Sa, 21. Juli 2018

Das Maß der Dinge?

20.05.2012 15:42

VW Tiguan: Schon bemerkt, dass er neu ist?

Auffallen sollen andere. Der VW Tiguan, spät berufenes, aber höchst erfolgreiches SUV von und zu Wolfsburg, ist mit an Langeweile grenzender Solidität zum Urmeter der kompakten "Gelände"-Klasse geworden. Inzwischen ist auch sein Gesicht nur noch schwer von denen anderer VWs zu unterscheiden – obwohl es weiterhin sogar innerhalb der Baureihe zwei verschiedene gibt.

Der Tiguan trägt das VW-Familiengesicht und zeitgemäßes LED-Tagfahrlicht. Neben der, sagen wir, klassischen SUV-Front gibt es eine Variante, die unten herum derart abgeschrägt ist, dass sie einen Böschungswinkel von leichtgeländetauglichen 28 statt der tiefgaragenrampentauglichen 18 Grad ermöglicht. "Track & Field" heißt das seit Start der Baureihe im Jahr 2007. Neu ist eine Variante der Variante, namens "Track & Style", die für jene Offroad-Kundschaft gedacht ist, die auf Premiumausstattungsmerkmale wie Chromleisten nicht verzichten möchte.

Allradantrieb ist dabei logischerweise obligatorisch (wozu brauche ich sonst die Offroad-Front), sogar ein Offroad-Fahrprogramm, der Testwagen hat auch noch das formidable Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (schaltet auch selbsttätig einen Gang runter, wenn es bergab vonnöten ist) an Bord. Deshalb hat der TDI auch nur 140 PS, den 170-PS-Diesel bietet VW in dieser Kombination nicht an. Immerhin könnte ich trotzdem 2,5 Tonnen an die leicht und ohne schmutzige Hände wegklappbare Anhängerkupplung hängen, aber ich habe weder ein Pferd noch ein Boot (obwohl ich kurz überlegt habe, ob ich nicht spaßeshalber den Pferdeanhänger, den der Nachbar immer so platzverschwendend abstellt, umparken soll).

Ohne Anhänger lassen sich 670 kg unterbringen, wobei man das Gepäck auf 470 bis 1.510 Liter verteilen kann. Die geteilt verschiebbare Rückbank des Testwagens bietet Mitfahrern gut Raum (ich fühle mich sogar hinter dem auf mich eingestellten Fahrersitz wohl) und kann ihre Lehnen blitzschnell zu einem ebenen Ladeboden umlegen. Die Vordersitze sind bequem, verzichten aber auf das Spenden von Seitenhalt.

Pragmatisch statt stylisch
Auch wenn Style in der Modellbezeichnung steckt, ist der Innenraum eher von VW-esker Schlichtheit geprägt. Das ist praktisch (viele gute Ablagen!) und unempfindlich, aber nicht stylisch. Und das meine ich nicht einmal negativ, denn hier gibt es nichts, woran sich das Auge satt sehen und dessen es überdrüssig werden kann. Dafür ist alles grundsolide und wie für die Ewigkeit gemacht. Da muss ich schon den Dr. Kritisch auspacken, um die leicht klapprigen Temperaturregler zu bemerken, die Werte ab 25 Grad vor dem Fahrer verbergen. Auch an anderer Stelle bleibt etwas im Unklaren: Es ist nicht herauszufinden, ob die Lichtautomatik die Scheinwerfer eingeschaltet hat oder nicht.

Sonst gibt nichts Rätsel auf, alles ist an seinem Platz, der Tiguan ist praktisch blind zu bedienen. Auf Wunsch übrigens auch blind zu fahren, jedenfalls beim Einparken, denn der optionale Parkassistent lenkt und piepst, während der Fahrer nur noch Gas geben und bremsen muss.

Das optionale Touchscreen-Navigationssystem ist selbsterklärend. Wer darauf verzichtet, wird die Ablageschale oben auf der Mittelkonsole zu schätzen wissen, wegen der er ein portables Navi besonders tief an der Frontscheibe montiert werden kann, sodass es den Blick nicht behindert.

Der 140-PS-Turbodiesel passt ideal zu diesem Wagen. Brav und unauffällig verrichtet er seinen Dienst, verharrt an roten Ampeln in Ruhe, um dann wieder mit bis zu 320 Nm ab 1.750/min. vorwärts zu ziehen. Dabei geht er ruhig zur Sache, auch wenn man ihm anmerkt, dass er inklusive Allradantrieb knapp 1,6 Tonnen schupfen muss. Als Höchstgeschwindigkeit werden 188 km/h angegeben, den Sprint von 0 auf 100 absolviert der Tiguan in knapp über zehn Sekunden. Der Testverbrauch pendelte sich mit 8,1 l/100 km knapp zwei Liter über der Normangabe ein.

Mehr Leistung würde ich mit dem Standardfahrwerk gar nicht haben wollen, denn es ist weich und die Lenkung wenig direkt (gegen Aufpreis wäre eine sportliche Fahrwerksabstimmung erhältlich). Und so schiebt der Tiguan in Kurven über die Vorderräder und neigt sich recht deutlich zur Seite, in ambitioniert gefahrenen Wechselkurven schaukelt er und verlangt eine (besser zwei) erfahrene Hand am Volant, das in diesem Fall eine weitere Herausforderung darstellt.

Der VW Tiguan hat – zumindest in der getesteten Version – andere Qualitäten als den Sport. Er bietet viel, ohne aufzutragen, ist ein Statement für Solidität, vielleicht sogar für Introvertiertheit, vielleicht aber auch dafür, dass man seinen Selbstwert nicht aus einem Auto ziehen muss. Er kann mehr, als man ihm zutraut (Offroad-Front!), und spielt einige Stückln (serviert im Display Mercedes-Kaffee, wenn der Fahrer müde wird). Auf Wunsch auch via Bluetooth aus dem iPhone. Und das alles auffallend unauffällig.

Warum?

  • Solidität hat etwas Beruhigendes
  • Gut zu wissen, dass man könnte (28 Grad Böschungswinkel)

Warum nicht?

  • Fahrt fad.

Oder vielleicht ...

... die Sportabstimmung wählen. Als Konkurrenten drängen sich praktisch alle Kompakt-SUVs auf.

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