media-Plattformen wahrscheinlich noch schwieriger, sich von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Am Ende sind die Champions immer jene, die mit dem Druck am besten umgehen können. Egal in welcher Sportart.
Als Unternehmer haben Sie mit ihrem Radgeschäft nun auch Verantwortung für viele Mitarbeiter und eine andere Form von Druck. Geht Ihnen der sportliche Leistungsdruck ab?
Das Leben teilt sich in verschiedene Abschnitte und jetzt habe ich eben einen anderen. Man kann aus der Vergangenheit lernen, aber sich darin zu wälzen, macht wenig Sinn – mein Blick ist immer nach vorne gerichtet. Meine Profikarriere als Radsportler war das erste Kapitel. Das ist nicht so ausgegangen wie ich und ganz Österreich sich das gewünscht haben. Aber ich habe aus diesem Lebensabschnitt viel gelernt und wer weiß, was passiert wäre, hätte ich nach der zweijährigen Sperre weitergemacht? Es passiert im Leben alles aus einem gewissen Grund. Auch die negativen Sachen.
Hatten Sie schon Vorerfahrungen auf der unternehmerischen Seite oder begann mit Ihrem Radgeschäft alles bei null?
Es war ein Eintauchen in eine komplett neue Welt. Ich habe neun Jahre lang die Pflichtschule besucht und mir dann einen Beruf gesucht, wo ich so viel Zeit wie möglich zum Radfahren hatte – wurde daher Rauchfangkehrer. Da begann mit um 6 Uhr und um 14 Uhr saß ich jeden Tag am Rad. Als ich dann Radprofi wurde, war mir klar, dass mein Leben nie wieder so sein würde wie davor. Als ich dann nach dem Dopingskandal meine Karriere beendete, wusste ich nicht, wie ich mein Geld verdienen sollte. Ich habe mein komplettes Umfeld gewechselt und mein Medienberater meinte, ich sollte es mit einem Radgeschäft probieren. Aber nicht irgendeines, sondern ein großes – weil mein Name dahintersteht. Mein Cousin studierte damals Wirtschaft, wir setzten uns zum Abendessen zusammen und am nächsten Tag hatten wir einen Businessplan. Dann sind wir zu den Banken gegangen und haben das Geschäft gegründet.
Das Geschäft haben Sie 2010 in Wien-Liesing eröffnet – in welchen Etappen ist es flächenmäßig und personell gewachsen?
Wir sperrten im Februar 2010 auf 1200 Quadratmeter mit sieben Mitarbeitern einschließlich mir auf. 2013 gab es dann die Möglichkeit, die Fläche um weitere 1800 Quadratmeter zu erweitern. Es war keine leichte Entscheidung, aber sie ist gut ausgegangen. Die Kunden sind vom ersten Tag an gekommen und haben unser Überleben gesichert. Am Anfang fragte ich mich noch, wer einem Bernhard Kohl überhaupt Räder abkaufen sollte? Mittlerweile sind wir bei 45 Mitarbeitern angelangt – beim ärgsten Radboom während der Pandemie waren wir sogar 50.
Kann Sie nach den Rückschlägen in Ihrem Leben eigentlich noch irgendwas aus der Bahn werfen?
Ich glaube, mein Leben reicht schon jetzt für drei bis vier normale Leben. (lacht) Ich bin aber immer mit einer gewissen Grundgelassenheit durchs Leben gegangen, man darf sich nicht alles zu Herzen nehmen. Wenn man ein Unternehmen mit 45 Menschen führt, passieren unweigerlich auch Fehler und man trifft nicht immer die richtigen Entscheidungen, aber man muss einfach weitermachen. Das ist ein wichtiger Aspekt im Profi-, wie auch im Unternehmertum.
Nach dem Skandal 2008 waren Sie weder in den Medien noch in der Bevölkerung gut angeschrieben. Wie wichtig war es denn auch psychologisch, dass Ihre Kunden schon bei der Eröffnung 2010 zahlreich erschienen und dieses zweite Leben positiv unterstützten?
In meinem Geschäft gibt es eine „History Wall“, wo alle Höhe- und Tiefepunkte meiner Sportlerkarriere dargestellt sind. Dass die Leute so zahlreich kamen, macht mich noch glücklich. Ich habe sehr schnell reinen Tisch gemacht und es gibt so viele Sportler, die damals gedopt haben und das teilweise noch bis heute unterdrücken müssen. Wenn mich Kunden darauf anreden, spreche ich frei von der Leber weg über dieses Thema. Das macht die Geschichte dann auch authentisch. Ich kann nur jedem, der in seinem Leben Fehler macht, raten, damit ehrlich umzugehen. Am Ende ist Ehrlichkeit immer die richtige Entscheidung.
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