In vielen Berufsjahren trifft man unzählige Menschen: Manche nur für einen Bericht, mit anderen hat man immer wieder gern Kontakt. Und manche - die vergisst man einfach nie. Der bald 17-jährige Oststeirer Gerald
Es ist eine meiner bewegendsten Geschichten: Es geht um eine Begegnung, die mich ganz tief beeindruckt und in 13 Jahren nie richtig losgelassen hat. Die Begegnung - mit einem Kind.
Gerald war vier Jahre alt, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Sein Blick aus riesigen dunkelbraunen Augen ging mir tief unter die Haut. Und seine Ausstrahlung, die alte Seele, wenn das nicht zu kitschig klingt. Mit diesem Kleinen konnte man reden wie mit einem weisen Erwachsenen.
„Es tut nicht so weh“, flüsterte mir dieses feinfühlige Wesen auf meine unausgesprochene Frage einfach zu; als er merkte, dass ich meinen Kopf wegdrehen musste, damit er nicht sieht, dass ich mit den Tränen zu kämpfen hatte. Denn was dieser von einer unheilbaren Krankheit Betroffene zu leiden hatte und hat, kann keinen unberührt lassen.
Ein schönes Wort für eine grauenhafte Krankheit
Der junge Oststeirer wurde mit der „Schmetterlingskrankheit“ geboren - ein schönes Wort für eine Krankheit, wie sie grauenhafter kaum sein könnte. Bei Betroffenen bilden sich Blasen, die sich mit Blut füllen und aufplatzen. Blasen, überall. Sie picken die Zehen zusammen, liegen zwischen den Fingern, am Kopf, in der Speiseröhre, so dass jeder Bissen zur Hölle wird. Jeden Tag neue, während die alten noch lang nicht verheilt sind. Blasen, die aufgestochen werden müssen, die an der Fußsohle durch höllische Schmerzen Gehen verhindern, an ein normales Leben nicht denken lassen.
Ein Schutzengel namens „Liebuns“
Und da saß er damals, dieser kleine Bub. Tapfer versuchte er ein Schluchzen zu unterdrücken, als er für uns ein paar Schritte gehen wollte. Schon in dem Alter wurde ihm bewusst, dass er viele Dinge nicht machen konnte wie andere Kinder. „Mama, warum bin ich anders?“, fragte er manchmal. Ansonsten nahm er sein Schicksal an. Vielleicht half ihm dabei sein Schutzengel namens „Liebuns“, den er so deutlich beschreiben konnte, dass ich schon selbst glaubte, ihn neben uns sitzen zu sehen. Ein Helfer. Sein Halt.
Jetzt, zu unserem 50-Jahre-Jubiläum, habe ich Gerald wieder besucht, ich wollte wissen, wie es ihm geht. Den „Liebuns“ sieht er nicht mehr, ist aber sicher, dass er immer irgendwie bei ihm ist. Die Rolle des Schutzengels haben Freunde übernommen.
Sport ist nicht möglich
Die Blasen sind in der Pubertät etwas besser geworden, sind aber immer noch aufwändig zu pflegen, lassen nicht zu, dass Gerald Sport macht. Bei Fußball etwa würde er sofort Verletzungen an den Füßen bekommen. Erschreckend dünn ist der Oststeirer, der bald 17 wird. Weil die Heilung so wahnsinnig viel Energie braucht. Daher kann er später auch keinen sehr konzentrierten Job anstreben.
Wegschauen ist für Menschen mit Handicap vermutlich schlimmer, als wenn offen gefragt wird
Gerald
„Wegschauen ist schlimmer“
Gerald freut sich jetzt darauf, den Führerschein zu machen, hofft, später als Autoverkäufer einen Job zu haben, Pkw sind seine Leidenschaft, „besonders Mercedes“. Wünschen würde er sich von der Gesellschaft, dass „die Leute mehr fragen, was man hat“, statt zu schauen: „Ich beantworte alle Fragen gerne. Die meisten denken eh, das wäre ein schwerer Fall von Neurodermitis. Wegschauen ist für Menschen mit Handicap vermutlich schlimmer, als wenn offen gefragt wird.“
Die ganz dunklen Augen, die einem in die Seele schauen, hat Gerald noch immer. Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute
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