Seiner erfolgreichen Stadion-Tour sah man es letztes Jahr nicht an, aber Superstar Ed Sheeran durchlebte eine veritable Krise in mehrfacher Hinsicht. Sein fünftes Studioalbum „Subtract“ dreht sich um Verlust, Schwermut und Melancholie und zeigt den 32-Jährigen von einer ganz neuen Seite. Seinen mathematischen Alben-Zyklus hat er damit endgültig abgeschlossen.
Die Geschichte der Populärmusik hat uns schon viel gelehrt, besonders aber, dass auch die allergrößten und reichsten Superstars nicht vor Schmerz, Ängsten und Unsicherheiten gefeit sind. Fragile Künstlerseelen leben zumeist von Melancholie und einer gewissen Form von Einsamkeit, die im besten Fall zu kreativ großartigen und kommerziell erfolgreichen Ergüssen führen. Ed Sheeran stieg in den letzten Jahren zum allergrößten Superstar auf und hat gewichtige Kapazunder wie Justin Bieber nicht nur überholt, sondern richtiggehend überrundet. Seine Stadionshows sind noch immer von einer bemerkenswert filigranen Ausführung und der optische Bombast wird stets gerne mit einem Minimum an Musikalität verstärkt. Frei nach dem Motto „ich, meine Klampfe und meine Loop-Station“ schüttelt das 32-jährige Genie Welthits aus dem Ärmel, nach denen sich 99 Prozent aller Kreativen alle Finger abschlecken würden.
Balance hinterfragt
Doch hinter der erfolgreichen Fassade stecken auch bei Sheeran tiefe Abgründe. Abseits seiner vielen Millionen und der abertausenden Fans, die ihm letzten Sommer Abend für Abend demütig zujubelten, klaffte ein schwarzes Loch in seinem großen Herzen. Im Februar 2022 diagnostizierten Ärzte bei seiner damals schwangeren Ehefrau Cherry Seaborn einen Tumor, wenige Wochen später verstirbt sein bester Freund Jamal Edwards im Alter von nur 31 Jahren. Nebenbei laborierte der Rothaarige selbst schon seit geraumer Zeit an depressiven Schüben und hinterfragte zunehmend die Balance zwischen Superstartum und bescheidenem Landleben, wie es eben der Fall ist, wenn man von der Working Class in lichteste Höhen katapultiert wird. Die Erlebnisse und Erfahrungen aus dem bislang härtesten Jahr seines Lebens goss er in Bild und Ton und macht nun gleichermaßen beide Projekte für die Öffentlichkeit zugänglich.
„Subtract“ (Subtraktion) nennt er sein fünftes Studioalbum und schließt damit seinen mathematischen Zirkel ab. Dass ausgerechnet das „Minus-Album“ sein intimstes und schwierigstes wurde, könnte man fast schon als prophetischen Zwölf-Jahres-Plan ansehen, schleichen sich hier doch besonders emotionale und persönliche Momente ein, die man selbst von einem Künstler wie Sheeran, der sein Herz per se gerne auf der Zunge trägt, noch nicht gewohnt war. Die beiden Opener stehen repräsentativ für die Schwere des gesamten Werkes. Im Opener „Boat“ steckt er metaphorisch in ebenjenem auf der rauen See des Lebens fest und sieht erst kein Entkommen, weiß aber, dass die Wellen seinen Untersatz nicht brechen werden. „Salt Water“ erklingt mit elektronischen Elementen und hypnotischen Echo-Klängen und beschreibt das Gefühl, hilflos zu ertrinken. „Als ich dachte, es könnte nicht schlimmer werden, kam der nächste Keulenschlag.“
Temporäre Wandlung
Insgesamt 14 Songs landeten schlussendlich auf „Subtract“, mehr als 30 habe er für das Album während eines nur einmonatigen Studioaufenthalts geschrieben - unter tatkräftiger Mithilfe von The Nationals Aaron Dessner, der während der Pandemie auf den Alben „Folklore“ und „Evermore“ für Taylor Swifts Image-Wandlung vom Pop-Monster zur Indie-Wald-Elfe verantwortlich und nun dem sonst so gut gelaunten Sheeran ein profunder Seelentröster mit der richtigen Dosis Grundemotionalität war. Vor allem Jamals Tod nimmt einen gewichtigen Teil des Albums ein. Im etwas flotteren „Eyes Closed“ realisiert der Sänger, seinen Freund nie mehr wiederzusehen, direkt darauf behandelt die von Piano und Akustikgitarre getragene Ballade „Life Goes On“ die Trauerphase des Überlebenden, die bis heute nicht vorüber ist.
Den Krebshorror seiner Frau verarbeitet Sheeran in „Sycamore“ (heute erfreuen sich Frau und Tochter übrigens wieder bester Gesundheit) und im Song „End Of Youth“ geht es um das profane Problem, sich endgültig darüber gewahr zu werden, dass die unbeschwerten und freien Jahre des Lebens endgültig ein Teil der Vergangenheit sind. Immer wieder changiert der Brite zwischen sentimentaler Balladenlastigkeit und elektronisch wabernden Soundstrukturen. Dass eine Nummer wie „Colourblind“ seinem großen Hit „Perfect“ klanglich extrem nahe ist, fällt auf, soll aber nicht überbewertet werden. Immerhin hat Sheeran „Subtract“ nicht in allen Details und Finessen ausreifen lassen, sondern stellt es der Öffentlichkeit als persönliche Momentaufnahme zur Verfügung. Das flotte, von Millenniums-Pop-Vibes getragene „Curtains“ und das folkig angehauchte „Vega“ geben dem Album ein bisschen Schwung, doch die überbordende Schwermutsschiene verlässt Sheeran nie.
Punktesieg gegen die Dämonen
Dafür gibt es einige Momente, die in der Klangrezeption besonders hervorstechen. Wenn er sich etwa in „Borderline“ stimmlich in höchste Höhen schraubt, bei der Piano-Ballade „No Strings“ so klare Beatles- und Oasis-Anleihen nimmt wie nie zuvor, oder das abschließende, bereits vor elf Jahren geschriebene „The Hills Of Aberfieldy“, eine Liebeserklärung an das gleichnamige Dörfchen, schottisches Lokalkolorit versprüht. Alle Rechenarten ergeben - logisch - „The Sum Of It All“, und so nennt sich dann folgerichtig die vierteilige Disney+-Dokumentation, bei der man visuell in die temporären und dauerhaften Tiefen des Hitparaden-Teddybären schlüpfen kann. Traurigkeit, Schmerz und Angst eingekleidet in ein hochsensibles Werk, das Pop von seiner fragilen und zerbrechlichen Seite zeigt. Damit lassen sich die inneren Dämonen zwar nicht aus dem Leben vertreiben, aber für eine Zeit lang wegschließen. Bleibt zu hoffen, dass Sheeran mit dem emotionalen Werk auch irgendwann in Österreich vorstellig wird.
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