Vor allem in Europa glaubte man den 2010er-Dubstep-Revolutionär Skrillex verschollen - am 1. Jänner kündigte er auf Social Media sein Comeback an, nun legt er mit „Quest For Fire“ und „Don‘t Get Too Close“ gleich zwei Alben vor. Einmal elektronischer, einmal poppiger. Ein bemühter, aber leider misslungener Versuch, alte Stärken mit einer neuen Identität zu paaren.
Zwischen 2010 und 2012 war Sonny John Moore der wahrscheinlich hipste Musiker der gesamten Welt. Unter seinem Pseudonym Skrillex hat er eine gut ein Jahrzehnt davor in Südlondon erfundene Electronic-Subrichtung namens Dubstep dem Mainstream zugänglich gemacht und sich selbst via MySpace (!) in orbitale Erfolgssphären katapultiert. Skrillex war - noch vor dem großen Aufkommen der Streaming-Portale -führend in einer musikalischen Änderungskultur, in der man keine Alben mehr produzieren musste, um grenzüberschreitend Gehör zu finden. Seine drei EPs „Scary Monsters and Nice Sprites“, „More Monsters And Sprites“ sowie „Bangarang“ revolutionierten das EDM-Genre mit knochenharten Bass-Klängen, die vor allem live ihre volle Entfaltung fanden. Hierzulande wurde man etwa beim längst verstorbenen Urban Art Forms, dem Frequency oder dem Beatpatrol Zeuge der meist mitternächtlichen Baller-Fiesta.
Kurze, intensive Hype-Flamme
Seine insgesamt acht Grammys (was im elektronischen Sektor noch immer Rekord ist) eroberte Skrillex innerhalt von vier Jahren. In einer bis dahin testosterongeschwängert geprägten Szene holte er als Gegenpol ein ganz neues Publikum in das elektronische Mainstreamboot. Langes schwarzes Haar mit Undercut-Rasur, Horn- oder Sonnenbrille, bescheidenes Auftreten - ein Emo eben, wie man sie aus dem Pop-Punk oder Alternative-Rock-Sektor kannte. Bevor Moore 2009 seine Dubstep-Karriere kickstartete, war er Sänger der gitarrenlastigen und rhythmisch vertrackten Post-Hardcore-Band From First To Last - EDM und Electro-House-Brostep-Spielereien schwammen in den Frühjahren von Moores musikalischer Karriere noch völlig unbemerkt in Abrahams Wurstkessel. Als Skrillex 2014 sein erstes und bislang einziges Studioalbum „Recess“ veröffentlichte, war er schon wieder Opfer seines eigenen Trends. Der Dubstep-Hype war bereits schwer am Verglühen und Skrillex‘ durchaus starke Songs wurden auf beiden Seiten von den nächsten Trends überholt.
Das persönliche Tief erlitt der Kalifornier aber nicht deshalb, sondern weil im Juni 2015 seine geliebte Mutter verstarb. Sie war der felsenstarke Rückhalt und alle Brandungen überstehende Ruhepol in der ständig auf der Überholspur laufenden Karriere des Sohnes. Ihr Ableben markierte einen derart emotionalen Knick in Moores Vita, sodass fortan nur mehr wenig richtig rund lief. Er kooperierte mit gehypten K-Pop-Bands, Rappern, Produzenten und aufstrebenden Talenten und warf immer wieder Singles auf den Markt. Doch nicht einmal mit der dem Film „Suicide Squad“ zugeschnittenen Auskoppelung „Purple Lamborghini“ lockte er die Hunde hinterm Ofen hervor. 2017 produzierte er das Album „8“ der Alt-Rock-Band Incubus und 2017 veröffentlichte er mit „Make War“ gar eine neue Single mit seiner alten Hardcore-Band, der aber kurioserweise bis jetzt nichts mehr folgen sollte.
Neustart notwendig
Erst die Pandemie und die damit einhergehende Zwangsruhe auf Bühnen und in Studios ließen Moore realisieren, dass er eigentlich seit Jahren auf einer künstlerischen Irrfahrt war. In den letzten Jahren sagte er Festivals ab und nahm sich eine komplette Auszeit vom Musikgeschäft. „Ich hatte keinen Antrieb mehr, musste dringend an mir selbst arbeiten“, wie er in einem seiner wenigen öffentlichen Statements bekannt gab. Nach langen Monaten des Wartens zündete er pünktlich zu Neujahr seine Social-Media-Bombe, indem er die Veröffentlichung eines neuen Studioalbums bekannt gab und drei Tage später die erste Single „Rumble“ nachlegte. Die Haare mittlerweile kurz geschoren, der Vollbart barbiertechnisch akkurat getrimmt und einem 35-jährigen Erwachsenen gemäß, reproduzierte er nicht die Erfolgsformel der frühen 2010er-Jahre. Aus dem hippen Dubstep-Jungen reifte ein versierter und genreoffene Elektroniker, der mit dem Albumtitel „Quest For Fire“ (zu Deutsch: „Suche nach dem Feuer“) unzweideutig kundtut, was ihn in jüngerer Vergangenheit hauptsächlich beschäftigte.
Das beeindruckendste auf „Quest For Fire“ ist aber zuvorderst nicht die Musik, sondern die üppige Gästeliste. Das gut vernetzte Mastermind hat für die auf eine gute Dreiviertelstunde gezogenen 15 Songs in allen Genres gegraben, der er bespielt, mag oder kennt. Es tummeln sich Rapper (Missy Elliott, Swae Lee), Pop-Sängerinnen (Aluna Francis), Weltmusiker (die Palästinenserin Nai Barghouti, die bei „Xena“ auf Arabisch singt) Punkrocker (Pete Wentz von Fall Out Boy) und natürlich Elektroniker wie Four Tet oder Flowdan auf dem Album. Diese eklektische Mischung dreht „Quest For Fire“ in eine zerstückelte Richtung, die keinen kongruenten Klangbogen zu reproduzieren vermag. Die ballernden Dancefloor- und Partyelemente des alten Skrillex muss man suchen, denn das Album klingt vielmehr nach einem Lehrstück eines Produzenten, der zugunsten der Klangqualität das Songwriting schleifen ließ. Es gibt lose Dubstep-Referenzen, Jungle-Beats, MC-Geshoute, Roboterstimmen, UK-Garage-Ansätze, Drum-&-Bass-Ausritte und schlichten House-Kommerz. Wenn atmosphärische Parts kurz zum Durchschnaufen animieren, grätscht Skrillex sofort wieder mit dissonanten Breaks dazwischen.
Orientierungslosigkeit
„Rumble“ erweist sich dabei als frühes Highlight, an dessen Qualitäten Skrillex mit dem Rest des Materials nicht mehr heranreichen vermag. Trotz der beeindruckenden Besetzung verzettelt sich „Quest For Fire“ in seiner Vielschichtigkeit und einer ADHS-befeuerten Hektik, die gar nicht nötig wäre, um die Musik akkurat anzubringen. Die Stimmen dienen der Interpretinnen dienen dabei zu oft als Mittel zum Zweck und können sich in den dichten Soundkaskaden nicht so entfalten, wie es ihnen gerecht wäre. Das Album verhebt sich genau an der größten Gefahr einer so langen Pause - es versucht Ideen, Emotionen und Interessen aus ganzen neun Jahren in ein bekömmliches Format zu pressen und verliert sich dabei in Orientierungslosigkeit. Comeback: ja. Neue Revolution: mitnichten.
Der größte Clou am Skrillex-Comeback ist der Überraschungsfaktor. Als Skrillex vergangenen Samstag im New Yorker Madison Square Garden auftrat, verkündete er nur einen Tag nach „Quest For Fire“ den Release des zweiten Studioalbums „Don’t Get Too Close“. Dass es so schnell gehen würde, hätten sich wohl nur die Wenigsten gedacht. Das mit einem melancholisch dreinschauenden Stacheligel ausgestattete Cover-Artwork spiegelt die Schüchternheit des Künstlers wider, auf dem zweiten Werk tummeln sich mit Yung Lean, Kid Cudi und Justin Bieber erneut eine Vielzahl an musikalisch bekannten Kapazundern aus den verschiedensten Genre-Lagern. „Don’t Get Too Close“ ist im Direktvergleich zu „Quest For Fire“, etwas eingängiger und poppiger und verliert sich nicht so leicht in der unbändigen Experimentierfreude.
Den Zeitgeist erwischt
Das um mehr als zehn Minuten kürzere Album ist zugänglicher für den Mainstream-Markt und weist auch zum ersten Mal seit acht Jahren Gesangsspuren von Skrillex selbst auf. Mit „Ceremony“ oder „Real Spring“ gelingen ihm dabei ein paar richtig flotte Mainstreamkracher, wohingegen Songs wie der Titeltrack durchschnittlich und ziemlich ermüdend mäandern. Das Vogelgezwitscher und Songtitel wie „Summertime“ oder „Painting Rainbows“ scheinen jedenfalls zu vermitteln, dass Moore beim Erstellungsprozess dieser Songs die positiven Seiten des Seins erforscht und umgesetzt hat. Als musikalische Offenbarung muss man die zwei Comeback-Werke nicht zwingend betrachten, doch die dazugewonnene Reife steht zumindest dem Zeitgeist klanglich gut zu Gesicht. Sollte Skrillex leistbar sein, würde er dem Frequency heuer mehr als gut zu Gesicht stehen …
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