„Bierwirt“ vor Gericht

Mordprozess: „Wir wollen ihm in die Augen schauen“

Am 20. Dezember beginnt der Prozess gegen den „Bierwirt“. Im April soll der 42-Jährige seine langjährige Partnerin, die Mutter seiner beiden Kinder, getötet haben. In der „Krone“ spricht nun die Familie des Opfers über ihr unendliches Leid und ihren Hass auf den mutmaßlichen Täter.

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Vor wenigen Tagen, in einer gemütlichen Wohnung in Wien-Brigittenau. Zierpölster, bequeme Couchen, von Kunsttischlern gefertigte Möbelstücke, bunte Wände, an denen - genauso wie auf Regalen - in prächtige Rahmen gefasste Bilder hängen und stehen. Von einer scheinbar glücklichen Großfamilie.

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Immer sind sie in mir, diese peinigenden Gedanken, jeden Tag, jede Nacht: Hätte ich die Tat irgendwie verhindern können?

Der Vater des Opfers

„Sie wollte anderen immer nur helfen“
„Wir sind wirklich einmal glücklich gewesen“, schluchzt Slobodanka M. (57). Denn so viel hätten sie und ihr Mann dafür getan, um für sich und ihre drei Kinder - nachdem sie vor Jahrzehnten von Serbien nach Österreich ausgewandert waren - in ihrer neuen Heimat eine gesicherte Existenz aufzubauen. „Immer“, fällt Borivoje M. (59) seiner Frau ins Wort, „haben wir beide fleißig gearbeitet.“ Er als Hausmeister, sie als Reinigungskraft.

Die zwei Söhne, die Tochter, „nie machten sie uns Schwierigkeiten, lernten stets brav in der Schule und absolvierten dann gute Ausbildungen“. Ihr einziges Mädchen, „unsere Prinzessin“, zunächst zur Zahnarzthelferin, später zur Krankenschwester: „Sie wollte von klein an anderen helfen, sie war so ein besonders guter Mensch.“ Sie war ...

Marija M. wurde nur 35 Jahre alt. Sie wurde am Abend des 29. April 2021 regelrecht hingerichtet, mit zwei Pistolenschüssen, in ihrer Wohnung - nur wenige Hundert Meter Luftlinie von der ihrer Eltern entfernt. Der mutmaßliche Täter: Albert L. (42), der Vater ihrer beiden Kinder - für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

„Wir wussten, dass er gefährlich ist“
Albert L. - jener „Bierwirt", der bereits 2018 aufgrund von ihm an Sigi Maurer, Klubobfrau der Grünen, verschickter obszöner Nachrichten für Schlagzeilen gesorgt hatte. Er, dieser Mann, der schon von Jugend an immer wieder straffällig geworden war. Wegen Hehlerei, Diebstahl, gefährlicher Drohungen, schwerer Nötigung, Körperverletzungen.

„Wir alle wussten seit Langem, dass er gefährlich ist“, erzählt Slobodanka M., und dicke Tränen laufen über ihre Wangen. Ihr Mann und einer ihrer Söhne - Darko (30) - sitzen neben ihr am Esstisch, stumm, die Köpfe zu Boden gerichtet. „Wir schaffen es ja auch nicht, mit der Tragödie fertigzuwerden“, sagen die Männer leise. Die Trauer um die geliebte Tochter, die geliebte Schwester, „die unendliche Wut auf Ali, das Gefühl, versagt, Marija nicht vor ihm beschützt zu haben - kann uns nichts und niemand nehmen“.

„Haben sie oft auf Notlage angesprochen“
Die Familie hatte geahnt, dass die Krankenschwester regelmäßig von ihrem Partner misshandelt wurde, psychisch und physisch. „Wir haben sie so oft auf ihre Notlage angesprochen, aber sie hat mit uns nie über ihr Drama geredet.“ Nicht einmal, nachdem Albert L. - wenige Wochen vor seiner Tat - versucht hatte, Marija M.s Vater zu töten. Eine Kugel, die er auf den 59-Jährigen abgefeuert hatte, verfehlte ihn nur knapp. „Als unsere Tochter davon erfuhr, machte sie mit Ali Schluss.“

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Meine Tochter lebt in ihren Kindern weiter. Ich versuche ihnen dabei zu helfen, ihr schweres Schicksal zu meistern.

Marija M.s Mutter

Woraufhin er - wieder einmal - drohte, sie, ihre Eltern, ihre Brüder umzubringen. „Und nein, wir trauten uns - wieder einmal - keine Anzeige gegen ihn zu machen. Weil wir fürchteten, er könnte bloß kurz in Haft bleiben. Und danach seine Ankündigung in die Realität umsetzen."

„Meine Mama wusste, dass sie früh sterben wird“
Und freilich blieb sie, die Angst vor Albert L.: „Wir boten Marija an, mit ihren Kindern bei uns unterzutauchen. Sie lehnte das ab, weil sie nicht glaubte, dass er dazu fähig wäre, zum Äußersten zu schreiten.“ „Doch, das hat sie getan“, mischt sich Victoria (Name geändert), die 13-jährige Tochter des Opfers, in das Gespräch ein. Sie und ihr Bruder (3) leben seit dem Tod ihrer Mutter bei den Großeltern.

Und plötzlich beginnt es aus dem Mädchen herauszusprudeln: „Mama hat gewusst, dass sie jung sterben wird. Seit ich zehn war, bläute sie mir ein, wie ihr Begräbnis auszurichten sei. Wir sollten dabei alle bunte Kleider tragen, und ihr Lieblingslied - ,Das Leben ist schön‘ von Sarah Connor - spielen.“

Victoria ist von klein an mit Bösem konfrontiert gewesen. Sie war oft dabei, wenn ihr Vater ihre Mutter schlug. Sie hörte, wenn er sie mit Mord bedrohte. Sie fürchtete sich vor ihm, wenn er betrunken heimkam. Sie mochte ihn, „wenn er nett zu meiner Mama, meinem Bruder und mir war“. Und die Gymnasiastin, die beinahe erschreckend erwachsen wirkt in ihrer spürbaren Verletzlichkeit, sagt auch: „Meine Mama hat mir vor der Geburt meines Bruders erklärt, warum sie noch ein Kind von meinem Papa bekommt: Weil sie sich wünschte, dass ich, wenn sie nicht mehr da ist, einen ganz nahen Verwandten habe. Damit ich nicht alleine bin auf dieser Welt.“

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Ich schreibe meiner Mama oft Briefe, in denen ich ihr über mich erzähle – und in denen ich ihr sage, wie sehr ich sie liebe.

Die 13-jährige Tochter der Verstorbenen

„Will ihm Fragen nach dem Warum stellen“
Slobodanka, Borivoje und Darko M. sind erschüttert: „Warum hast du uns früher nichts über all das berichtet?“ Victoria schweigt. Was sind ihre Empfindungen Albert L. gegenüber? „Ich hasse, ihn, weil er mir das Liebste, meine Mama, genommen hat. Aber ich habe mit ihm noch nicht abgeschlossen. Ich will - nach seiner Verhandlung - zu ihm ins Gefängnis gehen und ihm Fragen stellen, nach dem Warum. Und irgendwie hoffe ich, dass der ,gute Teil‘ - den es in ihm gibt - größer geworden ist.“

Es scheint, als würde ihr Vater für sie wie ihr „Haustier“, ein blauer Krebs, sein: „Ich versuche durch die Glaswand seines Aquariums eine Beziehung zu ihm aufzubauen; aber er beißt zu, wenn ich meine Hände in das Wasser stecke.“

Wie, Victoria, wirst du mit deinem Schicksal fertig? „Indem ich meiner Mama Briefe schreibe und so mit ihr in Verbindung bleibe. Und indem ich mich nicht auf das Früher, sondern auf die Zukunft konzentriere. Eine gute Schülerin bin, damit ich mir meinen Berufstraum erfüllen kann: Kinderpsychiaterin zu werden.“

Der mutmaßliche Täter gilt als brandgefährlich
Das Mädchen wird, genauso wie seine Großeltern und ihre Onkel, bei dem Prozess gegen Albert L., der am 20. und 22. Dezember im Wiener Landesgericht stattfindet, dabei sein. „Wir alle wollen ihm in die Augen schauen." Wenn er sich für sein grauenhaftes Verbrechen zu verantworten hat.

In einem Psycho-Gutachten über den 42-Jährigen ist zu lesen: „Bei ihm liegt eine schwere Persönlichkeitsstörung vor.“ Aber nicht in einem Ausmaß, das es ihm unmöglich gemacht hätte, das Unrecht seines Handels zu erkennen. Und: Der Mann gilt als brandgefährlich.

Victorias Vater droht somit das schlimmste Urteil, das in Österreich verhängt werden kann: lebenslang, plus Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. „Aber keine Strafe“, so Marija M.s Mutter, „kann so fürchterlich sein wie das Leid, das ich durch den Tod meiner Tochter durchmache.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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