"Checked in? Then welcome to Facebook!" Krista trägt ein Wollkleidchen mit Seidenjäckchen, dazu silberne Flip-Flops. Die eloquente Mitdreißigerin aus Pennsylvania führt eine österreichische Journalistengruppe durch den geheimnisumwitterten Facebook-Campus. Bevor sich die Türen zum Herzstück des Internet-Riesen öffnen, muss sich jeder identifizieren und ein "Disclosure Agreement" unterzeichnen, eine Art Geheimhaltungsvertrag – Facebooks Interpretation einer "offenen und vernetzten Welt" (Eigendefinition).
Essen und auch die Diätberatung sind gratis
2.200 Mitarbeiter arbeiten in den insgesamt neun unaufdringlichen Gebäuden in Menlo Park, südlich von San Francisco. Shuttle-Vans holen sie frühmorgens von ihren Privatadressen ab und spucken sie erst spätnachts wieder aus. "Fixe Arbeitszeiten haben wir keine", behauptet Krista, "jeder kommt, wann er will, und geht, wenn er fertig ist." Doch das trifft es nicht ganz.
Jede Station unserer Tour macht deutlicher, dass hier Arbeit und Freizeit auf bizarre Art ineinanderfließen, so lange, bis der Strom von Verführungen alle mitreißt. Von der Harvest Salad Bar über die Pizzerias, von Teddy's Nacho Royale bis zu den Burger-Stationen: Alles Essbare ist hier gratis (auch das Übergewicht und die Diätberatung).
Arzt, Friseur, Kleidung, Mobiltelefone ebenfalls kostenlos
Facebook-Mitarbeiter können am Campus auch zum Friseur gehen oder einen Arzt konsultieren – kostenlos! Schuhe, Fahrräder, Mobiltelefone - wird alles zum Nulltarif serviciert und repariert. Und das Beste: In einer hauseigenen Wäscherei wird von der Bettwäsche bis zum Anzug alles gratis gereinigt. "Isn't that great?", fragt uns Krista mit einem entwaffnenden Lächeln.
In einem Glaskobel rennt ein Mitarbeiter gerade seine zehn Kilometer auf dem Laufband, vor einem Apple, auf dem er gleichzeitig seine Mails checkt. Jene Omnipräsenz und Multitasking-Skills, die Facebook einer Milliarde Nutzern auf der ganzen Welt verordnet, ist hier Maxime. "Living the dream", kriechen riesige rote Buchstaben über eine silberne Wand.
Stress? Nicht doch...
Viele Multitasker bekommen wir nicht zu Gesicht. Manche schlendern relaxt durch die Gartenanlagen des Parks, mit dem Smartphone in der einen und einem Gräser-Smoothie in der anderen Hand – super-organic und 100 Prozent vegan. Stress? Fehlanzeige. Eher sehen sie aus, als hätten sie Happy Pills geschluckt.
Krista demonstriert uns anhand eines riesigen Displays mit dem Grundriss des jeweiligen Stockwerks, wo man die omnipräsenten Facebooker findet. Wischt sie über das Nutzerprofil von, sagen wir, Mitarbeiterin Bobbie Brown, dann leuchtet das Büro, in dem sie sich gerade befindet, rot auf. "Das ist keine Überwachung", betont Krista, sie will das vielmehr als Transparenz verstanden wissen.
"Warning: You're on camera!"
Vorbei an Spielhallen, Protein-Bars und Shops, wo sogar die Nagellacke und Kaffeebecher das Blau des Firmenlogos tragen, geht es durch die schrecklich schöne Arbeitswelt. "Warning: You're on camera!", steht auf kleinen Hinweistafeln. Immer wieder taucht Gründer Mark Zuckerberg auf, virtuell, versteht sich: Er predigt mit seinem unschuldigen Babyface auf riesigen Videoleinwänden, worum es hier geht.
Hunderte Praktikanten aus der ganzen Welt bewerben sich jede Woche in Menlo Park. Auch weil Facebook ihnen alles abnimmt, worum sich jeder normale Mensch kümmern muss, wenn er am Abend von der Arbeit nach Hause kommt. Kochen, bügeln, leben.
Füchse, Spinnen und Kürbisfratzen
Krista zeigt uns eine Parklandschaft, in der manchmal Babyfüchse vorbeispazieren. "Sie fressen uns gerne die Snacks weg", kichert sie. Über einer roten Brücke sitzt eine fette schwarze Spinne in ihrem Netz, unter einer Rieseneiche haben Mitarbeiter Kürbisse geschnitzt. Halloween hinterlässt – wie überall in Amerika – auch hier seine gruseligen Spuren. Es sind Szenen wie aus einem utopischen, kindischen Film.
Die Tour ist fast zu Ende. "Write something on the wall!", steht auf den weißen Wänden hinter knallbunten Sofas beim Ausgang. Tausende Botschaften in Rot, Grün, Blau und Gelb kann man hier studieren. Die Gedanken sind frei! "Homesick", hat jemand, den die virtuelle Welt noch nicht ganz vereinnahmt hat, geschrieben. Heimweh nach dem Leben draußen - danach, sich aus zwei Eiern selbst ein Omelett zu braten.
Bald auch eigene Wohnanlagen
Gerade hat der Internet-Konzern begonnen, nur einen Herzschlag vom Campus entfernt auch Wohnanlagen für seine Mitarbeiter zu planen, damit diese ihre überteuerten Appartements kündigen können. Dann hat Facebook sie mit Haut und Haaren.











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