Das große Interview

Lässt Sie die Politik nicht los, Herr Kern?

Persönlich
03.07.2022 06:00

45 Prozent der Österreicher sehnen sich laut „Krone“-Umfrage nach einer neuen Partei. Mit Conny Bischofberger spricht Wunsch-Spitzenkandidat Christian Kern über Comeback-Gerüchte, eine politische Klasse im Tiefschlaf und seine Wut über jene, die von der Krise in unerträglicher Form profitieren.

Barfuß, mit einer Chino und einem dunkelblauen T-Shirt bekleidet, öffnet Christian Kern die Tür zu seinem renovierten Winzerhaus am Rande des Wienerwaldes. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Porträts von Marilyn Monroe, Brigitte Bardot und Romy Schneider. „Die hat meine Ex-Frau in der Westlicht-Galerie erstanden“, erzählt der ehemalige Bundeskanzler, während er Espressi und Erdbeeren mit gepfefferter Crème fraîche und Ahornsirup zubereitet. Er und seine Frau leben seit Februar getrennt. „Beruflich bleiben wir dennoch verbunden“, betont Kern. Unser Interview findet am großen Holztisch im Innenhof statt, an den alten Mauern wächst wilder Wein. „Scheidungshund“ Sammy, der freundliche Silber-Labrador, weicht keine Minute von der Seite seines Herrchens.

„Krone“:Es ist auch schon fünf Jahre her, dass Sie die Politik verlassen haben. Was machen Sie jetzt genau?
Christian Kern: Wir haben ein eigenes Unternehmen, das ich gemeinsam mit Eveline, meiner Ex-Frau, und Bernhard Raberger führe. „Blue Minds Company“ entwickelt und investiert in Unternehmen, die sich mit nachhaltigen Technologien beschäftigen. Zum Beispiel mit der Software für Ladestationen von Elektroautos, mit dem Recycling von Autobatterien, oder der optimalen Verwertung von Energie aus Windkraft und Solaranlagen. Mittlerweile haben wir ein Portfolio von 16 Gesellschaften. Die größte produziert Glas für die Photovoltaik-Industrie, da sind wir europäischer Marktführer. Wir haben Büros in Wien, Deutschland und Israel. In Summe arbeiten 65 Leute bei uns.

Letzte Woche hat die Politik Sie wieder eingeholt. Laut „Krone“-Umfrage würden 45 Prozent eine neue Partei begrüßen, das ist mehr als doppelt so viel Zustimmung wie die ÖVP derzeit erreicht. Ihr Name fiel als Spitzenkandidat. Was ist da durch Ihren Kopf gegangen?
Das Ganze ist wohl Ausdruck der Besorgnis über die enormen Probleme, vor denen wir stehen. Die Wirtschaftskrise nimmt Fahrt auf, die Inflation entzieht Menschen ihre Lebensgrundlagen. Da entsteht gerade viel Angst in der Gesellschaft. Und gleichzeitig erleben wir eine Politik, die nur noch mit sich selbst beschäftigt ist. In so einer Situation gibt es natürlich das Bedürfnis nach was Neuem. Allerdings kann ich Ihnen versichern, dass ich keine Partei gründen werde.

Warum erzählen das in politischen Kreisen dann so viele hinter vorgehaltener Hand?
Sommerhitze. - Lacht.

Haben Sie persönlich wirklich gar nichts zu diesen Gerüchten beigetragen?
Ich habe in den letzten Monaten mit vielen politischen Entscheidungsträger in diesem Land über die Auswirkungen der Krise gesprochen. Eigentlich mit allen Parteien außer der FPÖ. Ich beschäftige mich intensiv mit den Energiemärkten und sehe seit Ende des letzten Jahres, was auf uns zukommt. Das Ergebnis dieser Gespräche war frustrierend.

Weil?
Ich habe keinen Gesprächspartner gefunden, der die Lage ernst nimmt. Dabei stehen wir auf einer brennenden Plattform und wenn wir nicht bald anfangen zu löschen, dann wird das nicht gut ausgehen.

Kam es vielleicht durch diese Treffen zur Behauptung, Sie hätten Geheimgespräche mit Reinhold Mitterlehner, Othmar Karas und anderen über eine neue Plattform geführt?
Ich schwöre beim Augenlicht meines Hundes - lacht - , dass ich bei keinem Geheimgespräch dabei war. Aber vielleicht gibt es neben einem falschen Klitschko auch einen falschen Kern. Meines Wissens hat es so ein Treffen aber gar nicht gegeben. Was meine Gespräche betrifft, so ist es in Österreich leider so, dass alle immer glauben, es gehe um persönliche Interessen. Es kann sich keiner vorstellen, dass jemand ein inhaltliches Anliegen hat und nichts werden will - was für mich ausdrücklich gilt. Weder in einer neuen Partei noch in der SPÖ.

Schmeichelt es Ihnen nicht trotzdem, genannt zu werden?
Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich nach dem Abgang von Sebastian Kurz und die Umstände, die dazu geführt haben, nicht eine gewisse Genugtuung verspüren würde. Denn das waren ja keine fairen Wahlen, weil hier Steuergeld missbraucht wurde. Aber mir reicht die Rolle des Altkanzlers.

Können Sie ein Comeback, so wie es Sebastian Kurz getan hat, für immer ausschließen?
Ja. Ich bin mit meinen Unternehmen beschäftigt, das läuft gut und macht mir große Freude. Ich habe echten Respekt vor Leuten, die sich noch jeden Tag in dieses Feuer stellen.

Auf Twitter nehmen Sie aber eifrig am politischen Geschehen teil. Lässt Sie die Politik nicht los?
Sie kann mich gar nicht loslassen, denn die Politik bestimmt heute noch viel mehr unser Leben als noch vor zehn oder 20 Jahren. Früher hat sich die Politik den wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. Durch Klimakrise, Pandemie und Energiekrise hat sich das dramatisch geändert und die Politik hat eine viel größere Verantwortung. Ich erlebe aber eine politische Klasse im Tiefschlaf.

Was müsste die Politik tun?
Sie müsste massiv in das System eingreifen und die Gaspreise deckeln, statt im Nachhinein Geld in das System hineinzuschütten. Das würde gleichzeitig die Strompreise runterziehen, und dann verringern sich in weiterer Folge auch andere Preise, das wiederum reduziert die Inflation, die Mieten und so weiter. Aber da gibt es Leute in diesem Land, die von der Energiekrise in einer unerträglichen Form profitieren. Einerseits werden Menschen an den Rand der Existenz gedrängt und auf der anderen Seite überlegen sich Energiekonzerne, wie sie die Dividende erhöhen. Mein altes Unternehmen, der Verbund, wird 7.2 Milliarden Euro mehr Gewinn machen. Wenn die Leute mitkriegen, was da gespielt wird, dann wünsche ich denen, die das verantworten, politisch wirklich viel Glück. Das Problem ist, dass wir eine Generation von Politikern gezeugt haben, die nur noch in Kategorien von Pressekonferenzen und Schlagzeilen denkt. Vor 20, 30 Jahren sind im Finanzministerium noch grandiose Leute gesessen, das war die wirtschaftspolitische Elite. Die sind alle durch Pressesprecher ersetzt worden.

Ist die SPÖ für diese Herausforderungen richtig aufgestellt?
Der SPÖ möchte ich keinen Rat geben, die müssen sich selber überlegen, wie sie sich aufstellen. Das ist nicht mehr meine Verantwortung. Ich glaube außerdem, dass wir bei der nächsten Nationalratswahl deutlich mehr Parteien zur Auswahl haben werden, als das heute der Fall ist. Die Unzufriedenheit ist greifbar, man hat das Gefühl, es kümmert sich keiner mehr um die Lösung der Probleme.

Wird Pamela Rendi-Wagner Bundeskanzlerin?
Das schaut im Moment ganz so aus, ja. Der Herbst wird wirklich schwierig werden, da geht es um die Existenz von Millionen Menschen. Da frisst sich gerade Angst in unsere Gesellschaft, weil die Leute wirklich nicht mehr wissen, wie sie über die Runden kommen. Es wird derjenige die nächsten Wahlen gewinnen, der diesen Menschen Antworten geben kann.

Vielleicht doch eine neue Partei?
Das würde mich nicht überraschen. Aber nicht mit mir. - Lacht.

Bleiben Sie Sozialdemokrat?
Ganz bestimmt, das ist ein Reflex. Obwohl ich manchmal die Faust in der Hosentasche balle und mir denke: Geht’s nocht? Aber Partei und Fußballclub, sowas wechselt man nicht.

Finden Sie es legitim, dass Hans Peter Doskozil immer wieder so kritisch gegenüber der Parteivorsitzenden auftritt?
Mein Verhältnis zu Hans Peter Doskozil war nicht immer friktionsfrei. Wir haben uns aber ausgeredet, er hat da den ersten Schritt gemacht, das hatte menschliche Größe. Und ich muss sagen, was er macht, das hat eine klare Handschrift. Doskozil kümmert sich im Burgenland wirklich um die Probleme, von der Pflege bis zum Wohnbau bis zur Biowende. Er ist einer der erfolgreichsten Landeshauptleute. Auf so jemanden in der Partei zu verzichten wäre geradezu irre. Man kann ihn mögen oder nicht, aber das muss man respektieren.

Viele finden , dass er der bessere Spitzenkandidat wäre.
An der Diskussion werde ich mich nicht beteiligen.

Sie selbst waren gerade einmal eineinhalb Jahre Bundeskanzler. Tut es Ihnen manchmal leid, dass es so kurz war?
Ja, ich hätte es gerne besser gemacht… Es ist in der Politik wirklich schwer, sich diesem populistischen Zirkus zu entziehen. Jeden Tag eine Pointe liefern, jeden Tag ein Bild liefern, darunter leidet die konkrete Arbeit. Was hat in der Politik heute noch Substanz? Das ist das große Dilemma: Die existenziellen Fragen werden alle nicht gelöst.

Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihres mittlerweile fünften Nachfolgers?
Karl Nehammer hat keine einfache Aufgabe übernommen, das muss man ihm fairerweise zugestehen. Die ÖVP hingegen hat eineg ute Chance, dem Beispiel der Democrazia Cristiana in Italien zu folgen, die in einem Skandal- und Korruptionssumpf versunken ist. Ich hatte immer ein exzellentes Verhältnis zu vielen der ÖVP-Landeshauptleute - Schützenhöfer, Platter, Haslauer - das sind alles Politiker, die ich hoch respektiere. Aber nach 37 Jahren ist es Zeit, dass die ÖVP sich in der Opposition erneuert. Das wird dem Land guttun.

Zur Person: Getrennt und doch verbunden

Geboren am 4. Jänner 1966 als Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs in Wien-Simmering. Kern studiert Publizistik und engagiert sich schon früh in der SPÖ. 20 Jahre lang ist er in der Wirtschaft tätig, unter anderem als Vorstandsmitglied der Verbund AG , als ÖBB-Chef und als Vorsitzender der Gemeinschaft europäischer Bahnen. 2016 wird Kern SPÖ-Chef und Bundeskanzler. Im Dezember 2017 zieht er sich aus der Politik zurück und gründet die „Blue Minds Company“, die er gemeinsam mit seiner Ex-Frau Eveline Steinberger-Kern und einem weiteren Geschäftspartner führt. Er ist auch Aufsichtsrat und Berater mehrerer israelischer Start-ups, Private Equity-Fonds, europäischer Bahntechnologie-Firmen und Präsident der Austrian Chinese Business Association. Kern hat vier Kinder aus zwei Ehen und lebt in Wien.

Wie sehen Sie die Bundespräsidentenwahl? Keine der großen Parteien hat einen Kandidaten aufgestellt.
Alexander Van der Bellen wird den Sieg ins Ziel tragen, das ist überhaupt keine Frage. Jeder, der gegen ihn kandidiert, hätte einen sehr schweren Stand gehabt. Dennoch wäre es für die Demokratie nicht schlecht gewesen, wenn SPÖ und ÖVP mit eigenen Kandidaten und Argumenten in diesen Wettstreit gegangen wären.

Was wird 2025 sein?
Ich habe schon die Hoffnung, dass wir in der Lage sein werden, die Probleme zu überwinden. Was wir in Österreich echt brauchen, ist eine Strategie für den Wohlstand. „Wir werden ärmer werden“ - das zu sagen ist ja nett, aber man muss auch das Problem und seine Lösung benennen können.

Sie sind deutlich schlanker als noch vor einem Jahr und ein paar graue Haare sind auch dazugekommen. Wie kam es dazu?
Ich mache durch den Hund viel mehr Sport, oft fünf-, sechsmal pro Woche. Sammy ist mein Bewegungscoach. Ich wiege jetzt wieder 76 Kilo, so viel wie bei meiner Matura, obwohl ich es gar nicht angestrebt habe. Auch die Trennung von meiner Frau hat mitgespielt. Wir verstehen uns bestens, alles ist in größtem gegenseitigem Respekt abgelaufen. Aber so eine private Veränderung ist dennoch ein gravierenderer Einschnitt als es mein Abgang aus der Politik war.

Sind Sie wieder auf der Suche?
In meinem Alter hat man klare Vorstellungen und wenig Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Ich ertappe mich auch immer öfter dabei, dass ich statt auszugehen doch lieber den „Economist“ lese.

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