Psychische Krankheiten

„Viele Mütter suchen sich erst viel zu spät Hilfe“

Steiermark
06.04.2026 09:00

Psychiaterin Erika Richter und das Frauengesundheitszentrum in Graz bieten seit Kurzem eine Sprechstunde für schwangere Frauen, frischgebackene Mütter und deren Angehörige an. Der Druck, „perfekt“ zu sein, ist groß, sagt Richter. „Die meisten kommen viel zu spät.“

Das Baby ist da, das Glück ist perfekt – muss perfekt sein, denn die Erwartung ist groß. „Psychische Gesundheit rund um die Geburt ist ein blinder Fleck und ein Tabuthema“, sagt Anita Adamiczek, Leiterin des Grazer Frauengesundheitszentrums. „Frauen müssen glücklich sein mit ihrem ersten Kind. Sie sehen auf Social Media ständig, wie schön alles ist.“ 

Wenn sich das Glück nicht einstellt, warten viele zu lange, sich Hilfe zu holen. Eine von fünf Frauen ist von postnataler Depression betroffen, weiß Psychiaterin und Psychotherapeutin Erika Richter. Zwar gibt es Angebote für Mütter mit psychiatrischen Auffälligkeiten. „Aber die Schwellenangst, sich an die Psychiatrie zu wenden, ist sehr groß. Die meisten kommen viel zu spät, wenn die Not schon enorm ist, im letzten Abdruck.“

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Mit der Sprechstunde schließen wir eine Versorgungslücke und stellen sicher, dass Frauen und Familien in dieser sensiblen Lebensphase frühzeitig Hilfe erhalten.

Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer (KPÖ)

Niederschwelliges Angebot
So entstand die Idee zur Sprechstunde im Frauengesundheitszentrum, die die Stadt Graz finanziert. Jeden ersten Mittwoch im Monat von 10 bis 12 Uhr findet sie im Frauengesundheitszentrum am Joanneumring 3 statt, die nächste ist am 6. Mai. Um eine Anmeldung wird gebeten, aber auch wer spontan kommt, wird nach Möglichkeit drangenommen. In der Sprechstunde haben die Mütter – und deren Angehörige, denn auch Väter können betroffen sein – die Möglichkeit, einfach zu reden. Fragen zu stellen, Bedürfnisse zu äußern. „Die häufigste Frage ist: ,Ist das normal oder werde ich verrückt?‘“, sagt Richter.

Die wichtigste Botschaft: Man kann etwas tun! „Durch das möglichst frühe und niederschwellige Gespräch können wir Erkrankungen verhindern und vermindern. Ohne Ängste versuchen wir zu erkennen, was die Frau braucht.“ 

Risikofaktoren
Wann man sich Hilfe holen sollte

„Es kann jede treffen: Eine von fünf Frauen ist von postnataler Depression betroffen“, sagt Anita Adamiczek. Manche Mütter sind jedoch besonders gefährdet.

Es gibt eine Reihe an möglichen Risikofaktoren:

  • Psychische Krankheiten schon vor der Schwangerschaft
  • Gewalterfahrungen
  • Ungeplante Schwangerschaft
  • Unerwarteter Kaiserschnitt
  • Trennung in der Schwangerschaft
  • Traumatische Geburtserfahrungen 
  • Finanzielle Probleme
  • Verluste wichtiger Bezugspersonen

Alarmzeichen, bei denen man sich Hilfe suchen sollte, sind:

  • Schlafstörungen
  • Starke Ängste und Sorgen
  • Abschalten und Alleinesein ist nicht mehr möglich
  • Das Gefühl, das Baby nicht versorgen zu können
  • Wenn man keine Freude empfinden kann

Was ist „normal“?
„Eine Geburt ist die größte Stress-Erfahrung im Leben einer Frau. Das kann einen völlig aus der Bahn werfen. Dann kommen die hormonellen Veränderungen dazu, die zu den sogenannten Baby-Blues-Tagen führen“, erklärt Erika Richter. Wenn diese Heultage sich mehren und nach drei bis fünf Tagen nicht abklingen, ist Vorsicht geboten. „Lieber einmal mehr reden als einmal zu wenig“, sagt Richter. Denn die Risiken einer unbehandelten Depression reichen von Selbstverletzung bis hin zum (erweiterten) Suizid. 

Info und Anmeldung: 0316 83 79 98, frauen.gesundheit@fgz.co.at

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