Kleptomanen-Game

"Thief" im Test: Rückkehr des Meisterdiebs?

Spiele
25.03.2014 08:31
Nach den gelungenen Neuauflagen zu "Deus Ex" und "Tomb Raider" wagt Square Enix mit dem neuen "Thief" den Neustart der altehrwürdigen "Dark Project"-Reihe. Wie in der Originalvorlage aus dem Jahr 1998 versucht man sich in "Thief" in Gestalt des Meisterdiebs Garrett als Langfinger, der unentdeckt Reichtümer einsackt und ebenso schnell verschwindet, wie er kommt. Ob die Neuauflage an den Charme des Originals heranreicht, klärt unser Test.

"Dark Project" aus dem Jahr 1998 war einer der Wegbereiter des Stealth-Genres – und ein unfassbar frustrierendes Erlebnis für ungeduldige Spielernaturen. Im Schatten verborgen und nur spärlich bewaffnet galt es, trickreich Wachen abzulenken oder auszuschalten, Tatorte unbemerkt zu infiltrieren und unentdeckt wieder zu entkommen. Ein kleiner Fehler reichte oft, damit ein Auftrag sein unrühmliches Ende fand. Genau deswegen liebten hartgesottene Fans "Dark Project". Und genau deswegen verteufelten es andere.

Individuell einstellbarer Schwierigkeitsgrad für Puristen
Allen Fans der Serie sei gesagt: So bockschwer wie das Original stellenweise war, ist das neue "Thief" nicht mehr. Zumindest in der Standardeinstellung. Dank variablem und frei definierbarem Schwierigkeitsgrad lässt sich die Neuauflage aber äußerst detailliert an die Vorlieben des Spielers anpassen.

Wer mag, kann das Spielinterface ausblenden, die Fokus-Fähigkeit Garretts deaktivieren und Missionen enden lassen, wenn der Meisterdieb auch nur kurz von einer Wache erblickt wird – und so ein durchaus hartes und an das Original erinnerndes Spielerlebnis erschaffen. Wer es nicht ganz so authentisch mag, kann es aber auch einsteigerfreundlicher angehen und die Handlung ohne wiederkehrende Frustmomente erleben.

Seuchen und Unterdrückung in Steampunk-London
Die Handlung selbst beginnt mit einem Coup, der eigentlich einer der größten des Meisterdiebs werden sollte. Gemeinsam mit seiner ebenso bösartigen wie mordhungrigen Schülerin Erin infiltriert Garrett das Haus eines Barons, um dort fette Beute zu machen. Das Pech des Meisterdiebs: In der Villa findet just zu dem Zeitpunkt, in dem Garrett zuschlagen will, eine geheimnisvolle Zeremonie statt, an deren Ende Garretts Bewusstlosigkeit steht.

Erst ein Jahr später kommt der Meisterdieb wieder zu sich – und muss feststellen, dass sich seine Stadt massiv zum Negativen verändert hat. Die Steampunk-Version der britischen Hauptstadt London wird von einer mysteriösen Seuche heimgesucht, ein autoritäres Regime verbreitet Angst und Schrecken – und Garrett macht dort weiter, wo er aufgehört hat. Er nimmt einen auf den ersten Blick unscheinbaren Auftrag an, bei dem er einen Ring stehlen soll, findet sich jedoch plötzlich inmitten einer handfesten Verschwörung wieder, bei der es um weit mehr als einfaches Diebesgut geht. Das alles ist unterhaltsam, teils aber etwas wirr erzählt. Für die Handlung wichtige Infos erhält der Spieler oft erst spät, teilweise auch gar nicht.

Mix aus Action-Adventure und Schleich-Game
Spielerisch gibt sich "Thief" als kleptomanischer Mix aus Action-Adventure und Schleich-Game mit vielen Klettereinlagen. Auf seinen Raubzügen huscht Garrett über Dächer, stemmt Fenster auf und klaut im Vorbeilaufen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Sogar Becher und Kämme sackt der Dieb ein, um sie zu Geld zu machen und sich neue Ausrüstung anzuschaffen. Nebenbei gilt es, Wachen und Vögeln – in vielen Häusern finden sich lästige Vogelkäfige, deren gefiederte Insassen laut zwitschernd auf nahende Meisterdiebe reagieren – auszuweichen, Fallen zu entschärfen, Tresore aufzubrechen, Geheimverstecke zu finden und blitzschnell von Deckung zu Deckung zu hechten.

Leider bietet das neue "Thief" dabei nicht so viel spielerische Freiheit wie der über zehn Jahre alte Vorgänger. Hatte Garrett im Original noch die Qual der Wahl, was seine Vorgehensweise angeht, führen im neuen "Thief" üblicherweise nur wenige Wege zum Ziel. Viel Platz für Experimente und alternative Routen bleibt nicht. Zudem macht das Spiel einige von Garretts Spezialfähigkeiten schlicht überflüssig.

Spezialfähigkeiten zum Teil nur Zierrat
So führt der Meisterdieb etwa wie schon in der Vorlage ein Sortiment verschiedener Spezialpfeile für seinen Bogen mit. Während er aber im ersten "Dark Project" noch Wasserpfeile nutzen musste, um Fackeln auszuschießen und die entstandene Dunkelheit für sich zu nutzen, ist der Wasserpfeil in "Thief" meist nichts weiter als ein Gimmick, das man so gut wie nie benötigt.

Auch schade: Meist ist auf den ersten Blick ersichtlich, auf welcher Route Garrett am besten vorrückt – oft gibt es einen "Schattenkorridor", der von weitem als Diebespfad zu erkennen ist. In "Dark Project" musste man sich mit den angesprochenen Wasserpfeilen noch seinen eigenen Schattenkorridor basteln. Die Künstliche Intelligenz der Wachen wirkt zudem recht diffus: Mitunter entdecken Soldaten Garrett selbst dann nicht, wenn er direkt neben ihnen steht. Andererseits suchen sie minutenlang hartnäckig nach ihm, wenn er doch einmal erblickt wird. Klettert Garrett auf eine erhöhte Position, hilft ihnen auch das nichts: Die Wachen können nämlich nicht klettern.

Dem gegenüber stehen nette Features wie eine Spielerbehausung, in der Garrett erbeutete Schätze hortet und spezielle Werkzeuge, mit denen der Meisterdieb noch effizienter auf Beutezug geht. So erhält er im Spielverlauf etwa ein Messer, mit dem er Gemälde aus ihrem Rahmen schneidet, sowie besseres Einbruchswerkzeug, mit dem er etwa in vergitterte Schächte gelangt. Schade: Diese Sachen gibt's nur gegen Bares, das wiederum durch das Stibitzen unzähliger Becher, Kämme und sonstiger Nebensächlichkeiten verdient werden muss.

Ansehnliche Optik, suboptimale Vertonung
Während "Thief" spielerisch nicht ganz an das Vorbild "Dark Project" heranreicht, ist es optisch durchaus ansehnlich. In der getesteten PS4-Version erfreut das Game das Auge mit einer ebenso düsteren wie detaillierten, aber nicht sehr lebendigen Spielwelt, gelungenen Animationen und ansehnlichen Charakteren. Weil das Spiel über weite Strecken recht farblos daherkommt, entsteht hie und da allerdings ein etwas tristes Gesamtbild, zudem sind die einzelnen Gebiete recht klein. Sehr gut gelungen sind die Animationen von Garretts flinken Fingern: Wenn der Meisterdieb nach einem Goldkelch greift und ihn sich einsteckt, bietet das einen realistischen Anblick. Selbiges gilt fürs Tresorknacken oder das Aufstemmen von Fenstern.

Nicht so gut wie die Optik ist der Sound von "Thief". Während es an der Hintergrundmusik wenig auszusetzen gibt, wirkt die Vertonung der Spielfiguren in der deutschen Version teils etwas unglücklich. Das liegt weniger an den bemüht wirkenden Sprechern, sondern vor allem an Übersetzungsproblemen, die Dialogen mitunter ihren Sinn rauben. Zudem passen die Lippenbewegungen der Figuren oft nicht zu dem, was aus ihrem Mund kommt. Die Umgebungsgeräusche sind zwar gut getroffen, lassen aber nicht die dichte Atmosphäre aufkommen, die Schritte und entfernte Gespräche im originalen "Dark Project" aufkommen ließen.

Bei der Steuerung stellt "Thief" den Spieler vor keine unlösbaren Herausforderungen, in der getesteten PS4-Version reagierte Garrett stets zügig und präzise auf die Eingaben mit dem Gamepad. Weil das Spiel aus der Ego-Perspektive gespielt wird, gibt es dankenswerterweise keine Probleme mit der Kameraführung und auch die Tresor-Minigames, bei denen mit dem Analogstick die richtige Position des Dietrichs im Schloss "erfühlt" werden muss, sind gut gelöst.

Fazit: Alles in allem ist das neue "Thief" ein unterhaltsames Schleich-Spiel, das es im Gegensatz zu Squares letzten Remakes zu "Tomb Raider" und "Deus Ex" allerdings nicht schafft, das Spielgefühl des Originals in die Gegenwart zu holen. "Thief" ist ein geradliniges Abenteuer mit teils wirr erzählter, aber über weite Strecken spannender Story, das an geringer spielerischer Freiheit und leichten Problemen mit der Künstlichen Intelligenz krankt. Für Fans von Schleich-Games könnte es dank individuell einstellbarer Schwierigkeit trotz einiger Schwächen einen Blick wert sein, ein Ausnahmetitel ist es aber nicht geworden.

Plattform: PC, PS3, PS4 (getestet), Xbox 360, Xbox One
Publisher: Square Enix
krone.at-Wertung: 7/10

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