10.03.2022 20:20 |

„Krone“-Reportage

„Ich schäme mich für meinen Hass auf Putin“

Die eine Oma strickt Socken für die Soldaten, die andere betet rund um die Uhr. Die „Krone“ besuchte in der ukrainischen Stadt Stryj zwei Damen, die in der Sowjetunion aufwuchsen.

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Als die „Krone“ auf Besuch kommt, macht Oma Nataliya das, was sie seit dem Beginn des Krieges beinahe rund um die Uhr tut - sie strickt Socken. „Und leider schaut sie nebenbei auch stundenlang Nachrichten. Dabei regt sie sich derart auf, dass sie schon Tabletten für das Herz nehmen muss“, ärgert sich Enkeltochter Uliana.

„Wir wollen nur Frieden haben“
„Ich möchte unsere Soldaten irgendwie unterstützen. Etwa 80 Paar habe ich schon geschafft“, sagt die rüstige 78-Jährige und wirft wieder einen Blick zum Fernseh-Kastl, wo der Putin-Krieg in Dauerschleife läuft. „Warum bloß?“, fragt Nataliya, „wir wollen ja nur Frieden haben, niemandem haben wir etwas Schlechtes getan. Ich fürchte mich. Ich habe Gott gebeten, uns zu helfen. Daher bin ich sicher, dass wieder alles gut werden wird.“

Das Gebet gibt den Ukrainern viel Kraft in diesen schweren Zeiten. Der Großteil der Bevölkerung ist tiefgläubig. Während viele Gebäude aussehen, als würden sie demnächst das Zeitliche segnen, schauen sämtliche Kirchen - und derer gibt es hierzulande viele - wie aus dem Ei gepellt aus.

Russen haben in der Gegend Gebäude markiert
„Jeden Abend, wenn die ganze Familie beisammen ist, beten wir. Auch online, da sind bis zu 60.000 Menschen dabei“, erklärt Enkelin Uliana, die ihr Philosophiestudium in Lemberg vorerst an den Nagel gehängt hat und wieder heim zur Familie in die Kleinstadt Stryj gezogen ist. „Ich will jetzt bei meinen Liebsten sein. Mit meinen Eltern kümmere ich mich um Flüchtlinge und Hilfsgüter“, sagt die 20-Jährige, die sich noch halbwegs sicher fühlt. „Doch im Jänner und Februar waren einige Russen in der Gegend und haben Gebäude markiert.“

„Bin im Krieg geboren, sterbe vielleicht im Krieg“
Weggehen wird die Familie jedenfalls nicht - komme, was wolle: „Ich bin im Krieg geboren, vielleicht sterbe ich auch im Krieg“, sagt die Großmutter mit zittriger Stimme. „Ich habe die Sowjetunion erlebt, wir mussten tun, was die Russen wollten. Jetzt wollen sie wieder unser Land, das wird nicht passieren. Wir wollen unser Leben, unsere Unabhängigkeit. Dafür werden wir kämpfen.“

Uliana nimmt uns mit zu Valentyna, einer pensionierten Uni-Professorin für Geschichte. Ein klappriger Lift, der seine besten Tage zur Stalin-Ära gehabt haben dürfte, bringt uns in den siebenten Stock. Die 76-Jährige sitzt mit dem Rosenkranz auf dem Sofa, die Tränen kann sie nicht verbergen. „Heute war ich das erste Mal ohne Angst einkaufen. Ich fürchte mich vor den Bomben und vor unserer Zukunft“, erzählt die Professorin.

„Ich kann Putin einfach nicht vergeben“
Erst zwei Tage vor Kriegsbeginn ist sie aus London, wo ihr Sohn lebt, zurückgekommen. „Ich bleibe da. London ist ja recht nett, aber das ist meine Heimat, auch wenn ich in Russland geboren worden bin. Hier habe ich mein Leben gelebt, hier habe ich alles“, sagt Valentyna und kämpft wieder vergeblich gegen die Tränen an: „Ich bin ein sehr religiöser Mensch. Gott hat gesagt, wir müssen vergeben. Aber ich kann einfach nicht. Ich schäme mich für meinen Hass auf Putin.“

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