Mediziner klärt auf

Skelette „sprechen“ auch nach Tausenden Jahren

Tirol
05.03.2023 10:31

Welcher Person lässt sich das Skelett, das kürzlich beim Innsbrucker Schloss Ambras gefunden wurde, zuordnen? Diese Frage beschäftigt derzeit Tirols Kriminalisten. Doch welche Schritte passieren eigentlich nach solch einem makaberen Fund? Die „Tiroler Krone“ bringt Licht in das mysteriöse Dunkel.

„Zuerst rückt die Spurensicherung an und nimmt den Fund- bzw. Tatort genau unter die Lupe“, sagt Polizeipressesprecher Christian Viehweider. Dabei wird natürlich auch nach etwaigen Gegenständen, die zu der Person gehören könnten, gesucht. „Anschließend kommt das Skelett in die Gerichtsmedizin und es beginnt die kriminalistische Kleinarbeit.“

Wie die Arbeit der Gerichtsmedizin aussieht, das weiß Stefano Longato, Facharzt sowohl auf diesem Gebiet als auch der Anatomie.

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Durch Maden oder andere Tiere können Rückschlüsse darauf gezogen werden, wie lange das Skelett schon dort lag.

Stefano Longato

„Gerichtsmediziner leider selten direkt am Fundort“
Er betont zu Beginn, dass „im Idealfall auch der Gerichtsmediziner am Tat- bzw. Fundort ist. Denn dort, wo das Skelett liegt, können sehr viele weitere Informationen vorhanden sein. Durch Maden oder andere Tiere können Rückschlüsse darauf gezogen werden, wie lange das Skelett schon dort lag“.

Auch wegen Personalmangels sei es in den meisten Fällen jedoch so, dass nur die Polizei vor Ort ist. „Sie macht Fotos und überstellt das Skelett und andere Gegenstände an uns.“

„Je erwachsener das Skelett, desto schwerer“
Je nachdem, wie viele Teile des Skeletts vorhanden sind, kann man recht schnell feststellen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau gehandelt hat. „Anhand der Beckenknochen ist das klar erkennbar.“ Auch die Größe des Menschen ist recht gut zu bestimmen. „Wenn Langknochen fehlen, ist das natürlich schwieriger“, sagt der Experte.

Spannend auch: „Erwachsene ab 25 Jahren haben ein sehr statisches Skelett, wodurch das Alter nur schwer zu bestimmen ist. Bei Kindern und Jugendlichen, die sich noch in der Entwicklung befinden, ist das Alter leichter abzuschätzen. Je erwachsener, desto schwerer wird es.“

3-D-Konstruktionen und „Kommissar DNA“ helfen
Die technischen Hilfsmittel, die zur Verfügung stehen, sind spezielle Schublehren und Maßeinheiten sowie Maßbänder. Ab und zu kommen auch Computertomografen zum Einsatz, mit denen dann 3-D-Rekonstruktionen möglich sind. „Die Knochen werden auch auf Fremdkörper und Verletzungen untersucht“, erklärt Longato weiter. Zudem stehen den Experten diverse chemische Vorgänge zur Verfügung. „Einiges kann man auch aus den Zähnen herauslesen, sofern sie vorhanden sind.“

Zum Einsatz kommt mitunter auch „Kommissar DNA“. „Mit ihr kann man auch nach Tausend Jahren noch das Geschlecht anhand der Chromosomen bestimmen“, weiß der Mediziner. Das Problem: „Ohne ein DNA-Gegenstück aus der Datenbank kann die Identität der Person natürlich nicht festgestellt werden.“ Hier können dann nur noch direkte Verwandte - also Eltern, Geschwister oder Kinder - weiterhelfen.

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Aus dem Schädel lässt sich meist die vollständigste bzw. best erhaltene DNA entnehmen, da diese dort länger und besser konserviert wird.

Stefano Longato

Erste Ergebnisse nach ein paar Wochen auf Tisch
Natürlich hängt es aber immer davon ab, welche Skelettstücke vorhanden sind und wie gut sie konserviert sind. „Aus dem Schädel lässt sich meist die vollständigste bzw. best erhaltene DNA entnehmen, da diese dort länger und besser konserviert wird. In den anderen Knochen ist die DNA häufig schon zerstört aufgrund von Umwelteinflüssen.“ Die Ergebnisse liegen - je nach Güte der Proben - schon nach ein paar Wochen auf dem Tisch. Um zwischen Mensch und Tier zu unterscheiden genügt Longato übrigens sogar nur ein Foto.

Die Datenbanken zu durchforsten, das fällt unter die Aufgabe der Polizei. „Es kommt aber auch vor, dass die Exekutive mit Bildern von möglichen Kandidaten zu uns kommt und um weitere Untersuchungen bittet“, sagt der Experte.

„Viele weitere Funde durch die Klimaerwärmung“
Abschließend verrät Longato, dass er sich das größte und spannendste Wissen über Skelette im Zuge der Ausbildung auf der „Body Farm“ in Knoxville (USA) angeeignet hat. Dieses wird ihm in Zukunft sicherlich noch häufig hilfreich sein. Denn zwar werden derzeit pro Jahr nur selten Skelette gefunden, der Experte ist aber überzeugt, dass die Alpen im Zuge der Klimaerwärmung „vermutlich noch viele aus früheren Kriegen freigeben werden“.

Ob auch ein zweiter Ötzi dabei sein wird, bleibt abzuwarten.

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