Eine junge Frau wird des Nachts völlig ausgehungert und erschöpft auf einer verlassenen Landstraße von der Polizei gefunden und auf die Wache gebracht. Kurze Zeit später trifft eine schwer bewaffnete Spezialeinheit ein, um die Frau in Gewahrsam zu nehmen. Denn Jodie, so ihr Name, ist gefährlich: Die zierliche und fast schon zerbrechlich wirkende Frau hat einen mächtigen Verbündeten namens Aiden – eine übernatürliche Existenz, die nur darauf wartet, auszubrechen und entfesselt zu werden…
Große Emotionen...
So nimmt "Beyond: Two Souls", der neueste "Spielfilm" von Quantic Dream, seinen Lauf. Doch die Geschichte von Jodie und ihrem Hausgeist beginnt bereits etliche Jahre früher: In chronologisch wild durcheinander gewürfelten Rückblenden erzählen die französischen Entwickler, wie Jodie aufgrund ihrer Andersartigkeit immer wieder verstoßen und von anderen Menschen für deren Zwecke missbraucht wird. Ablehnung, Ausgrenzung und Einsamkeit sowie die letztlich daraus resultierende Suche nach Geborgenheit und der Wunsch nach Normalität sind die Themen, die "Beyond: Two Souls" mal mehr, mal weniger offensichtlich zwischen den Zeilen transportiert und in einfühlsamen Bildern zur Sprache bringt. Resultat: Der Spieler/Zuseher fühlt und leidet förmlich mit.
Momente, die zu Tränen rühren oder wütend machen, gibt es viele - und sie zählen definitiv zu den Stärken von "Beyond: Two Souls". Leider gelingt es dem Titel über seine Dauer von rund zehn Stunden jedoch nicht, das hohe erzählerische Niveau sowie die Spannung konstant aufrechtzuerhalten. Ein ums andere Mal verliert sich der Handlungsfaden in weniger bedeutsamen Szenen, die der Stimmung der Geschichte als Ganzes zwar zuträglich sein mögen, letztlich aber zu viel Tempo aus der Erzählung nehmen.
... und Banalitäten
Zum Teil ist dieses Problem sicher selbst verschuldet, denn immer wieder bestimmt man als Spieler durch moralische Entscheidungen, wie sich die Ereignisse entwickeln. So hat man es etwa in der Hand, ob Jodie von einer Geburtstagsparty lieber friedlich von dannen zieht oder für die dort erlittene Schmach Rache übt. Wie im wahren Leben auch, sind jedoch nicht alle Entscheidungen derart bedeutsam und somit für den Spieler auch spannend.
In diesen Augenblicken droht "Beyond: Two Souls" ins Banale abzurutschen. Der anfänglich spannende Mystery-Thriller à la "Akte X" verkommt zu einer Seifenoper, die spielerisch Anleihen bei den "Sims" nimmt. So kommt es, dass der Spieler mit Jodie gemeinsam in der Küche steht, in Rezepten schmökert, anschließend Fleisch und Gemüse aus dem Kühlschrank klein schneidet, die Pfanne auf den Herd stellt, Öl hineingibt und sämtliche Zutaten unter Zugabe von Salz, Pfeffer und einem Hauch Ingwer verrührt.
Quick-Time-Events als Spielprinzip
Derartige Tätigkeiten auf dem Bildschirm verfolgen zu müssen ist bereits nicht sonderlich aufregend. Geradezu lästig aber wird es, wenn derlei Aufgaben eine Interaktion abverlangen und nahezu jeder Handgriff im Spiel einen entsprechenden Handgriff auf dem Controller erfordert. Denn wie bereits in ihren Spielen zuvor, erheben die Macher von Quantic Dream den sogenannten Quick-Time-Event zum fast alles dominierenden Spielprinzip von "Beyond: Two Souls".
Für den Spieler macht dies die Dinge einfach, aber eben auch ein bisschen fad. Anstatt aktiv die Geschicke Jodies und Aidens lenken zu dürfen, muss man sich die meiste Zeit über damit zufriedengeben, zur rechten Zeit das richtige Knöpfchen zu drücken bzw. den Analogstick in die erforderliche Richtung zu bewegen – sei es, um in Kämpfen zuzuschlagen oder auszuweichen, beim Klettern eine Gliedmaße vor die andere zu setzen oder eben alltägliche Handgriffe zu tätigen.
Aus Sicht der Entwickler mag dies durchaus sinnvoll erscheinen: Durch den ständigen Zwang zur Interaktion bleibt der Spieler stets, wenn eben auch nur gering, involviert und verkommt so nicht zu einem bloßen passiven Beobachter. Doch manchmal wäre vielleicht genau dies die bessere Wahl gewesen.
Spielerische Seite mit Schwächen
Zur Ehrenrettung von "Beyond: Two Souls" sei jedoch gesagt: Ein bisschen gespielt werden darf dann doch noch. Zu den herausforderndsten Abschnitten zählen jene, in denen Jodie auf die Hilfe ihres "Hausgeistes" angewiesen ist. Aiden verfügt nämlich nicht nur über das Talent, Bilder, Tische und Stühle nach bester "Poltergeist"-Manier zu verrücken und zu manipulieren, sondern kann auch durch Wände gehen und, wohl am gefährlichsten für die Außenwelt, von anderen Menschen Besitz ergreifen, um diese zu kontrollieren – ein äußerst effizientes Mittel, um das Gegnerfeld von hinten aufzuräumen. Kameraprobleme und eine gewöhnungsbedürftige Mechanik tragen jedoch dazu bei, dass auch diese raren und "echten" Game-Momente nicht immer reibungslos über die Bühne gehen.
Lebendige Charaktere
Was "Beyond: Two Souls" an spielerischer Finesse vermissen lässt, macht es jedoch durch seine Inszenierung wett. Zu verdanken ist dies in erster Linie der US-Schauspielerin Ellen Page: Dank Motion-Capturing-Technologie haucht sie der virtuellen Figur der Jodie Leben ein und vollbringt damit das Kunststück, diese eben nicht nur lebendig, sondern auch glaubhaft und absolut authentisch wirken zu lassen. Doch auch andere, weniger prominent besetzte Charaktere begeistern aufgrund ihrer unglaublich detailliert ausgearbeiteten Gesichtszüge. Beeindruckend anzusehen sind insbesondere die Effekte auf der Haut wie etwa Tränen, Schweiß oder abperlendes Wasser. Prädikat: sehenswert.
Fazit: Ein eindeutiges Urteil über "Beyond: Two Souls" zu fällen ist schwer. Als Film hat der Titel definitiv seine Längen, für ein Spiel ist die Aneinanderreihung von Quick-Time-Events indes zu wenig. Und dennoch offenbart die Kombination beider Genres einen gewissen Reiz: Mehr als bei einem reinen Film wird der Spieler/Zuseher durch die Interaktionen am Controller in das Geschehen involviert. Der Verlauf der Geschichte lässt sich dadurch nicht nur beeinflussen, sondern lässt diese – trotz dramaturgischer Schwächen – sogar an Intensität gewinnen. Viele Ereignisse gehen deutlich tiefer unter die Haut, als dies bei einem gewöhnlichen Film der Fall wäre. Doch "leider" konzentriert sich "Beyond: Two Souls" zu stark auf die Geschichte und verschenkt damit an anderer Stelle, nämlich der spielerischen Seite, Potenzial. Kurzum: "Beyond: Two Souls" spielt man nicht, man erlebt es.
Plattform: PS3
Publisher: Sony
krone.at-Wertung: 8/10











Kommentare
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.