Es ist ein Wahrzeichen der Stadt, war sogar einmal ein Gefängnis, tausendfach ein Ort der Liebe, zeugt von der Bedeutung des städtischen Bürgertums – und dient heute wieder als Bühne einer Wahl in der steirischen Landeshauptstadt: Wie das Grazer Rathaus funktioniert und welche Bürgermeister hier schon das Sagen hatten.
Manchmal ist es das eigene Rathaus, das die Stadtpolitik in Aufruhr versetzt: Im Mai 2024 sollte beschlossen werden, dass der Innenhof um eine halbe Million Euro renoviert wird – weg mit den Mülltonnen, stattdessen sollten ein Baum, Sitzgelegenheiten und Radabstellplätze her. Das sei ein überteuerter „Raucherhof“, kritisierte damals die Opposition – das Projekt wurde aufgeschoben und bis heute nicht umgesetzt. Die Bürgermeisterin raucht weiterhin auf ihrem Balkon.
Das Grazer Rathaus war vieles. Seit 1550 steht es, damals als klassischer Renaissance-Bau, am Hauptplatz. Mitte des 19. Jahrhunderts fungierte es sogar als Gefängnis, und zwar mit recht schlechten Bedingungen: Häftlinge bettelten mit Körben an Seilen bei Passanten um Essen.
1893 bekam das Gebäude sein heutiges Aussehen: Es sollte als historistischer Prunkbau dem Landhaus Konkurrenz machen und so das Selbstbewusstsein des städtischen Bürgertums bezeugen. Bis heute stehen Gewerbe, Wissenschaft, Kunst und Handel, vier Statuen als Allegorien, über dem Vorbau des Hauptportals zum Hauptplatz hin. Sie symbolisieren die „Grundfesten städtischer Identität“, schreibt der Historiker Karl-Albrecht Kubinzky.
300 Mitarbeiter arbeiten am Hauptplatz 1
Heute ist das Rathaus vor allem eines: ein Arbeitsplatz. 300 Mitarbeiter gehen hier ein und aus. 185 Büroräume finden sich in dem Haus am Hauptplatz 1 – das Mächtigste, wenn man so möchte, ist das Bürgermeisterin-Amt im zweiten Stock links, ausgestattet mit Ikea-Mobiliar und einer Sonne auf der Glastür.
Auch alle anderen Stadtsenatsmitglieder, ihre Teams, die Gemeinderatsklubs sowie einige Abteilungen des Magistrats sitzen hier. Das demokratische Herz ist aber der 2021 frisch renovierte Sitzungssaal des Gemeinderats. 48 Sitze hat das dunkel getäfelte Stadtparlament mit einem Luster aus 1894, der jetzt mit LED-Birnen leuchtet.
Der Sitz der Stadtregierung ist aber auch ein Ort der Liebe, denn er beherbergt das Standesamt der Stadt Graz. 871-mal sagten Paare im Jahr 2025 im Trauungssaal im ersten Stock „Ja“, im aktuellen Jahr waren es bis jetzt 495. Wer es kleiner mag, kann übrigens auch ganz bürokratisch im Büro eines Standesbeamten heiraten. Kostenpunkt: 74 Euro für die 20-minütige Zeremonie.
Es ist eine „Ehrengalerie“, in der die ehemaligen Grazer Bürgermeister im Rathaus geehrt werden. Doch wenn man sich die gemalten Porträts ansieht, darf man jenen, die es nicht zum Stadtchef gebracht haben und so auf diese Ehre verzichten müssen, beinahe gratulieren.
Erster Grazer Bürgermeister in der Zweiten Republik wurde der in Wien geborene Eduard Speck. Legendär der letzte mit absoluter SPÖ-Mehrheit regierende Gustav Scherbaum, der wegen seines Beharrens auf der von den Grazern abgelehnten Eggenberger Autobahntrasse 1973 vom freiheitlichen Alexander Götz abgelöst wurde – zu Zeiten, als die FPÖ bundesweit gerade einmal schwache einstellige Ergebnisse erreichte.
ÖVP und SPÖ teilten Amtsperiode
Auf ihn folgte die Ära „Hasibingl“, als sich ÖVP und SPÖ eine Amtsperiode teilten: Der schwarze Franz Hasiba regierte die ersten zwei Jahre, danach der rote Alfred Stingl. Er blieb 18 Jahre lang.
Bei den Wahlen 2003, zu denen Stingl nicht mehr antrat, kam es zum Umsturz: Die SPÖ verlor dramatisch, die ÖVP mit Spitzenkandidat Siegfried Nagl eroberte erstmals Platz 1 und verteidigte ihn dreimal. Nagl wurde zum längstdienenden Grazer Bürgermeister, ehe er 2021 sein Amt an die Kommunistin Elke Kahr verlor. Ihr Porträt in der Galerie folgt erst.
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