Zwölf Jahre nach dem letzten gemeinsamen Album haben sich die Blink-182-Erfolgsväter Tom DeLonge, Mark Hoppus und Travis Barker für eine Welt-Tournee und das neue Werk „One More Time...“ wieder zusammengerauft. Musik, die zwischen Nostalgie, Versöhnung und Akzeptanz pendelt und dabei die Lockerheit der frühen Tage behält. Ein Alterswerk, dessen Würde aus Authentizität besteht.
Mit der Reife kommt die Demut - und auch noch eine gehörige Portion Nostalgie. All das hat sich bei den kalifornischen Vorzeige-Pop-Punks Blink-182 in den letzten Jahren zu einer rührseligen Reunion ausgeformt, mit der man seit Jahresbeginn in den USA und Europa die größten Hallen füllt und zusätzlich zwei prägnante Auftritte beim Instagram-Festival Coachella hingelegt hat. Der plötzliche Wieder-Hype um Travis Barker, Tom DeLonge und Mark Hoppus ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass sich die talentierten jungen Nachfolgebands warm anziehen müssen, sondern auch eine temporäre Rückkehr der Gitarrenmusik im kommerziellen Pop-Olymp. Inwieweit dieser Hausfrieden von Dauer gezeichnet ist, lässt sich noch nicht absehen. Die Texte auf „One More Time…“ schreien förmlich nach bandfamiliärer Geborgenheit, die Vergangenheit hat indes schon des Öfteren gezeigt, dass es mit dem Hausfrieden nicht unbedingt immer weit her ist.
Rascheln nach dem Erfolg
Ein kurzer Blick zurück. Nachdem Blink-182 mit „Enema Of The State“ (1999) und „Take Off Your Pants And Jacket“ (2001) auch dank MTV und einer Serie von erfolgreichen US-Teeniefilmen zur größten Band ihres Genres wurden, begann es intern zu rascheln. Das selbstbetitelte „Blink-182“ (2003) war noch von hoher Qualität, aber bereits begleitet von internen Querelen. Tom DeLonge wollte sich anders ausdrücken, man hatte sich gemeinsam zu Tode getourt und die Band wurde für fünf Jahre auf Eis gelegt. Nachdem Travis Barker 2008 fast bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, rappelte man sich noch einmal zusammen, veröffentlichte das mediokre „Neighborhoods“ (2011) - und scheiterte schlussendlich wieder an sich selbst. Der Zusammenführungsfrieden war kein echter. Alte Gräben rissen auf und die Band schlussendlich auseinander.
Alkaline Trio-Sänger Matt Skiba wurde für zwei Alben Frontmann von Blink-182. Er wurde von den langjährigen Fans nur langsam akzeptiert, erfüllte seine Rolle aber in bescheidener Demut. Dass gerade das 2019er-Werk „Nine“ mit seinen kruden Soundexperimenten floppte, war nur bedingt sein Fehler. Wenn Hoppus und DeLonge nicht gemeinsam schrieben, kam eben nur halbe Qualität raus. DeLonge, seit 9/11 an Flugangst leidend, versank jahrelang in kruden Alien- und UFO-Theorien und pflegte mit seinem Projekt Angels & Airwaves die Emo-Schiene. Travis Barker wurde über die letzten Jahre zum Patenonkel junger Punkrock- und Hip-Hop-Acts. Was bei drei nicht am Baum war, wurde von ihm produziert oder er war zumindest Gast-Drummer. Hoppus bekam 2021 Blutkrebs und überstand die Krisentage mittels Chemotherapie und viel Glück. Erneut traf sich das alte Trio am Krankenbett, um alte Probleme auszudiskutieren, die Kriegsbeile zu begraben und sich eine dritte Chance zu geben.
Elder Statesmen des Pop-Punk
Ob diese nun wirklich echt ist und auch hält, das wird die Zeit weisen. Das Zusammenspiel auf der Tour war aber von einer gefühlt herzlichen Frische durchzogen und die Songs auf „One More Time…“ klingen endlich wieder so, wie wenn Hoppus und DeLonge eben zusammenarbeiten: locker, lässig und einfach gut. 17 Tracks hätten es vielleicht nicht sein müssen, dafür gelingt dem Trio der Spagat zwischen juveniler Vergangenheitsrückschau und gereifter Melodieseligkeit geschickt. Vor allem die erste Albumhälfte (auf der sich auch sämtliche bislang veröffentlichte Singles befinden) ist ein Feuerwerk an austrabender Rhythmik, bei der sich die Elder Statesmen des Millenniums-Pop-Punk einfach gehen ließen. „Anthem Part 3“, „Dance With Me“ und „Fell In Love“ könnten gut und gerne auch auf den Klassikern stehen, der Unterschied würde nicht groß auffallen.
Öfters wird es auf „One More Time…“ emotional. „I wish they told us it shouldn’t take a sickness or airplanes falling out the sky“ singt Hoppus am Titeltrack, bevor DeLonge mit „do I have to die to hear you miss me?“ weiterführt. Es ist die Lebens- und Krisengeschichte dreier Individuen, die zwischen ausufernden Partys und dem schieren Überlebenskampf an allen Polenden des Lebens kratzten und mit einer gewissen Distanz auf Hoch- und Tiefzeiten ihrer Existenz Bilanz ziehen. Bilanz über das Geschehene, aber vor allem über sich selbst. Wo sind wir nur falsch abgebogen? Warum mussten wir uns in lächerlichen Streitigkeiten ergehen? Wieso haben wir uns so lange ignoriert und gehasst? Die von Piano und Akustikgitarre getragene Ballade ist der intimste und persönlichste Moment des Albums und zeigt, dass Blink-182 auch abseits von Furzwitzen und postpubertärem Gehabe imstande sind, die Ohren auf sich zu lenken.
Endlich wieder vereint
Das Aufarbeiten des eigenen Seins zieht sich aber auch bei flotteren Tracks durch. „More Than You Know“, „When We Were Young“ oder „You Don’t Know What You’ve Got“ lassen schon im Titel keine Zweifel offen, absurd-humorige Songs á la „Turn This Off!“, „Fuck Face“ oder „Turpentine“ nehmen weniger Raum an, als man vermutet hätte. Nun waren Blink-182 verletzliche Momente noch nie fremd (man denke etwa an „Adam’s Song“), doch mit der angesammelten Lebenserfahrung und der spürbaren Reue durchzieht diese Themenwelt eine ganz neue Form der Authentizität. Die Narben des Lebens machen Blink-182 auf „One More Time…“ klanglich sichtbar, doch sie verstecken sie immer noch gut hinter dem von Barker angetriebenen Schlagzeug-Power-Pop-Punk der alten Tage. Ist „One More Time…“ jetzt ein versöhnlicher Abgesang oder der Startschuss für eine letzte Energieoffensive mit zahlreichen Welttourneen? Man weiß es nicht. Was man aber weiß ist, dass die drei Amerikaner ihre besten Songs seit 20 Jahren geschrieben haben.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.