Wiens Wohnbau wankt, die Mieten steigen zweistellig, der geförderte Neubau schrumpft. Mitten in dieser Gemengelage übernimmt Elke Hanel-Torsch das Schlüsselressort. Die neue Stadträtin startet ohne Schonfrist – und mit einer Baustelle, die zur sich Dauerkrise auswachsen könnte.
Kaum angelobt, steht Elke Hanel-Torsch vor einer Herkulesaufgabe. Die neue Wohnbaustadträtin übernimmt im März ein für die Stadt und das soziale Gefüge extrem wichtiges Ressort – in einer Phase, in der die Zahlen nichts beschönigen. Der soziale Wohnbau, einst Stolz des „Roten Wien“, schwächelt. Die Bewilligungen für gemeinnützige Wohneinheiten gehen zurück. Das sagt zwar noch nichts über die tatsächliche Bautätigkeit aus, zeigt aber auch, dass der Markt in einer Schieflage ist. Ein dramatischer Rückgang – noch bevor überhaupt gebaut wird.
Bevölkerungszahlen explodieren
Gleichzeitig wächst Wien weiter. 2023 knackte die Stadt die Zwei-Millionen-Marke, bis 2080 wird ein Plus von rund 22 Prozent prognostiziert. Schon jetzt liegt der Bedarf bei mehr als 11.000 zusätzlichen Wohnungen pro Jahr. Der Druck steigt – und zwar schneller als die Baukräne.
Weniger Neubau bedeutet auch mehr Engpass
Nicht nur im geförderten Segment zeigt die Kurve nach unten. Laut aktuellen Untersuchungen sinkt auch die Neubauleistung rapide. 2025 wurden erstmals seit knapp zehn Jahren weniger als 10.000 Wohnungen neu errichtet. Doch führt dazu, dass das Angebot spürbar schrumpft, während die Nachfrage hoch bleibt.
Leistbare Mietwohnungen werden zu Mangelware
Was das für Wohnungssuchende bedeutet, zeigt der Blick auf die Mietpreise. Laut ImmoScout24 stiegen die Mieten in Wien 2025 im Jahresvergleich um 10 Prozent auf durchschnittlich 21 Euro pro Quadratmeter. Eine 70-Quadratmeter-Wohnung kostet im Schnitt 1471 Euro im Monat. Besonders stark zogen die Preise in zentrumsnahen Bezirken an. Neubau verzeichnete ein Plus von 41 Prozent, Brigittenau 25 Prozent, Landstraße 23 Prozent. Nur noch fünf Bezirke liegen unter der 20-Euro-Marke pro Quadratmeter.
Wiener mieten – oft sogar nur befristet
Hinzu kommt: Rund 70 Prozent der angebotenen Mietwohnungen in Wien sind befristet. Planungssicherheit sieht anders aus. Wenn die Stadt hier keine Lösung findet, droht eine explosive Mischung. Denn 76 Prozent der Wiener leben zur Miete.
Für oder gegen Leerstandsabgabe?
Viele sehen in der Leerstandsabgabe ein mögliches Instrument, um mehr Wohnungen auf den Markt zu bekommen. Dazu wollte sich Hanel-Torsch bei ihrer Vorstellung auf „Krone“-Nachfrage nicht äußern. Ob sie ihre bereits 2014 (!) per Aussendung aufgestellte Forderung „Wien braucht Leerstandsabgabe!“ (siehe Faksimile) als Wohnbaustadträtin umsetzt, bleibt offen.
„Zu den Schwerpunkten gerne später mehr“
Hanel-Torsch kündigte an, ihr Amt mit „Herzblut, Einsatz und Leidenschaft“ auszufüllen. Ein zentrales Anliegen sei Schutz der Mieter sowie Grundrecht auf leistbares, qualitätsvolles und sicheres Wohnen. Doch Pathos ersetzt keine Baugenehmigung. Die neue Stadträtin muss zwei Fronten zugleich bedienen: steigende Kosten und sinkende Bewilligungszahlen. Dazu eine wachsende Stadt, ein angespanntes Budget und eine Opposition, die bereits aufmunitioniert ist.
Der Stadtrechnungshof hat Ende des Vorjahres festgehalten: Im Schnitt wird jeder Wiener Gemeindebau nach 51 Jahren saniert. Der Zyklus ist schon besser als früher, liegt aber noch weit weg vom selbst gesteckten Ziel – alle 40 Jahre. Hauptgrund: Es fehlt schlicht das Geld.
Nur einige Beispiele
Wie Sanierungen verschleppt werden oder schiefgehen, sei an ein paar Beispielen aufgezählt. In der Weißenböck-Siedlung in Simmering mussten zahlreiche Mieter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ihre Wohnungen verlassen. Der Grund: akute Einsturzgefahr. Viel zu lange wurde die Tragkonstruktion der Kellerdecken nicht saniert. Die Mieter warten nach wie vor darauf, wieder in ihr Zuhause zurückkehren zu können. Mehr als zehn Jahre dauerte auch die Erneuerung eines Gemeindebaus in der Jedleseer Straße in Floridsdorf – mit zahlreichen Pannen wie Überflutungen, Schmutz und Dauerlärm.
Problemfall in Simmering
In der Simmeringer Thürnlhof-Siedlung wurde erst mit der Sanierung begonnen, als die Fassaden bröckelten und die Hochgaragen mit massiven Stehern abgestützt werden mussten. Kurz nach dem Baustart folgte gleich eine mehrwöchige Pause. Im Zuge der Dachsanierung wurde zudem die Antennenanlage entfernt, klassisches Fernsehen ist somit bis zum Abschluss der Arbeiten nicht mehr möglich.
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