Kurz vor dem Ende der diesjährigen Bregenzer Festspiele wurde die Oper „Die Judith von Shimoda“ auf der Werkstattbühne uraufgeführt. Die acht Solisten und der fabelhafte Wiener Kammerchor führten ein äußerst beeindruckendes Werk vor.
Bibelkundige kennen die Geschichte der schönen Judith, die ihr Volk vor der Eroberung durch die Assyrer rettete, indem sie deren Feldherrn Holofernes betörte und ihm schließlich im Schlaf den Kopf abschlug. Weniger blutig, aber ähnlich wirkungsvoll war die historisch belegte Aktion der Geisha Okishi: Um 1850 kamen amerikanische Handelsschiffe nach Japan und drangen ohne Respekt in die bis dahin sehr geschlossene Kultur des Inselstaates ein, wenn nötig mit kriegerischen Übergriffen. Eine solchen konnte Okishi abwenden, indem sie für den amerikanische Generalkonsul Harris (Timothy Connor) die von ihm dringend verlangte Kuhmilch besorgte - ein nach japanischem Brauch verpöntes Nahrungsmittel. Für die Rettung ihrer Stadt Shimoda wurde die junge Frau jedoch keineswegs gefeiert, sondern vielmehr geächtet. Die Parallelen zu Puccinis „Madame Butterfly“ liegen auf der Hand bei dieser Geschichte, die nach dem Vorbild eines japanischen Schauspiels von Bertolt Brecht fragmentarisch hinterlassen wurde.
Für den Komponisten Fabián Panisello hat Juan Lucas ein Libretto in elf Bildern geschaffen. Und Carmen C. Kruse hat das Stück als kurzfristige Einspringerin mit glücklicher Hand inszeniert. Sehr wirkungsvoll ist das Bühnenbild von Susanne Brendel, das die Spielfläche mitsamt den Akteuren um neunzig Grad spiegelt und somit aus der Vogelperspektive zeigt, und die Kostüme, die jedem Sänger und jeder Sängerin einen eigenen Charakter verleihen, sind ihr zu danken.
Auch vom Komponisten wurde jedem der acht Solosänger ein Instrument zugeordnet, so etwa dem Amerikaner Harris das Saxophon oder Okishi die E-Gitarre, die ähnlich klingt wie die japanische Shamisen. Ob die Zuhörer am Uraufführungsabend solches bewusst wahrgenommen haben, ist fraglich, denn die Musik Fabián Panisellos ist komplex, bindet neben den Instrumenten des „Amadeus Ensembles Wien“ auch Elektronik und Live-Elektronik mit ein. Spürbar für alle war aber sicher die große Emotionalität dieser Klänge und ihre Verdichtungen und Entspannungen. Die acht Solisten und der fabelhafte Wiener Kammerchor leisten ohne Ausnahme Herausragendes, sind doch die Gesangspartien von hohem Anspruch. Extreme Lagen, vor allem für Okishi (Anna Davidson), teils unvermittelte Wechsel von Sprache und Gesang, Atonalität und dann feierlicher Hymnus - mehr Anforderungen an sängerische Flexibilität sind kaum denkbar. Walter Kobéra oblag die Gesamtleitung dieses eindrucksvollen Werks.
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