Eines vorweg: Will man die Story bei "Aliens: Colonial Marines" durchschauen, sollte man sich vor Spielbeginn unbedingt noch mal "Aliens" (Teil zwei der Saga) und "Alien 3" anschauen – oder gleich alle vier Teile. Das Spiel setzt nämlich umfangreiches Wissen über die Handlung der Filme voraus. Das macht man dem Spieler gleich zu Beginn klar. Statt eines Intro-Videos, bei dem die Alien-Vorgeschichte erklärt wird oder irgendeiner anderen Zusammenfassung der Ereignisse aus den Filmen, beginnt das Spiel mit einem Notruf. Das - aus den Filmen bekannte - Raumschiff U.S.S. Sulaco ist auf dem Planeten LV-426 gestrandet und irgendetwas an Bord stimmt ganz und gar nicht – diese Information muss dem Spieler zunächst genügen.
Im Kampf gegen Aliens braucht es reichlich Blei
Kurz darauf findet sich der nichtsahnende Spieler bereits in einer Luftschleuse (Fans der Filme wissen, dass es an dieser Stelle zu Schwierigkeiten kommen muss) und marschiert zur Sulaco. An Bord angekommen, muss er feststellen, dass der Großteil der Soldaten, die vor ihm auf dem Schiff angekommen sind, tot ist. Und dass die Wände mit organischem Material vollgeschleimt, die Lüftungsschächte voller Aliens und die überlebenden Marines voller Alien-Larven sind. Da hilft nur eines: Sturmgewehr oder Schrotflinte zücken und auf alles schießen, was sich bewegt – insbesondere an den Decken und Wänden.
Damit ist im Grunde auch schon das gesamte Gameplay von "Aliens: Colonial Marines" beschrieben. Bisweilen kämpft man statt gegen Aliens zwar auch gegen bezahlte Söldner der finsteren Weyland-Yutani-Corporation, doch auch die werden in altbewährter Manier mit dem Schießeisen zum Schweigen gebracht. Egal, ob gegen Söldner oder Aliens: Ein Großteil des Spiels findet in den dunklen, beengten Räumlichkeiten von Raumschiffen oder Außenposten fernab der Erde statt. Eigentlich der ideale Schauplatz, um einen Horror-Shooter à la "Doom 3" auf die Beine zu stellen – mit beängstigender Geräuschkulisse, atmosphärischen Lichteffekten und geschickt platzierten Gegnern, die für ordentliche Schockmomente sorgen.
Masse statt Klasse: Aliens sind nur Kanonenfutter
Leider verwirkt Sega diese Chance und setzt statt Qualität lieber auf Quantität. Das Spiel hetzt ganze Heerscharen von Aliens auf den Spieler. Die Aliens überlisten, sich an ihnen vorbeischleichen oder ihnen Fallen stellen? Fehlanzeige. Die schleimigen Gesellen, die es in verschiedenen Ausführungen – von klein, weich und schleimig bis groß, hart und gepanzert - gibt, verstehen nur eine Sprache: Blei. Und dementsprechend spielt sich der neueste Shooter im "Alien"-Universum dann auch: Man ballert sich – meist mit vom Computer gesteuerten Kameraden - durch Gänge, erschießt alles, was sich bewegt, und hofft, dass weder Munition noch Lebensenergie ausgehen. Die schwache KI macht einem das relativ leicht. Nur selten unterbricht das Spiel den Shooter-Einheitsbrei. Im Test kam eine einzige kurze Schleicheinlage auf mehrere Stunden Geballer.
Immerhin bieten die modifizierbaren Waffen ein wenig Abwechslung und laden dazu ein, mit ungewöhnlichen Schießprügeln zu experimentieren. Das allein reicht aber nicht, um den Spieler dauerhaft bei Laune zu halten. Besonders bitter ist die mangelnde Abwechslung, da die Kampagne an einem Tag durchgespielt werden kann. Sie hätte kurz und knackig werden können, tatsächlich ist sie nur kurz.
Im großartigen Vorgänger "Aliens vs. Predator 2" aus dem Jahr 2001 hatte noch jede Fraktion (Aliens, Marines und Predatoren) ihre eigene Kampagne – und jede einzelne davon war etwa so lang wie der gesamte, nur aus Marine-Sicht erzählte Handlungsstrang von "Aliens: Colonial Marines". Gerade Spieler der alten "Aliens vs. Predator"-Titel wird es also womöglich enttäuschen, dass der Einzelspielerteil von "Colonial Marines" nur die Marine-Kampagne enthält. Ein kleiner Trost: Zumindest im Multiplayer-Modus kann man weiterhin in die Rolle des Aliens schlüpfen. Der Predator fehlt diesmal.
Grafik: Hübsche Lichteffekte, sonst eher altbacken
Grafisch reißt "Aliens: Colonial Marines" keine Bäume aus. Die getestete PC-Version überzeugt zwar durch hübsche Lichteffekte, Schatteneffekte fehlen dafür oft gänzlich. Und auch bei den Texturen wäre – gerade in der PC-Version – mehr drin gewesen. Dabei ist es vor allem die Umgebung, die schärfere Texturen vertragen hätte, die Charaktere und Aliens sehen nicht schlecht aus. Die Animationen sind allerdings auch eher altbacken, und die Partikeleffekte – beispielsweise beim Zerstören von Alien-Eiern zu sehen – sind eindeutig nicht auf der Höhe der Zeit.
Das heißt nicht, dass die Grafik hässlich wäre. In Zeiten eines "Far Cry 3" braucht es für einen Shooter aber einfach mehr, um in der Oberklasse mitspielen zu können. Dafür erfreut "Aliens: Colonial Marines" mit angenehm niedrigen Systemanforderungen. Selbst auf einer betagten Radeon HD 5750 läuft das Spiel in Full-HD-Auflösung mit maximalen Details tadellos.
Aliens verschmelzen regelrecht mit ihrer Umgebung
Ein kleiner Kritikpunkt, der wohl auch der Filmvorlage geschuldet ist: Schwarze Aliens sind auf grau-grünen Wänden selbst bei guter Beleuchtung kaum zu erkennen und entsprechend schwer zu treffen. Da der Großteil des Spiels im Zwielicht stattfindet, ist es teilweise wirklich schwierig, die an Wänden und Decken herumkrabbelnden Xenomorphe zu treffen.
Beim Soundtrack gibt es hingegen nichts zu meckern. Die musikalische Untermalung passt zur beengenden Atmosphäre und vermag durchaus Spannung zu erzeugen. Zumindest so lang, bis die nächste Alien-Welle ankommt: Dann überlagert wildes Geballer die ansonsten gelungene Spielmusik.
Deutsche Sprachausgabe teilweise unpassend
Weniger lobenswert ist hingegen die deutsche Sprachausgabe. Die wirkt teilweise, als hätte Sega bei den Sprechern gespart. Die Palette der Schlampereien bei der Sprachausgabe reicht von klassischen Übersetzungsfehlern bis hin zu Sprechern, deren Stimmlage völlig unpassend ist. Ein Beispiel für solche Fehler findet sich gleich am Anfang des Spiels, als der Vorgesetzte des Spielers voll der Euphorie verkündet, alle zuvor ausgeschickten Marines seien vermisst oder womöglich tot.
Bei der Steuerung setzt "Aliens: Colonial Marines" auf die altbewährte Maus-Tastatur-Kombination. Shooter-Fans werden sich sofort zurechtfinden. Einen Kritikpunkt gibt es allerdings: Immer wieder kommt es vor, dass Hindernisse und Wände von Bugs betroffen sind. Da kann es schon mal passieren, dass Kugeln, die durch eine offene Tür fliegen sollten, an ebendieser abprallen. Ebenso kann es vorkommen, dass ein Alien aus dem Lüftungsschacht unter dem Spieler nach selbigem schnappt, ohne dass er wissen könnte, wo denn der Feind nun versteckt ist. Etwas mehr Feintuning, um die in der Verkaufsversion enthaltenen Bugs zu entfernen, hätte dem Spiel gutgetan.
Koop-Modus und Aliens sorgen für guten Multiplayer
Im Multiplayer-Modus bietet "Aliens: Colonial Marines" vier verschiedene Spielmodi. Alle haben gemeinsam, dass der Spieler wahlweise in die Rolle eines Marines oder eines Aliens schlüpfen darf und - je nach Modus - verschiedene Aufgaben erfüllen muss. Die reichen vom Ausschalten aller Gegner über das Zerstören aller Alien-Eier bis hin zum einfachen Überleben. Auch ein kooperativer Mehrspielermodus, bei dem bis zu vier Freunde die Kampagne gemeinsam durchspielen dürfen, fehlt nicht. Erfreulich: Entgegen dem Trend, Multiplayer-Spiele nur mehr über das Internet zu erlauben, bietet "Colonial Marines" auch die Möglichkeit an, über LAN gegeneinander anzutreten.
Gerade der Multiplayer-Modus stimmt versöhnlich. Auch wenn der Singleplayer unter einigen Schwächen leidet: Im Multiplayer-Modus macht es so viel Spaß wie eh und je, als Alien an den Decken und Wänden einer Map auf unbedarfte Soldaten zu lauern, um jenen Biss in den Hinterkopf anzubringen, für den die grausigen Kreaturen berühmt sind. Das asymmetrische ltiplayer
"Aliens: Colonial Marines" ist ein mittelmäßiger Shooter mit Schwächen bei Grafik und Sprachausgabe und einigen lästigen Bugs, bei dem viel Potenzial verschenkt wurde. "Alien"-Neulinge werden mit dem Spiel nicht glücklich, weil sie mit der Story wenig anfangen können und das Spiel auch keine Anstalten macht, sie in die Thematik einzuführen.
Hartgesottene Shooter-Fans werden wegen der altbackenen Technik und dem Mangel an Abwechslung wohl auch nur bedingt glücklich mit "Aliens: Colonial Marines". Fans der Filme könnten hingegen durchaus Gefallen an dem Titel finden, zumal sich in den einzelnen Levels immer wieder Anspielungen auf die Filme finden lassen. Das, der spaßige Multiplayer-Modus und die nette Option, die Kampagne im Koop-Modus mit Freunden durchzuspielen, sind jene Punkte, die das Spiel vor einer schlechteren Wertung bewahren.
Plattform: PC (getestet), PS3, Wii U (Ende März), Xbox 360
Publisher: Sega
krone.at- Wertung: 7/10
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