Gratwein-Straßengel

Steirische Gemeinde „tafelt“ ihre Geschichte auf

Steiermark
11.01.2023 11:00

Vom „Guggi-Bad“ bis zur Richtstätte: Die Marktgemeinde Gratwein-Straßengel macht die Historie des Ortes auf Bauwerken durch Informationsschilder sichtbar. Ein Vorbild für andere Orte?

Der Überlieferung nach beförderte der Henker hier 29 Menschen brutal ins Jenseits: Schwerverbrecher, aber auch unschuldige „Wettermacher“ und vermeintliche Hexen. An der Stelle der früheren Richtstätte des Landgerichtes Rein-Gratwein steht heute - bewusst errichtet - ein Bildstock mit Christus am Kreuz, der Gottesmutter Maria und dem Apostel Johannes. In seiner unmittelbaren Nähe entdeckten Archäologen im Jahr 1852 zudem ein Römer-Grab aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.

All diese Informationen zum Sakraldenkmal im Herzen von Gratwein-Straßengel, genannt auch „Breites Kreuz“, erfahren Gäste und Einheimische neuerdings auf einen Blick - und zwar, wenn sie direkt davor stehen. Und es gibt weitere 86 Standorte im Markt, die ab sofort ihre eigene Geschichte(n) in prägnanter Form erzählen.

Die Gemeinde hat jüngst nämlich ein aufwändiges Projekt ins Ziel gebracht, das Interessierte dazu einlädt, durch die lange Orts-Historie zu schlendern - gleichsam als Stadtrundgang auf eigene Faust, ganz ohne eine Führung.

„An den Fassaden geschichtsträchtiger Bauten wurden Informationstafeln angebracht, die auch mit GPS-Koordinaten verknüpft sind“, berichtet Maria Grill, die bereits im Jahr 2006 die Idee zu diesem Vorhaben hatte. Vielfältige Unterstützung und Expertise kam von einem Team aus allen Ortsteilen, „da diese in ihrer Geschichte und Eigenart sehr unterschiedlich sind“, ergänzt Dieter Grill. Alle Bauwerke sind mit ihren „Lebensdaten“ zudem in der begleitend herausgegebenen Broschüre „Durch die Zeiten“ für die Nachwelt konserviert.

Auf das Werk ist der Bürgermeister von Gratwein-Straßengel, Harald Mulle, besonders stolz: „Es ist uns wichtig, dass die Geschichte der Gemeinde nicht in Vergessenheit gerät. Den Lauf der Zeit kann man nirgends besser erkennen als an historischen Gebäuden.“

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Den Lauf der Zeit kann man nirgends besser erkennen als an den historischen Gebäuden einer Gemeinde.

SPÖ-Bürgermeister Harald Mulle

1788: Wallfahrtskirche drohte die Entweihung
Was können steirische Geschichtsfans noch entdecken? Natürlich die Wallfahrtskirche Maria Straßengel, für die 1346 der Grundstein gelegt wurde. 1788 drohte dem Gotteshaus übrigens, so geht es aus der Schild-Beschreibung hervor, ihre „Entweihung und der Abriss“. Ein kommunales Kleinod ist zudem das „Guggi-Bad“, dessen erste Nennung als Landwirtschaft mit Mühle ins Jahr 1440 - ein halbes Jahrhundert vor Kolumbus’ Entdeckung von Amerika - fiel. Eine rot-weißes Info-Tafel prangt beispielsweise auch an der Zufahrt zur alten Volksschule: Das Gebäude öffnete anno 1874 das erste Mal seine Pforten für Taferlklassler.

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